Psychologie Auf der Suche nach dem inneren Kind

Warum kränkt mich Kritik so? Wieso werde ich schnell wütend? Es gibt Momente, in denen verstehen wir uns selbst nicht. Ein Blick in die Kindheit kann helfen. Wie Sie mit Ihrem inneren Kind ins Gespräch kommen.
Wo versteckt sich das innere Kind – und was macht man, wenn man es gefunden hat?

Wo versteckt sich das innere Kind – und was macht man, wenn man es gefunden hat?

Foto: Catherine Falls Commercial / Getty Images

Ich habe mich mit einer Freundin getroffen, nun fahre ich mit dem Fahrrad nach Hause – die letzten Meter bis zu meinem Haus wie immer auf dem Gehweg. Normalerweise stört das niemanden. Doch diesmal pflaumt mich ein Passant an: »Das ist kein Radweg hier!« Ich antworte ihm nicht, aber als ich ein paar Meter weiter absteige, merke ich, dass es in mir brodelt. Ich fühle mich ungerecht behandelt, will mich erklären. »Es ist viel vernünftiger, auf dem Gehweg zu fahren«, möchte ich brüllen. Sonst müsste ich nämlich mitten auf der Straße bremsen und mein Fahrrad auf den Bordstein heben. Der Passant ist längst weg, meine Wut nicht.

Früher machte ich mir über solche emotionalen Reaktionen keine Gedanken. Inzwischen lese ich immer häufiger, dass sie Ausdruck meines inneren Kindes sein könnten. In Instagram-Posts, Buchhandlungen und Meditationen wird es als Schlüssel zu einem glücklicheren Leben gepriesen. Doch wer ist dieses innere Kind – und warum soll ich mich mit Ende 20 noch mit ihm beschäftigen?

Auf der Suche nach dem inneren Kind

Das Konzept des inneren Kindes kommt aus der Psychologie. Der Begriff stammt aus den Siebzigerjahren, erlangte jedoch in den vergangenen Jahren vor allem durch den Bestseller »Das Kind in dir muss Heimat finden« von Stefanie Stahl auch jenseits von therapeutischen Praxen Bekanntheit. Das Buch ist deshalb meine erste Anlaufstelle. 

Die Psychologin Stahl beschreibt darin, dass neben Erbanlagen auch Prägungen aus unserer Kindheit unser Wesen und unser Selbstwertgefühl bestimmen. Besonders die Zeit bis zum Grundschulalter könne unbewusst viel Einfluss auf unsere Persönlichkeit nehmen. Es gebe dabei positive Erfahrungen, die uns zu widerstandsfähigen Erwachsenen machten, aber auch negative, die noch Jahre später für Konflikte sorgten: Bindungsprobleme beispielsweise, Stress, Zukunftsängste.

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, habe ich vor allem schöne Erinnerungen. Ich habe mich sicher und geliebt gefühlt. Das muss laut Stahl allerdings nichts heißen. Es gebe keine perfekten Kindheiten, weil es keine perfekten Eltern in einer perfekten Welt gebe, schreibt sie in ihrem Buch. Deshalb trage so gut wie jeder Mensch ein inneres Kind in sich, das Verletzungen erfahren habe.

Eigentlich habe ich das Gefühl, das Erwachsenwerden ganz gut gemeistert zu haben. Aber manchmal merke ich eben doch, dass es Dinge gibt, die mich aus dem Gleichgewicht bringen. Kann die Arbeit mit dem inneren Kind dabei helfen?

Sich selbst verstehen

Das frage ich Peter Beer . Der 33-Jährige ist Psychologe und Coach – und überzeugt, dass es jeden Menschen weiterbringt, sich mit dem eigenen inneren Kind zu beschäftigen. »Wenn wir unser inneres Kind verstehen, verstehen wir uns auch als Erwachsene besser«, sagt er.

Peter Beer, Psychologe und Coach

Peter Beer, Psychologe und Coach

Foto:

Sandra Eichenseher

Zur Erklärung macht er einen Exkurs in die Psychologie. Laut einer Theorie des Psychologen Klaus Grawe  gibt es vier menschliche Grundbedürfnisse, auf die sich auch Stahl in ihrem Buch bezieht:

  • das Bedürfnis nach Bindung,

  • das nach Autonomie und Kontrolle,

  • das nach Lustbefriedigung oder Unlustvermeidung und

  • das nach Anerkennung. 

