(Nicht mehr) einsam im Homeoffice Warum uns Büro-Gossip guttut

Von zu Hause zu arbeiten, macht mich effektiver – aber nicht immer glücklicher. Wenn ich jetzt ins Büro zurückkehre, freue ich mich vor allem auf die Plauderei in der Kaffeeküche (die ist wichtig, sagen auch Experten).
Eine Würdigung von Katharina Hölter
Klatsch und Tratsch schweißen zusammen (Symbolbild)

Klatsch und Tratsch schweißen zusammen (Symbolbild)

Foto: We Are / Digital Vision / Getty Images

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Tratschen hat nicht den besten Ruf, aber wir tun es alle. Wirklich alle. Die Urvölker tratschten, die Menschen im Mittelalter, die alten Römer, der Pöbel und der Adel. Forscher:innen sind sich sicher: Gossip ist tief im Alltag verankert.

Auf dem Schulhof stänkern wir über die fiese Mathelehrerin, bei der Hochzeitsfeier wird die angeheiratete Familie erst einmal kritisch beäugt, und auch im Büro gehört der Klatsch dazu – nach dem Abteilungsausflug, beim Mittagessen, nach einer Besprechung.

In der Pandemie war der spontane Austausch schwieriger, oft sogar unmöglich. Für mich (und ich bin sicher: auch für viele andere) war und ist das einer der großen Verluste des Homeoffice.

Der wichtigste Jour fixe des Tages

Mit »Gossip« meine ich ausdrücklich kein verachtenswertes Mobbing, sondern den kollegialen Austausch über die kleinen Geschichten des Büroalltags: Sind Birkenstocks wirklich bürotauglich? Warum hat Kollegin D. gekündigt? Wer rückt für Abteilungsleitung A. auf? Und wer hat sich dieses komplizierte Planungsprogramm überlegt?

Fragen, die man am liebsten morgens in der Kaffeeküche bespricht – der wichtigste Jour fixe des Tages, der in keinem Kalender auftaucht. Und vor allem: der sich nicht so leicht in einen Videocall übersetzen lässt.

Wegen der Pandemie mussten wir auf vieles verzichten. Dass der Büro-Gossip wegfiel, gehörte zu den verkraftbaren Dingen. Eine Pause davon tat sogar richtig gut. Wie unwichtig sind doch Nebensächlichkeiten wie die Glitzerhose der Kollegin, wenn die Welt gegen ein tödliches Virus kämpft.

Trotzdem: Der Büro-Schnack fehlte mir in den vergangenen Monaten wie Aperol in einer italienischen Bar mit Blick aufs Meer. Mit dem Ende der Homeoffice-Pflicht kehrt er nur langsam zurück, viele Unternehmen bleiben aus Vorsicht zurückhaltend, bei etlichen wird ein hybrides Modell auch die Zukunft bestimmen. Plaudern mit der Kollegin, die dauerhaft aus ihrem Heimatdorf arbeitet, bleibt also schwierig. Und ich merke, wie schade ich das finde.

Aber warum vermisse ich das offensichtlich Unwichtige überhaupt?

»Wir haben fünf Sinne, und im Grunde können wir im Homeoffice keinen einzigen Sinn komplett ausleben.«

Psychologe Sascha Neumann

»Erst einmal sind es natürlich die Kolleg:innen, die wir vermissen«, sagt Diplom-Psychologe Sascha Neumann , der als Coach Unternehmen zum Thema Teambuilding berät. »Wir haben fünf Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten –, und im Grunde können wir im Homeoffice keinen einzigen Sinn komplett ausleben.« Bei einer virtuellen Kaffeeverabredung nehme man das Gegenüber nur verzerrt wahr – die Stimme klinge anders, riechen und berühren könne man sich nicht. »Dabei ist es das natürliche Bedürfnis des Menschen, andere mit allen fünf Sinnen wahrzunehmen.«

Am Anfang der Homeoffice-Zeit sah ich wie viele in meinem Freundeskreis noch alles durch die rosarote Homeoffice-Brille: endlich mal in Jogginghose arbeiten – oder, noch besser, ganz ohne. Es gab keinen langen Arbeitsweg, vom Bett ging es direkt an den Rechner, und in der Mittagspause konnte man einfach die Netflix-Serie weiter streamen.

