Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Geschichtswissenschaft gewusst hätte

Wer Geschichte studiert, muss viel lesen und arbeitet später im verstaubten Hinterzimmer eines Museums? Kai Rehbaum sagt, was dran ist an den Gerüchten. Und warum er allen ein Auslandssemester empfiehlt.
Aufgezeichnet von Helen Hahne
Antike, Mittelalter, Neuzeit und Moderne – das Studium gibt einen Überblick über alle Epochen (Symbolbild)

Antike, Mittelalter, Neuzeit und Moderne – das Studium gibt einen Überblick über alle Epochen (Symbolbild)

Foto: martin-dm / E+ / Getty Images
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Historiker:innen beschäftigen sich mit der Vergangenheit und fragen, was wir daraus für die Gegenwart und die Zukunft lernen können. Wie realistisch ist Babylon Berlin? Wie viel Kuchen hat Marie Antoinette eigentlich ans Volk verteilt? Und wie lief die Schlacht zwischen den Germanen und den Römern wirklich ab? Auf all das haben Historiker:innen Antworten. Sie gestalten zum Beispiel Museen, arbeiten in Gedenkstätten oder in der Erwachsenenbildung.

Kai Rehbaum, 23, hat Geschichte, Politik und Philosophie mit Schwerpunkt Geschichte an der Universität Potsdam studiert und gerade seine Bachelorarbeit über Sozialpolitik im Nationalsozialismus geschrieben. Er berichtet, wie das Studium aufgebaut ist, wie viel Zeit man in der Bibliothek verbringt, und warum einen das hohe Lesepensum nicht abschrecken sollte.

Die Entscheidung für Geschichtsstudium

»Schon als Kind interessierte ich mich für die Antike und Frühe Neuzeit, in meiner Jugend vor allem für die Diktaturen des 20. Jahrhunderts, insbesondere die Geschichte des Nationalsozialismus. Außerdem hatte ich immer gute Noten, deshalb habe ich das Fach auch als Leistungskurs gewählt.

Mir gefiel, dass man im Geschichtsunterricht die Vogelperspektive einnimmt und so auch gegenwärtige Entwicklungen und Probleme besser versteht. Die Entscheidung fürs Geschichtsstudium fiel mir also leicht: Ich freute mich darauf, mit einem Rucksack voller Bücher aus der Bibliothek nach Hause zu kommen, um ein Thema wirklich von vorn bis hinten auszuarbeiten und dabei immer wieder neue Erkenntnisse über meine Umwelt und mich zu gewinnen.

Im April habe ich meinen Bachelor in Geschichte, Politik und Soziologie an der Uni Potsdam abgeschlossen, mein Schwerpunkt lag auf der Geschichtswissenschaft. Seit diesem Semester studiere ich jetzt den Master Zeitgeschichte, ebenfalls in Potsdam. Ich finde besonders den thematischen Schwerpunkt hier gut: Die Uni kooperiert mit anderen wissenschaftlichen Instituten wie dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam oder dem Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien. Auf so etwas lohnt es sich bei der Wahl des Studienorts zu achten.«

Formale Voraussetzungen:

  • Das Geschichtsstudium wird von Universitäten und gleichgestellten Hochschulen angeboten. Zugangsvoraussetzung  ist das Abitur oder gegebenenfalls das Fachabitur.

  • Geschichte kann man als Einzel- oder Kombinationsstudiengang oder auch als Lehramtsfach studieren.

  • An manchen Universitäten kann es interne Auswahlverfahren geben. Auch ein Sprachnachweis in Englisch oder Latein wird an manchen Standorten verlangt.

Was man sonst noch mitbringen sollte: Viel Spaß am Lesen, denn bevor man eigene Schwerpunkte wählen kann, muss man sich in alle Epochen  der Geschichte einarbeiten: Alte Geschichte/Antike (bis ins 7. Jahrhundert nach Christus), Mittelalter (bis 1500), Neuere Geschichte (bis ins 20. Jahrhundert) und Neueste Geschichte/Zeitgeschichte (ab 1918 bzw. 1945).