In Situationen, in denen wir unverhältnismäßig emotional reagierten, sei es oft das innere Kind, das sich nach einem dieser Grundbedürfnisse sehne, erklärt Beer. »Das innere Kind zeigt sich in ungesundem Verhalten und emotionalen Mustern.« Etwa wenn wir in bestimmten Situationen neidisch oder traurig würden, wenn wir Schuld empfänden oder uns erniedrigt und enttäuscht fühlten. Oder wie ich, wenn ich mich von einem Fremden zu Unrecht angegangen fühle und mich rechtfertigen will, obwohl mir seine Kritik eigentlich egal sein könnte.

Das eigene Verhalten hinterfragen

Doch wie schaffe ich es, mein inneres Kind zu zähmen und mich erwachsen zu verhalten? Der wichtigste Schritt, so Beer, sei, das Unbewusste ins Bewusste zu holen. Heißt: Zunächst einmal muss man Verhaltensmuster und die damit zusammenhängenden frühkindlichen Prägungen erkennen.

Wenn ich – wie bei der Begegnung mit dem Passanten – sehr emotional reagiere, rät Beer zu Folgendem:

  • Wahrnehmen, was ich fühle und denke. Habe ich Gedanken wie: »Das ist alles so ungerecht« oder »Niemand versteht mich«?

  • Fragen, ob ich mich weiter so verhalten oder bewusst so fühlen möchte, wie ich es im Anschluss an diese Gedanken tue. Mich zum Beispiel noch tagelang nach dem Zusammenstoß zu ärgern.

  • Fragen, nach was sich das innere Kind sehnt, und überlegen, wann und wo ich dieses Gefühl zum ersten Mal gespürt habe. Habe ich mich als Kind vielleicht nicht ausreichend gehört und verstanden gefühlt? Fällt mir eine konkrete Situation ein? So erinnere ich mich beispielsweise, dass meine Mutter einmal wütend wurde, weil ich esslöffelweise Kakao in Milch einrührte. Dabei hatte ich einen Plan: Ich wollte eine Tafel Schokolade für uns alle herstellen. Sie ließ mich aber nicht erklären. Heute lache ich darüber. Ist die negative Prägung trotzdem geblieben?

  • Dem inneren Kind geben, was es braucht: »Wenn Sie wahrnehmen, dass Ihr inneres Kind gehört und verstanden werden möchte, machen Sie die Augen zu und stellen Sie sich als kleines Kind vor – und dann sehen Sie sich. Geben Sie sich, was Sie brauchen. Aufmerksamkeit, Liebe oder eine Umarmung«, sagt Beer.

Zurückliegende Erfahrungen

Beispiele für frühkindliche Prägungen gibt es unzählige. Die Freundin hat den gemeinsamen Serienabend vergessen, und man wird deshalb unverhältnismäßig wütend? Das liegt vielleicht daran, dass man als Kind in seinen Wünschen nicht ernst genommen wurde und sich oft übergangen gefühlt hat. Die Enttäuschung über eine schlechte Benotung ist so groß, dass man kurz überlegt, das ganze Studium zu schmeißen? Vielleicht ein Verhaltensmuster, das man übernommen hat, weil man als Kind oft kritisiert und einem wenig zugetraut wurde.

Stelle man sich diese Fragen, könne man anders mit Gefühlen umgehen, indem man sie mit seinem Erwachsenen-Ich betrachte und reguliere, sagt Beer. Das ermögliche ein selbstbestimmteres und freieres Leben. 

Die selbstständige Arbeit mit dem inneren Kind habe allerdings auch Grenzen. »Zu einem gewissen Grad kann man sein inneres Kind selbst erforschen und heilen«, sagt Beer. Gerate man jedoch an traumatische Erfahrungen, sei therapeutische Hilfe ratsam.

Das innere Kind bleibt

Erwachsenwerden heiße nicht, dass das innere Kind irgendwann völlig verschwindet. Gerade als junger Erwachsener fühlten wir uns manchmal noch wie ein Kind. Das kenne ich selbst leider sehr gut. Doch Beer sagt: »Auch in diesen Momenten kann man für sich selbst da sein.« Denn in den meisten Situationen gebe es auch einen Teil von uns, der schon erwachsen sei.

Als ich nach meiner Erfahrung mit dem meckernden Passanten oben in der Wohnung ankomme, habe ich mich schon wieder beruhigt. Weil ich tief in mir drin weiß, dass es schlichtweg sicherer ist, auf dem Gehweg zu fahren – und mir das wichtiger ist, als dass irgendein Fremder mein Verhalten gutheißt.