Ghosting im Job Wenn der Bewerber plötzlich weg ist

Eigentlich lief alles gut, doch dann meldet sich das Gegenüber nicht mehr. Warum sich Jobsuchende tot stellen – und welche Konsequenzen ihnen drohen. Ein SPIEGEL-Best-of-2020-Text.
Einfach nicht mehr melden: Sowohl beim Dating als auch im Job keine gute Idee

Einfach nicht mehr melden: Sowohl beim Dating als auch im Job keine gute Idee

Foto: Francesco Carta / Moment RF / Getty Images

Monatserster. Für viele Arbeitnehmer der Start in ein neues Arbeitsverhältnis. So auch für Jonas P.*, 33, – jedenfalls auf dem Papier. Denn er hat am ersten Tag seines neuen Jobs im Marketing etwas anderes vor. »Auf den Tag fiel ein Vorstellungsgespräch für eine andere Stelle und ich wollte schauen, ob der andere Job nicht doch besser ist.« Statt seinem eigentlichen Arbeitgeber von seinen Zweifeln zu erzählen, bleibt er ohne Ankündigung weg. Jonas hat das Unternehmen geghostet.

Das »Ghosting« kennt man eigentlich vom Dating. Dort bezeichnet der Begriff das Verhalten von Menschen, die sich trotz anfänglicher Annäherung irgendwann einfach nicht mehr melden – ohne ihrem Gegenüber mitzuteilen, was zum Kontaktabbruch geführt hat. Doch dieses Phänomen gibt es nicht nur auf Tinder – auch in der Arbeitswelt greift es um sich.

Ghosting im Bewerbungsprozess

Aus den USA gibt es Zahlen, die das Jobportal Indeed 2019 in einer Studie  veröffentlicht hat. Dort gaben 69 Prozent der befragten Unternehmen an, dass Ghosting in den zwei Jahren vor der Befragung erstmals aufgetreten ist. Insgesamt waren 83 Prozent der Unternehmen schon einmal von einem Bewerber oder einer Bewerberin geghostet worden.

Das Ghosting kann dabei unterschiedliche Formen annehmen. Auch die Ghoster selbst wurden in der Studie befragt: Die Hälfte von ihnen gab an, schon einmal nicht zum Vorstellungsgespräch erschienen zu sein, 46 Prozent hatten nicht mehr auf Nachrichten reagiert. Nicht zum ersten Arbeitstag erschienen – so wie Jonas – waren 22 Prozent. (Mehrfachnennungen möglich)

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Emine Yilmaz ist Vice President für den Bereich Direktvermittlung beim Personaldienstleister Robert Half in München. Sie vermittelt täglich Menschen in Jobs – und meint, eine Zunahme von Ghosting zu beobachten. Die Zahl der Bewerberinnen, die irgendwann im Bewerbungsprozess verschwinden, habe sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt, schätzt sie.

Aktuell verschwänden drei bis vier von zehn Bewerbern irgendwo im Laufe der Bewerbung. »Interessanterweise umso mehr, je weiter der Bewerbungsprozess vorangeschritten ist«, so Yilmaz. Sobald der Arbeitsvertrag unterschrieben sei, ghosteten jedoch wieder weniger Arbeitnehmer. Ihrer Erfahrung nach arbeite ungefähr einer von zehn Mitarbeitern einen oder zwei Tage und tauche dann nicht mehr auf.

Warum Arbeitnehmer wegbleiben

Die Gründe fürs Ghosting sind unterschiedlich, meint Yilmaz. Einige Bewerber möchten mit ihrer Absage den Personaler nicht vor den Kopf stoßen, vermutet sie, und meldeten sich deswegen nicht mehr. Andere Jobsuchende unterschrieben sicherheitshalber einen Arbeitsvertrag beim Arbeitgeber der zweiten Wahl und hofften, dass sie doch den ersehnten Job beim Wunscharbeitgeber bekommen. Komme es so, sei der Zweite-Wahl-Arbeitsvertrag für sie hinfällig, und sie zeigten sich niemals am Arbeitsplatz.

Genau diese Argumentation führt auch Jonas an: »Die Aussichten in dem ersten Job waren schlecht. Daher war mir klar, dass ich dort nicht mehr auftauche, wenn das Vorstellungsgespräch bei der anderen Firma gut läuft.«

Klar muss den Ghostern allerdings auch sein: So eine Aktion kann Folgen haben. Denn Ghosting kann massive Kosten verursachen, die umso höher sind, je später der Bewerber sich rar macht. Ein geschwänztes Bewerbungsgespräch ist für einen Arbeitgeber zwar ärgerlich und kostet Zeit, erscheint der neue ITler jedoch nicht zum geplanten Projektstart, kann der Schaden beträchtlich sein. 

Eine verbindliche Absage ist deshalb auch aus juristischen Gründen unerlässlich. Ein Termin zum Vorstellungsgespräch ist nicht rechtlich bindend, ein unterschriebener Arbeitsvertrag dagegen schon. »Der Mitarbeiter ist dann verpflichtet zu erscheinen, sofern keine Gründe für das Nichterscheinen – zum Beispiel eine Krankheit – vorliegen«, mahnt Christian Michels, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Mainz. Jonas ist also ein hohes Risiko eingegangen, erklärt Michels: »Dem unentschuldigt fehlenden Mitarbeiter drohen Schadensersatzansprüche des Arbeitgebers und, sofern wirksam vereinbart, Vertragsstrafen für jeden Tag des Nichterscheinens.«

Entsprechende Passagen in Arbeitsverträgen sieht auch Emine Yilmaz häufiger: »Aufgrund der schlechten Erfahrungen gehen immer mehr Arbeitgeber dazu über, Klauseln für den Fall zu vereinbaren, dass der Mitarbeiter ohne Begründung der Arbeit fernbleibt.« 

Unverbindlichkeit wird bestraft

Doch auch wenn man sich schon aus dem Staub macht, bevor ein Vertrag unterschrieben ist: Mit Ghosting können sich Bewerberinnen selbst ein Bein stellen. »Man sieht sich immer zweimal im Leben«, warnt Yilmaz. »Der Arbeitgeber, der heute uninteressant ist, kann morgen den Traumjob ausschreiben. Bewerber, die schon einmal das Unternehmen geghostet haben, versperren sich eine Tür.« 

Daher rät Yilmaz zu einem offenen Gespräch. »Manche Unternehmen wissen gar nicht, dass die Mitarbeiterin oder der Bewerber unglücklich ist.« Einige ändern die Rahmenbedingungen, um den Mitarbeiter zu halten oder suchen nach einer anderen Lösung. »Das geht aber nur, wenn der Arbeitgeber weiß, was er ändern soll. Wenn es trotzdem nicht passt, kann man immer noch eine Freistellung oder einen Aufhebungsvertrag vereinbaren – besser als zu ghosten«, sagt sie.

Jonas ist am Ende doch bei seiner Arbeitsstelle erschienen. »Das zweite Bewerbungsgespräch ist nicht gut gelaufen. Daher bin ich am zweiten Tag doch zu dem Job gegangen.« Für den ersten Arbeitstag habe er sich nachträglich die Stunden der Probearbeitstage anrechnen lassen. »Der Chef war am ersten Tag ohnehin nicht da und die Kollegen hat es nicht weiter interessiert«, erzählt er. Von langer Dauer war die Beschäftigung aber nicht: Kurz danach hat Jonas sich neu beworben und seinen Job gewechselt. Diesmal hat er seinem alten Arbeitgeber aber Bescheid gesagt.

* Jonas möchte anonym bleiben und heißt eigentlich anders.

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