Inhalte und Aufbau des Studiums

»Im Bachelor lernt man die Grundlagen des wissenschaftlichen Schreibens und eignet sich Grundwissen über die verschiedenen Epochen der Geschichte an: Antike, Mittelalter, Neuzeit und Moderne. Im Laufe des Studiums muss man diese Grundmodule abgeschlossen haben. Die meisten machen das in den ersten beiden Semestern, ich habe sie zum Teil aber auch später belegt. Mittlerweile liegt mein Schwerpunkt auf der Zeitgeschichte ab 1945.«

»Grundsätzlich gibt es im Studium Vorlesungen, die Überblickswissen zu einem bestimmten Thema oder einer Epoche vermitteln, und zusätzlich Seminare zur Vertiefung. Diese sind sehr leseintensiv – bei sechs Kursen im Semester kommen schnell über 150 Seiten pro Woche zusammen. Am Anfang hatte ich ein bisschen Respekt vor den wissenschaftlichen Texten, die sich nicht so leicht lesen lassen wie ein Historienroman. Das Gute ist aber, dass man sie in den Seminaren noch einmal gemeinsam bespricht. Wenn man die Texte konzentriert liest und wichtige Stellen markiert, kommt man gut mit.

Klausuren gibt es vor allem am Anfang, später schreibt man viele Hausarbeiten. Vor dem Studium sollte einem klar sein: Pro einstündigem Kurs kommt bestimmt noch einmal die doppelte Zeit an Vor- und Nachbereitung obendrauf – man hockt also sehr viel in der Bibliothek.«

Typische Pflichtmodule: Alte Geschichte, Neue Geschichte, Mittelalter, Neueste Geschichte

Mögliche Wahlbereiche: Europäische Geschichte, Außereuropäische Geschichte, Landesgeschichte, Rechts- und Verfassungsgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

»Vor Corona hatten wir aber auch genügend Zeit für ein klassisches Studierendenleben mit Kaffeetrinken und Kneipenabenden – auch wenn wir da oft weiterdiskutiert haben. Im fünften Semester habe ich außerdem ein Auslandssemester in Southampton, England, absolviert. Das war eine super Erfahrung, die ich jedem empfehlen würde. Jedes Land und jede Universität ist anders geprägt, und man blickt noch einmal neu auf historische Ereignisse.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»Während des Studiums an der Uni Potsdam absolviert man ein Pflichtpraktikum, das man gut nutzen kann, um sich beruflich zu orientieren. Ich habe für drei Monate bei der Brandenburgischen Historischen Kommission gearbeitet. Dort konnte ich in verschiedenen wissenschaftlichen Projekten mitwirken, neben Rechercheaufgaben habe ich zum Beispiel auch Archivmaterialien ausgewertet.

Auch nach dem Bachelor gibt es schon viele Möglichkeiten, in den Beruf einzusteigen. Historikerinnen und Historiker finden Arbeit in Museen, Archiven, Bibliotheken oder der Tourismusbranche. Der akribische Blick in die Vergangenheit kann uns viel über unsere Gegenwart erklären. Ein Blick in die Kolonialgeschichte bietet beispielsweise interessante Erkenntnisse über den Rassismus in ›westlichen‹ Gesellschaften heute.

Ich habe mich trotzdem entschieden, den Master in Zeitgeschichte zu machen – um mich weiter für eine spätere Arbeit in der historischen Forschung zu qualifizieren.«

Branchen und Gehälter:

In Museen und Kultureinrichtungen, im Öffentlichen Dienst, in Redaktionen und im Marketing sind Geschichtswissenschaftler:innen gefragt. Mit einem Lehramtsstudium steht auch der Beruf als Lehrkraft offen. Eine wissenschaftliche Karriere erfordert im Regelfall eine Promotion.

Bachelor-Absolvent:innen der Geschichtswissenschaften steigen laut Stepstone-Gehaltsreport  durchschnittlich mit einem Brutto-Lohn von 35.134 Euro in den Beruf ein – mit einem Master liegt das Einstiegsgehalt bei 36.946 Euro.

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