Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Gerontologie gewusst hätte

In einer älter werdenden Gesellschaft sind angehende Gerontologen gefragt. Studentin Jelske Schimmelpenning sorgt sich wenig um ihre berufliche Zukunft. Doch nicht alle Kurse fallen ihr leicht.
Von Helen Hahne
Viele Studierende der Gerontologie absolvieren ein Praktikum in einer Betreuungseinrichtung für ältere Menschen

Viele Studierende der Gerontologie absolvieren ein Praktikum in einer Betreuungseinrichtung für ältere Menschen

Foto: Shestock / DEEPOL / plainpicture
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Wie kann man Menschen in schwierigen Lebenssituationen helfen? Mit dieser Frage beschäftigen sich Menschen, die im Sozialwesen arbeiten. Sie betreuen Obdachlose als Streetworker:innen, kümmern sich als Familienbetreuer:innen um überforderte Eltern oder leiten Einrichtungen wie Pflegeheime oder Sozialabteilungen in Behörden.

Der Studienbereich Sozialwesen umfasst unterschiedliche Studiengänge, darunter fasst das Statistische Bundesamt einige aus den Bereichen Soziale Arbeit oder Sozialmanagement, außerdem gibt es Schwerpunktstudiengänge wie Frühkindliche Bildung, Soziale Verwaltung oder Gerontologie, auch Alterswissenschaften genannt.

Jelske Schimmelpenning, 24, studiert Gerontologie im zweiten Mastersemester an der Universität Vechta, wo sie auch ihren Bachelor im selben Fach abgeschlossen hat. Sie erzählt, welche Fächer besonders lernintensiv sind und worauf man beim Pflichtpraktikum achten sollte.

Die Entscheidung für Gerontologie

»Für mein Fachabitur habe ich damals einen sozialpädagogischen Schwerpunkt gewählt. Während meines letzten Schuljahres arbeitete ich ein halbes Jahr im Altenheim in der Pflege. Die Gespräche mit den Senior:innen über ihre bewegte Vergangenheit berührten mich sehr. Die Arbeit war körperlich anstrengend, das hätte ich mir auf Dauer nicht vorstellen können. Aber ich merkte, dass ich Interesse an der Verwaltung einer solchen Pflegeeinrichtung habe.

Ein Freund, der in Vechta lebte, brachte mich dann auf das Fach Gerontologie. Dabei handelt es sich um eine Spezialisierung innerhalb des Fachbereichs Sozialwesen, Gerontologie hat viele Überschneidungen mit den Inhalten der Sozialen Arbeit. Ich konnte mich sofort einschreiben, weil der Studiengang in Vechta NC-frei ist.

Da es im Sozialwesen so viele unterschiedliche Ausrichtungen gibt, würde ich empfehlen, sich vorher auf den Seiten der Unis gut zu informieren und die Beratungsangebote der Hochschulen zu nutzen. Oft gibt es auch Erfahrungsberichte von älteren Studierenden, die einen guten Einblick vermitteln.«

Formale Voraussetzungen für ein Studium im Bereich Sozialwesen:

  • Studiengänge im Bereich Sozialwesen  werden häufig an Fachhochschulen angeboten, dort ist die Fachhochschulreife Voraussetzung für die Zulassung. An Universitäten braucht es das Abitur oder die Fachgebundene Hochschulreife.

  • Ob es einen NC  gibt, hängt von der jeweiligen Hochschule und der Spezialisierung im Fach ab.

  • Weitere Informationen zum Studienfach Gerontologie gibt es auf der Website der Bundesagentur für Arbeit .

Was man sonst noch mitbringen sollte: Einfühlungsvermögen – egal, ob man später direkt mit Menschen arbeitet oder eine Leitungsfunktion übernimmt, der Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen steht im Studium im Mittelpunkt.

Inhalt und Aufbau des Studiums

»Gerontologie ist eine spezielle Fachrichtung, die aber bei den Vorlesungen viele Überschneidungen mit anderen Studiengängen aus dem Bereich Sozialwesen hat. Wir belegen zum Beispiel Kurse aus den Bereichen VWL, BWL, Psychologie und Sozialrecht.

Zusätzlich haben wir Kurse, in denen wir uns explizit mit älteren Menschen auseinandersetzen, zum Beispiel »Altern und Gesellschaft«. Darin diskutieren wir die Bedingungen des Altwerdens und welchen Einfluss sie auf das Lebensende haben: ob man früh verwitwet war; wann man in Rente gegangen ist und welchen Job man ausgeübt hat; ob es Familienmitglieder gibt, die unterstützen können.

