Proteste an Elite-Uni in Istanbul »Ich bin stolz, an der Boğaziçi studiert zu haben. Jetzt mache ich mir Sorgen um sie.«

Die Boğaziçi-Universität gilt als einer der letzten Orte in der Türkei, wo Diskurs und freie Lehre noch möglich sind. Nun hat Präsident Erdoğan einen Parteifreund zum Rektor gemacht. Studierende und Lehrende protestieren. Was bewegt sie?
Aufgezeichnet von Florian Gontek
Studierende an der Boğaziçi-Universität in Istanbul protestieren gegen ihren neuen Uni-Rektor

Studierende an der Boğaziçi-Universität in Istanbul protestieren gegen ihren neuen Uni-Rektor

Foto: Zeynep Kuray / AP

Unter dem Motto »kayyum rektör istemiyoruz« (»Wir wollen keinen Treuhänder-Rektor«) riefen Studierende der Boğaziçi-Universität in Istanbul vergangene Woche erstmals zum Protest auf, seitdem machen sie ihrem Ärger auf dem Campus und im Netz Luft. Am Neujahrstag hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seinen Parteifreund Melih Bulu per Dekret zum neuen Rektor ihrer Universität ernannt. Seit Inkrafttreten des Präsidialsystems im Juli 2018 ist Erdoğan allein berechtigt, Rektorinnen und Rektoren an staatlichen Universitäten einzusetzen. Nun trifft das die Boğaziçi.

Ein Student, eine Absolventin und eine Dozentin der Universität erzählen, wie sie die Situation erleben – und was sie mit den Protesten erreichen wollen. Um sie zu schützen, sind ihre Namen verändert. Dem SPIEGEL sind die Personen und ihre echten Namen bekannt.

Erinç Güner studiert im sechsten Semester Soziologie an der Boğaziçi-Universität: »Ich liebe diese Universität«

»Als ich über Twitter erfuhr, dass Melih Bulu neuer Rektor unserer Universität ist, war ich geschockt. Ich kann nicht akzeptieren, dass ein AKP-Mann wie Bulu unsere Universität leitet. Ich werde alles dafür tun, damit das nicht so bleibt.

Es ist das erste Mal, seit ich an der Boğaziçi bin, dass sich Studierende so geschlossen gegen einen Rektor stellen. Unsere Universität hat einen sehr besonderen Geist: Hier können Menschen aller Couleur und jeder Sexualität sie selbst sein. Es ist gerade in diesen Zeiten, die für uns alle schon schwer genug sind, ein sicherer Ort. Ich liebe diese Universität und bin unglaublich stolz darauf, hier studieren zu dürfen. Für Melih Bulu aber sind wir Studierenden nur »Terroristen« .

Gerade protestieren wir jeden Tag, auf dem Campus und vor allem im Internet, bei Facebook und Twitter . Dort können wir freier sein. Viele Medien in der Türkei sind regierungsnah und bilden unsere Proteste kaum ab, also müssen wir unsere Sorgen selbst öffentlich machen. Außerdem sind Proteste auf der Straße wegen Covid-19 gerade schwierig.

»Wir tun das für uns, für die Boğaziçi«

Erinç Güner

Wir tun das für uns, für die Boğaziçi. Studierende anderer Universitäten im ganzen Land solidarisieren sich mit unserem Protest. Das ist ein starkes Zeichen. Unser Ziel ist, dass Melih Bulu zurücktritt. Wir wollen, dass es eine faire Wahl für einen Kandidatenkreis gibt, der bereits Teil der Boğaziçi ist.

Meine größte Angst gerade ist, dass Bulu unsere Professorinnen und Professoren feuert und AKP-Leute in Leitungspositionen an die Boğaziçi holt. Es würde den Geist dieser Uni nachhaltig verändern.«

Ece Güneş hat Geschichte an der Boğaziçi studiert und verließ die Universität im vergangenen Jahr: »Bulu ist eine große Gefahr«

»Melih Bulu hat es nicht verdient, diese Universität zu leiten. Als Absolventin bin ich nicht mehr berechtigt, auf dem Campus zu sein, meine Zugangskarte ist deaktiviert. Daher kann ich nicht vor Ort gegen Bulus Ernennung demonstrieren. Aber ich verfolge die Proteste über Instagram, Twitter und unsere Graduierten-Gruppe auf WhatsApp.

