Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Germanistik gewusst hätte

Dreht sich wirklich alles nur um Textanalyse? Was sollte man mitbringen, um im Studium motiviert zu bleiben? Und was macht man mit einem Abschluss in Germanistik? Student David Brißlinger erklärt sein Fach.
Aufgezeichnet von Lisa Srikiow
Romane, Gedichte, theoretische Essays: Im Germanistikstudium wird viel gelesen (Symbolbild)

Romane, Gedichte, theoretische Essays: Im Germanistikstudium wird viel gelesen (Symbolbild)

Foto: Shestock / DEEPOL / plainpicture
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Germanistinnen und Germanisten sind breit aufgestellt: Sie können nach dem Studium in Verbänden, in Verlagen, im Journalismus oder – falls sie auf Lehramt studiert haben – als Lehrerin oder Lehrer arbeiten. Zunehmend erschließen sie sich auch andere Berufsfelder, zum Beispiel bei Unternehmensberatungen oder als Computerlinguisten im Bereich der Spracherkennung. Gemeinsam haben die meisten eines: ihre Begeisterung für die deutsche Sprache und für deutsche Literatur.

David Brißlinger, 25, studiert Germanistik im Master an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er erklärt, warum Mitschreiben unwichtig ist, wie er seinen roten Faden im Studium gefunden hat und für welchen Tipp er besonders dankbar ist.

Die Entscheidung fürs Germanistikstudium

»Ich bin über Umwege zur Germanistik gekommen. Nach dem Abitur hatte ich zuerst mit Physik an der LMU angefangen, aber schnell gemerkt, dass ich dabei nicht bleiben wollte. Mit dem fest vorgegeben Stundenplan war mir das Fach einfach zu verschult.

Also recherchierte ich, was ich stattdessen machen könnte. Durch einen Bekannten, der bereits Germanistik studierte, kam ich schließlich auf dieses Fach. Ich setzte mich in mehrere Veranstaltungen und merkte, dass es mir liegt.«

Formale Voraussetzungen für ein Germanistik-Studium:

  • Germanistik wird in erster Linie an Universitäten gelehrt. Um dort zugelassen zu werden , braucht man in der Regel das Abitur, in bestimmten Fällen genügt die Fachgebundene Hochschulreife.

  • An sehr vielen Hochschulen ist das Fach zulassungsfrei . Dort, wo es einen Numerus Clausus (NC) gibt, liegt er zwischen den Noten zwei und drei.  

  • Zuweilen werden Fremdsprachenkenntnisse, beispielsweise Englisch, vorausgesetzt.

Was man sonst noch mitbringen sollte: Wer Germanistik studiert, muss sich darauf einstellen, sehr viel zu lesen – nicht nur Romane, Gedichte und Dramen aus dem Literaturkanon, sondern auch theoretische Essays und Standardwerke.

Inhalte und Aufbau des Studiums 

»An Germanistik gefällt mir vor allem die große Wahlfreiheit. Bei uns in München muss man nur am Anfang des Studiums Einführungsseminare zu allen drei großen Teilbereichen belegen – Mediävistik, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Linguistik. Danach wählt man einen ab, konzentriert sich auf die zwei verbleibenden und sucht sich darin die Seminare aus, die einen am meisten interessieren.

Die Bandbreite ist groß: In Mediävistik, also Literaturwissenschaft des Mittelalters, sind beispielsweise Werke wie das Nibelungenlied oder die Artus-Romane sehr präsent, außerdem muss man Mittelhochdeutsch lernen. In der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft gibt es zum Beispiel Seminare zu Thomas Manns Werken oder auch nur zu seinem Roman ›Der Zauberberg‹. In Linguistik arbeitet man weniger mit Texten, da geht es eher um die Logik hinter der Sprache. Man könnte sagen, das ist der naturwissenschaftliche Teil der Germanistik. 