Typische Pflichtfächer im Bereich Sozialwesen: Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Betriebs-, Rechts- und Verwaltungswissenschaften

Mögliche Wahlfächer: Elementarerziehung, Erziehungshilfe, Familienhilfe, Jugendarbeit, Rehabilitation und Gesundheit, Altenarbeit, Interkulturelle Soziale Arbeit, Erwachsenenbildung, betriebliche Sozialarbeit, Freizeitpädagogik, Drogenhilfe, Resozialisierung, Stadtteilarbeit oder Sozialmanagement

Ich habe mich zwar vorher mit dem Studium auseinandergesetzt, erschrak dann aber doch über den großen Anteil an VWL, BWL, Recht und Statistik. Mathe ist nicht gerade meine Stärke, deshalb waren diese Module für mich besonders lernintensiv. Ich kann nur raten, kontinuierlich die Inhalte der Vorlesungen durchzuarbeiten. Am besten geht man die Sitzung kurz danach noch einmal für sich durch und verschriftlicht die wichtigsten Learnings. Leider habe ich das nicht immer geschafft. In der Prüfungsphase saß ich dann acht bis zehn Stunden am Schreibtisch.

Das Studium ist auch sehr leseintensiv. Viele Texte sind anspruchsvoll, man muss sie drei- bis viermal durchgehen, bis man sie versteht und wiedergeben kann. Auch kleinere Forschungsprojekte waren in meinem Studiengang an der Tagesordnung. Zum Beispiel haben wir mit einer älteren Dame ein sogenanntes ›Walking Interview‹ geführt. Während eines Spaziergangs erzählte sie uns, was ihr Leben im Alter schwierig macht, zum Beispiel der Zustand der Gehwege. Die Ergebnisse haben wir dann mit den gelernten Theorien verknüpft und daraus Modelle für eine altersfreundliche Stadt abgeleitet. Diese Forschungsprojekte und das gesamte Studium haben mir immer viel Spaß gemacht.

Mein Pflichtpraktikum habe ich in einer Einrichtung für behinderte Menschen gemacht und dort die älteren betreut. Ich hätte dort gern noch mehr Einblicke in die Verwaltung oder das Personalmanagement gewonnen. Daraus können andere vielleicht lernen: Am besten bespricht man die eigenen Wünsche und Erwartungen vorab mit dem oder der Praktikumsbetreuer:in.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»An der Uni gibt es regelmäßig Vorträge von ehemaligen Studierenden, die berichten, was sie jetzt beruflich machen. Zu Besuch war unter anderem schon eine Absolventin, die in der Verwaltung eines ambulanten Pflegedienstes arbeitet, und eine, die sich in einem Altenheim ums Personalmanagement kümmert.

Absolvent:innen der Gerontologie stehen viele Türe offen, wegen des demografischen Wandels gibt es immer mehr alte Menschen, die uns brauchen. Und im Sozialwesen werden – wie fast überall – in den nächsten Jahren viele Stellen frei, weil Kolleg:innen in Rente gehen.

Ich könnte mir gut vorstellen, in die Verwaltung, ins Personalmanagement oder ins Entlassmanagement zu gehen. Wer in diesem letzten Bereich arbeitet, entscheidet zum Beispiel, was mit älteren Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt passiert: Können sie wieder nach Hause? Brauchen sie eine Pflegekraft, oder müssen sie in ein Seniorenwohnheim ziehen? Was es da zu bedenken gibt, finde ich sehr spannend.«

Branchen und Gehälter:

Ein Studium im Bereich Sozialwesen kann vielfältige Schwerpunkte haben, dementsprechend gibt es viele Berufsbilder. Absolvent:innen sind zum Beispiel als Betreuer:innen in Wohngruppen oder Jugendzentren tätig, aber auch in Kliniken und Rehabilitationszentren, in der Erwachsenenbildung, in Organisationen oder Verbänden und oft bei kirchlichen Trägern. Je nach Abschluss sind in vielen Bereichen Leitungspositionen möglich.

Ein klassisches Berufsbild für Gerontolog:innen  gibt es nicht. Sie managen zum Beispiel Pflegeeinrichtungen, sind in Seniorenberatungszentren beschäftigt, entwickeln altersgerechte Konzepte für Kommunen und Städte, beraten Wohlfahrtsverbände oder arbeiten in der Altersforschung. Laut Bundesagentur für Arbeit  verdienen Gerontolog:innen im Durchschnitt 4986 Euro brutto im Monat.

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