Homeoffice in Deutschland Einige macht es krank, andere glücklich

Freude über wegfallende Pendelstrecken oder Gram über die Isolation in den eigenen vier Wänden: Ein Arbeitspsychologe erklärt, wie das Homeoffice für alle langfristig gesünder und besser wird.
Homeoffice: Glück oder Gram?

Homeoffice: Glück oder Gram?

Foto: Thais Varela / Stocksy United

"Seit ich im Homeoffice bin, verwahrlose ich etwas, das muss ich schon zugeben", sagt Callcenter-Mitarbeiterin Kati S., 25, aus Krefeld. "Aber das stört mich überhaupt nicht. Ich muss mich morgens nicht mehr mit dem Anziehen stressen, falle einfach irgendwann aus dem Bett, trinke einen Kaffee und fange an zu arbeiten."

Waren Homeoffice-Arbeitsplätze in vielen Firmen 2019 noch undenkbar, arbeiteten Ende März 2020 bereits 25 Prozent der Deutschen  wie Kati S. von zu Hause aus - Corona machte den Wandel zwingend möglich. Bereits im Juli fiel die Zahl der dauerhaften Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter dann aber wieder auf fünf Prozent, 23 Prozent der Deutschen wechselten zu diesem Zeitpunkt zwischen Büro und Heimbüro.

Vor allem für viele Pendler bedeutete der Corona-bedingte Wegfall der Arbeitswege mehr Freizeit: Sechs von zehn Arbeitnehmerinnen mussten zuvor zur Arbeit pendeln, bei vielen kamen noch Dienstreisen hinzu. "Ich musste immer von einem Termin zum nächsten hetzen und bin etwa 30.000 bis 40.000 Kilometer im Jahr gefahren", berichtet beispielsweise Sven W., 34, der in Hannover für ein Techunternehmen arbeitet. "Jetzt kann ich Termine und Kundengespräche vom heimischen Schreibtisch aus in Telefonkonferenzen machen."

Pendeln macht krank

Wie groß der Zugewinn an Lebenszeit wirklich ist, wurde W. Anfang September klar: "Da hatte ich meinen ersten 'richtigen' Kundenbesuch seit Corona. Auf der Rücktour stand ich direkt im Stau und war erst um 20:30 Uhr zurück. Im Homeoffice hätte ich um 18 Uhr Feierabend gehabt und die Zeit mit meiner Frau und unserer kleinen Tochter verbracht."

Pendeln wird von Expertinnen seit Langem als Gesundheitsgefahr eingestuft: Rückenschmerzen, häufigere Erkältungsinfekte und psychischer Stress durch lange, als leer und sinnlos empfundene Fahrt- und Stillstandszeiten sind nur einige der damit verknüpften Symptome. Wer von zu Hause arbeitet, spart sich nicht nur den Stress und Leerlauf, sondern kann sich die Zeit in den meisten Branchen viel freier einteilen: Tagsüber Pakete anzunehmen, selbst Gekochtes zu essen oder mit den Kindern zu spielen sind Freiheiten, die direkt auf die Gefühle der Selbstwirksamkeit und Autonomie einzahlen.

"Plötzlich habe ich unter der Woche wieder ein Leben", sagt auch Felix W. Der 27-jährige Medizintechnikingenieur pendelte vor der Corona-Pandemie täglich drei Stunden mit dem Auto zwischen Kiel und Hamburg. Für ihn bedeutet die neue Situation mehr Lebensqualität: "Ich komme nicht mehr um 19 Uhr nach Hause und liege nur noch im Gemüsemodus auf der Couch, bis ich erschöpft einschlafe." Stattdessen nutze er die gewonnene Zeit, um lange vernachlässigte Hobbys wiederzuentdecken: "Ich hatte mir schon ewig vorgenommen, Zeichnen zu lernen oder selbst Musik zu machen. Nun habe ich wirklich Zeit dafür."