Die Einsamkeit im Homeoffice

Bis einem mit der Zeit doch auffiel, dass Kolleg:innen im zum Büro umfunktionierten Gästezimmer fehlten und in der Küche nur wieder die miefende Mitbewohnerin hockte. Von der Schwangerschaft einer Kollegin erfuhr man erst in der Abschiedsmail vor dem Mutterschutz, in der Kamera war nichts zu sehen. Und dass Herr S. das Team wechselt, hatte er auch noch niemandem verraten.

Wie gern hätte man in diesen Situationen den Kollegen in der Nähe gehabt, mit dem man normalerweise den Schreibtisch teilt.

Psychologe Neumann sagt: »Hier kommt das klassische In-Group/Out-Group-Phänomen zum Tragen.« Über andere zu reden, schweiße das eigene Rudel , die eigene Gruppe, zusammen. »Man kennt es von Leuten, die plötzlich anfangen zu rauchen, um zu den Raucher:innen zu gehören und entscheidende Neuigkeiten zuerst mitzubekommen.«

Führungspersonen können sich diesen Effekt sogar zunutze machen, um den Zusammenhalt im Team zu stärken. Neumann rät Chef:innen normalerweise zu einer simplen Teambuilding-Maßnahme: »Setzen sie zwei Abteilungen mittags zum Essen immer in einen gemeinsamen Raum. Es ist ganz natürlich, dass Abteilung Blau sich über Abteilung Rot austauschen und tratschen wird und andersrum – das wird die jeweiligen Teams automatisch zusammenschweißen.« In Homeoffice-Zeiten und auch bei hybriden Modellen nach der Pandemie sei es deutlich schwieriger, den Teamzusammenhalt zu stärken. »Auch Onlinespiele waren immer nur die zweitbeste Wahl.«

Andererseits waren manche Chef:innen vielleicht froh, dass die ausgedehnten Gossip-Pausen im Homeoffice wegfielen. Schließlich bedeutete das mehr Zeit zum Arbeiten. Doch auch zu Hause tun sich ja genügend Optionen zur Zerstreuung auf. Die Waschmaschine lässt sich schnell mal anstellen oder während der Konferenz das Wohnzimmer saugen (aber bitte nicht vergessen, die Kamera auszustellen).

Unternehmen funktionieren erst richtig dank Flurfunk

So oder so, Momente der Ablenkung können guttun, um den Kopf freizubekommen. Beim Flurfunk kommt noch ein weiteres Phänomen hinzu: Es macht Unternehmen erst »handlungswirksam«, wie Neumann sagt.

»Ich plädiere immer dafür, den Flurfunk zu fördern.« Man kenne das aus der Politik, die wirklich wichtigen Entscheidungen eines Gipfels träfen die Politiker:innen eher in der Kaffeepause als am Verhandlungstisch. »Auch in Unternehmen kommt man in der Pause auf die besten Ideen. Oder Führungskräfte entscheiden beim kurzen Austausch in der Küche über Personalien.« Neumann hält es deshalb für wichtig, dass Unternehmen, die auch künftig auf Homeoffice setzen, trotzdem immer wieder alle Mitarbeiter:innen in Präsenz zusammenbringen.

Meine Kollegin Maren Hoffmann schrieb neulich darüber, welche Herausforderungen das Büroleben und vor allem das hybride Arbeiten nach Corona mit sich bringen wird: »Die, die nach dem Meeting nicht mit in die physische Kaffeeküche kommen können, sind abgehängt. Denn hier wird Politik gemacht, Klatsch ausgetauscht, es werden Netzwerke gewoben. Dann aber halt nur vom halben Team.«

Wenn wir in den kommenden Monaten verhandeln, wie wir nach der Pandemie arbeiten wollen, sollten wir also den Tratsch nicht vergessen. Ich genieße weiterhin das effektive Arbeiten zu Hause, aber ich freue mich auch auf die Tage im Büro, wenn ich nicht mehr alles mit mir allein ausmachen muss. Den Ärger über den Mitarbeiter in der IT, der mein Problem nicht versteht. Oder den Neid über den Italienurlaub der Kollegin aus dem Nachbarbüro. Und wo sie wohl diese geniale Glitzerhose aufgetrieben hat?

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