Oft ist es übrigens so: Entweder kann man mit Mediävistik oder mit Linguistik gar nichts anfangen – und liebt dafür das jeweils andere Fach umso mehr. Ich tat mich mit Linguistik schwer: Für die Klausur im Einführungsseminar lernten wir nur die Folien auswendig, das machte wirklich keinen Spaß.«

Typische Pflichtfächer: Einführungsveranstaltungen in die Germanistische Mediävistik, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Germanistische Sprachwissenschaft (Linguistik)

Beispiele für Proseminare:

  • Proseminare Mediävistik (z.B. Sangspruchdichtung, Nibelungenlied oder Naturphilosophie in der Literatur des Mittelalters)

  • Proseminare Neuere Deutsche Literaturwissenschaft (z.B. Europabilder in Literatur und Film, Franz Kafkas Erzählungen oder Barocke Lyrik)

  • Proseminare Linguistik (z.B. Phonetik und Phonologie des Deutschen, Sprache im Alter oder Wortbildung)

Neben Germanistik als Kernfach müssen Studierende meist ein Ergänzungs- oder Nebenfach aus dem kultur- oder sozialwissenschaftlichen Bereich belegen.

»Ab dem zweiten Semester schreibt man vor allem Hausarbeiten, manchmal hält man außerdem Referate oder übernimmt eine Stundenleitung. Für eine kleine Hausarbeit von zehn bis fünfzehn Seiten brauche ich etwa drei Wochen. Da man so viel schreibt, empfehle ich, eine Formatvorlage für die Arbeiten zu erstellen. Das spart enorm viel Arbeit. Ich kenne so viele Leute, deren Noten sich wegen Formfehlern und nicht aufgrund des Inhalts verschlechtert haben.

Ein Dozent gab mir einen weiteren wertvollen Tipp: Er sagte, ich solle mich in so viele Seminare wie möglich setzen – auch oder gerade wenn ich gar keine Ahnung vom Thema habe. Deswegen belegte ich gerade in den ersten Semestern wesentlich mehr Kurse, als ich gemusst hätte. Das würde ich jedem raten, der mit Germanistik anfängt – denn nur so findet man das Thema, für das man brennt.

Bei mir ist das mittelalterliche Mystik. Ich stieß in einem Seminar auf den Mystiker Heinrich Seuse, mit dem ich mich schließlich auch in meiner Bachelorarbeit auseinandersetzte. Das Thema ist so spannend, weil Theologie, Philosophie, Germanistik und Geschichte mit einfließen. Die Texte zeigen, dass Religion damals im Leben der Menschen noch eine ganz andere Rolle gespielt hat, wie politisch das alles war. Dass ich jetzt einen Master mache, hat auch mit dieser Leidenschaft zu tun – ich will mich noch mehr mit der mittelalterlichen Mystik beschäftigen.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»Engagement ist im Germanistikstudium total wichtig. Ich habe oft erlebt, dass zwanzig Leute in einem Seminar sitzen, drei mit dem Dozenten den Text diskutieren und der Rest am Laptop mitschreibt. Aber: Einfach nur mitzuschreiben, bringt nichts. Man muss sich einbringen, nur so bleibt man motiviert und kommt weiter.

Außerdem sollte man sich ausprobieren, damit es später bei der Jobsuche gut läuft. Ich arbeite nebenher in der Redaktion einer Softwareagentur, außerdem habe ich ein Kleingewerbe als Texter angemeldet. Vielleicht entscheide ich mich auch noch für eine universitäre Laufbahn, das wird sich in den nächsten zwei Jahren klären.«

Branchen und Gehälter:

Wie andere Geistes- und Sozialwissenschaften bereitet das Germanistik-Studium nicht auf einen konkreten Beruf vor. Studierende müssen sich parallel zum Studium Praxiserfahrung und zusätzliche Qualifikationen erarbeiten, eigenständig oder im Rahmen von vorgeschriebenen Praktika. Nach dem Studium können Germanistinnen und Germanisten zum Beispiel in Verlagen, Bibliotheken, Redaktionen oder Werbeagenturen sowie in der Erwachsenenbildung arbeiten. Auch eine akademische Laufbahn ist eine Option.

Absolventinnen und Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer verdienen laut StepStone Gehaltsreport  durchschnittlich 35.575 Euro brutto im Jahr. Mit rund 37.000 Euro bekommen sie im Öffentlichen Dienst und bei Verbänden am meisten Gehalt, in Werbung, PR und Marketing sind es knapp 34.000 Euro.

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