Hausgemachtes Leid 

Ist also alles besser, seit es mehr Homeoffice in Deutschland gibt? Jein. Denn auch die mobile und flexible Arbeit kann eine Gefahr für die Gesundheit darstellen. 2019 etwa stellte die AOK in ihrem "Fehlzeitenreport " fest, dass Heimarbeitende öfter erschöpft und psychisch belastet waren als Menschen, die vor allem im Büro arbeiteten. Der "Stern" meldete 2017 gar, Homeoffice sei "das neue Rauchen ".

"Homeoffice wird in der Forschung seit langer Zeit als zweischneidiges Schwert angesehen, so wie viele Werkzeuge der gesteigerten Flexibilität am Arbeitsplatz", sagt Professor Hannes Zacher. Mobiles Arbeiten führe bei Menschen zu ganz unterschiedlichen Reaktionen. Einige Arbeitende könnten so selbstbestimmter mit ihrer Zeit umgehen und das eigene Handeln flexibler gestalten, was zu mehr Kreativität und Lebensfreude führe. Anderen sei das nicht wichtig, sie litten stattdessen unter fehlenden sozialen Kontakten auf der Arbeit.

Foto: Swen Reichhold / Universität Leipzig

Professor Hannes Zacher, 40, forscht und lehrt an der Universität Leipzig. Die Schwerpunkte des Arbeits- und Organisationspsychologen sind beruflicher Stress, Gesundheit und Wohlbefinden sowie Führung. Vor der Coronakrise war er an einem Tag pro Woche im Homeoffice, während der Krise komplett. Nun ist er an vier von fünf Wochentagen wieder im Büro - um sein Team zu sehen.

Besonders gestresst seien junge Menschen, sagt Psychologe Zacher: "Für sie sind Studium und Arbeit die wichtigsten Instrumente, um das eigene Netzwerk auszubauen." Neue Kontakte sähen sie als besonders wertvoll für die eigene Entwicklung und Zukunft, sie seien daher Quelle von Zufriedenheit. Ältere Menschen hingegen seien vor allem an Bindungen mit bereits bestehenden Kontakten interessiert. Soll heißen: Eine Handvoll Freunde, Ehepartner und Kinder im Teenageralter können für sie ausreichende Quelle von sozialer Interaktion sein, wohingegen jüngere Menschen sich ohne einen großen Kreis an Kontakten schneller abgeschnitten und isoliert fühlen.

Dass junge Menschen durchschnittlich kleinere und schlechter ausgestattete Wohnungen hätten, dass ihnen häufig die Arbeitsinfrastruktur mit Schreibtisch und schnellem Internet fehle und dass gerade junge Familien sehr junge und betreuungsintensive Kinder hätten, seien bei ihnen noch zusätzliche Quellen von psychischem Stress.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt 

Die Anforderungen unterschiedlicher Charaktere und Jobprofile zu berücksichtigen stellt Arbeitgeber und -nehmer vor neue Herausforderungen. Weil Ruhe und Isolation zwar beim Schreiben eines komplizierten Berichts oder beim Abarbeiten von Daten für mehr Konzentration sorgen können - in kooperativen und kreativen Berufen aber schnell Blockaden erzeugen.

"Ich bin daran zerbrochen", sagt Marketingexpertin Jasmin König* aus Berlin. Ihr Unternehmen kämpfte während der ersten Corona-Welle wie viele andere ums wirtschaftliche Überleben und musste gleichzeitig auf 100 Prozent Homeoffice umstellen. "Zwölf Stunden Arbeit pro Tag wurden seit dem Frühjahr zum Minimum, einen Großteil davon verbrachte ich in digitalen Meetings", erinnert sie sich. Pro Stunde hätten sie zudem zu Höchstzeiten 200 digitale Chat-Nachrichten erreicht. Abendliches Abschalten oder Abstand von der Arbeit seien bald unmöglich geworden.

Trotz Hilferufen in Richtung der Geschäftsführung habe sich nichts geändert, berichtet König. "Ich vergaß, zu essen. Ich vergaß, Pausen zu machen. Im Juni bekam ich Schlafstörungen, wachte nachts immer wieder schweißgebadet beim Gedanken an meine To-do-Liste auf. Tagsüber weinte und zitterte ich bei jeder E-Mail." Kurz darauf diagnostizierte ihr ein Arzt eine Depression und schrieb sie bis auf Weiteres krank.