Ich habe elf Jahre an dieser Universität studiert und glaube, dass Bulu eine große Gefahr ist – weil er nicht zum freiheitlichen Geist passt, der dort herrscht. In meiner Zeit als Studentin habe ich einige Proteste begleitet, ich habe etwa für bessere Busse demonstriert. Das waren friedliche Proteste. Erst nach Erdoğans gescheiterten Putschversuch 2016 habe ich zum ersten Mal Polizisten auf dem Campus gesehen. Das hat die Zeiten verändert. Sie gaben uns Studierenden das Gefühl, gefährlich zu sein.

»Bulu ist nicht das zentrale Problem, das zentrale Problem ist Recep Tayyip Erdoğan«

Ece Güneş

Die Studierenden jetzt haben immer mehr Punkte zu beklagen. Sie haben Angst, dass da jemand von außen kommt, der die Boğaziçi als Ort zum Lernen und Leben zerstört. Dass es diese Proteste geben muss, ist nicht nur ein Problem für die türkische Hochschullandschaft, es ist ein Problem für die gesamte türkische Gesellschaft.

Bulu muss als Rektor zurücktreten. Fast entscheidender jedoch wäre, dass wir mit den Protesten erwirken können, dass die Universitäten ihre Rektorinnen und Rektoren wieder selbst wählen können. Bulu ist nicht das zentrale Problem, das zentrale Problem ist Recep Tayyip Erdoğan.

Ich bin stolz, an der Boğaziçi studiert zu haben. Jetzt mache ich mir Sorgen um sie.« 

Balım Şükür lehrt seit mehr 20 Jahren an der Boğaziçi-Universität: »Es ist ein ähnliches Gefühl wie im Juli 2016«

»Wir hatten alle gespürt, dass so etwas auf die Universität zukommen könnte. Dennoch schockiert es uns, dass es so gekommen ist. Ich erfuhr über eine WhatsApp-Nachricht von einem Kollegen, dass Bulu unser neuer Rektor wird. Danach konnte ich nicht schlafen. Es ist ein ähnliches Gefühl wie damals, im Juli 2016, als Erdoğan kurz nach dem Putsch per Notstandsdekret Zehntausende Staatsbedienstete entlassen ließ.

Es ist nicht das erste Mal, dass unser Präsident uns den Rektor per Dekret aufoktroyiert, Ähnliches ist schon 2016 passiert. Damals haben viele Kollegen Mehmed Özkan als Rektor akzeptiert, weil er schon zuvor Teil der Boğaziçi gewesen war. Ich war gegen ihn. Die Boğaziçi ist die Perle unter den türkischen Universitäten. Es war schon damals offensichtlich, dass wir weitere Zugeständnisse würden machen müssen, wenn wir einmal damit anfingen.

»Unsere Proteste können der Beginn sein, um das zu reparieren, was in der türkischen Hochschullandschaft in den vergangenen Jahren kaputtgegangen ist«

Balım Şükür

An der Nominierung Bulus jetzt ist alles falsch. Er kommt nicht von der Boğaziçi, hat lediglich seinen Doktor hier gemacht, der auch noch umstritten ist. Bulu hat nicht die wissenschaftliche Vita, um Rektor dieser Universität zu sein. Wir wollen, dass er zurücktritt. Im Anschluss daran kann er sich einer fairen, demokratischen Wahl stellen.

Die Boğaziçi ist eine Hochschule mit liberalem Geist. In meiner Wahrnehmung funktioniert sie sehr direktdemokratisch. Wenn ich in meinen Klassen über direkte Demokratie spreche und meine Studierenden skeptisch sind, ob so etwas klappen kann, gebe ich ihnen das Beispiel ihrer Universität. Wir haben eine pluralistische Kultur hier, die großartig ist.

Ich habe Angst davor, dass wir unter Bulu eine Atmosphäre bekommen, in der das nicht mehr möglich ist. In der wir Tabus wie den Armenien-Konflikt nicht mehr frei besprechen können. Die Boğaziçi muss ein Ort der Debatte und Unabhängigkeit bleiben.

Ich hoffe, dass wir mit unseren Protesten auch initiieren können, mehr über Rechte und Frieden zu debattieren. Sie können der Beginn sein, um das zu reparieren, was in der türkischen Hochschullandschaft in den vergangenen Jahren kaputtgegangen ist.«

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