Warum blühen einige im Homeoffice auf, während andere eingehen? 

Der Umgang mit der Situation sei einerseits eine Frage der Persönlichkeit, sagt Psychologe Hannes Zacher. Eher introvertierte Menschen etwa könnten viel besser mit Homeoffice umgehen als eher extrovertierte. Doch auch die Art der Tätigkeit, die Unterstützung durch den Arbeitgeber oder die Fähigkeit zur Selbstorganisation seien ausschlaggebende Faktoren: "Wer sich morgens von allein To-do-Listen schreibt, wird wahrscheinlich auch im Homeoffice bis zu einem gewissen Grad effektiv und organisiert arbeiten können. Wer aber auf soziale Taktgeber angewiesen ist, seien es die Chefin oder die Kollegin, bekommt eher ein Problem."

Einige fänden zu Hause keinen Anfang, andere kein Ende ihrer Arbeit. Und selbst der organisierteste und motivierteste Mitarbeiter leide unter Isolation, wenn Unternehmen keine Ausgleichsangebote für das informelle Gespräch in der Kaffeeküche bereitstellten. Alle Beschäftigten würden zudem unter dem Druck leiden, der entsteht, wenn Chefs trotz schwierigerer Kommunikation und fehlendem Support dieselben Ergebnisse wie vor der Krise erwarteten.

"Die Forschung zeigt, dass im Durchschnitt die Angestellten am zufriedensten und produktivsten sind, die maximal zwei Tage in der Woche im Homeoffice arbeiten", sagt Psychologe Zacher. Sei die Begrenzung der Heimarbeitszeit nicht möglich - und spiele das Wetter mit - könnten gelegentliche Meetings im Freien eine Möglichkeit sein, um das Miteinander und die soziale Balance trotz strenger Hygieneregeln zu ermöglichen.

Professor Zacher empfiehlt: Vier Bewältigungsstrategien für psychische Gesundheit im Homeoffice
  1. Nicht auf Problemen herumreiten, sondern schnell kleine Dinge ändern, die den Alltag erleichtern. Also: Betreuung organisieren, bessere Internetverbindung holen, Arbeitgeber über fehlendes Equipment informieren.

  2. Eigene Emotionen kontrollieren, indem man sich auf das Positive konzentriert: Hat man mehr Zeit für die Familie? Muss man nicht mehr so schnell arbeiten wie zuvor? Individuell nach etwas suchen, das einem im Homeoffice merklich besser gefällt als vorher.

  3. Sich soziale Unterstützung holen, von Freunden, Kolleginnen, Familie oder dem Arbeitgeber. Praktische Hilfe in Anspruch nehmen - und sei es, mit den Nachbarn abwechselnd die Kinder zu betreuen. 

  4. Dysfunktionale Verhaltensweisen vermeiden. Also nicht auf Alkohol setzen oder die Probleme verleugnen. Geduldig mit sich selbst und anderen umgehen. Viele Strategien sind langfristig eher negativ: Sich zu streiten oder wütend in den sozialen Medien über irgendetwas auszulassen, ändert nichts an der Situation.

Zudem empfiehlt Psychologe Zacher regelmäßige Check-ins zwischen Chefetage und Angestellten. Am wichtigsten sei dabei, auf die individuellen Wünsche und Ängste der Angestellten zu hören und mit flexibleren Regelungen zu reagieren, die auf die Bedürfnisse der einzelnen eingehen. Sollte im Herbst eine zweite Corona-Welle kommen, müssten Unternehmen mit den Erfahrungen der ersten Welle eigentlich besser auf das Homeoffice und seine Gefahren eingestellt sein.

Callcenter-Mitarbeiterin Kati S. aus Krefeld jedenfalls genießt die Arbeit von zu Hause weiterhin. Und nicht nur sie: "Ich habe eine Katze, die es sehr gut findet, dass ich jetzt hier bin. Woran ich das merke? Nun: Vorher hat sie mir jeden zweiten Tag während meiner arbeitsbedingten Abwesenheit auf den Teppich gepinkelt - jetzt macht sie das nicht mehr."

*Name von der Redaktion geändert.

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