Befristungen, Arbeitslosigkeit, Armut Lasst uns unsere Angst!

Nichts macht Ronja Ebeling so wütend wie der Satz: »Du bist noch so jung, mach dir keine Sorgen.« Denn für ihre Generation gibt es allen Grund zur Sorge. Ein Auszug aus Ebelings Buch »Jung, besorgt, abhängig«.
Autorin Ronja Ebeling: »Die Angst, den Job zu verlieren, ist für viele Menschen ein ständiger Begleiter. Auch für die jungen – nur wird sie uns oft abgesprochen.«

Autorin Ronja Ebeling: »Die Angst, den Job zu verlieren, ist für viele Menschen ein ständiger Begleiter. Auch für die jungen – nur wird sie uns oft abgesprochen.«

Foto: Robin Aldag

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Nebenjobber:innen laut der Bundesagentur für Arbeit  hierzulande verdreifacht. Mehr als drei Millionen Menschen üben neben dem Hauptberuf noch einen weiteren Job aus. Laut den Forschenden tue der Großteil das, weil das Einkommen aus einem Job nicht mehr ausreiche. Es gibt aber auch einige, die einen Zweitjob haben, obwohl ihr Hauptjob sie ausreichend über Wasser hält. Das habe ich auch jahrelang gemacht.

Während ich kurzzeitig studierte, arbeitete ich parallel im Friseursalon an der Rezeption, in einer Kinderkochschule und schrieb für ein Onlinemagazin. Ach ja, und Babysitting habe ich damals auch noch gemacht.

Über die Autorin

Ronja Ebeling ist 1996 geboren und in Kevelaer aufgewachsen. Sie arbeitet als freiberufliche Redakteurin, Sprecherin und Video-Creatorin. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie beim Hamburger Verlag Gruner+Jahr. Die junge Perspektive, eine Sexualität ohne Zwänge und eine gleichberechtigte Gesellschaft sind ihre Herzensthemen. Ronja Ebeling lebt in Hamburg.

»Warum machst du das alles?«, hatte mich einmal meine Freundin Clara aus der Uni gefragt. Es war Freitagabend, wir saßen in ihrer Küche, und sie schnippelte Brokkoli, ihr Hauptnahrungsmittel. In ihren Augen wäre es leichter gewesen, einfach in einem Job die Stunden hochzuschrauben, statt in so vielen unterschiedlichen Betrieben zu arbeiten.

Mehr Standbeine, mehr Möglichkeiten

»Das wäre sowohl langweiliger als auch anstrengender für mich«, erklärte ich ihr. Ich konnte mir nicht vorstellen, jeden Tag mit kleinen Kindern in der Küche zu stehen, aber auch nicht, nur noch im Friseursalon der Hamburger High Society den Hintern hinterherzutragen. »Ich finde den Mix ganz gut. Außerdem mache ich mich so weniger abhängig.« Sie guckte mich fragend an.

»Na ja, sollte mir ein Job nicht mehr gefallen, fällt es mir viel leichter zu gehen, weil ich nicht auf ihn angewiesen bin. So habe ich mehrere Standbeine«, erklärte ich meine Strategie. In meinem Umfeld beobachte ich oft, dass viele einen Job machen, der sie eigentlich schon längst nicht mehr fordert oder erfüllt. Aber die Befürchtung, keine andere Option zu haben, lähmt sie. Manchmal ist es auch Bequemlichkeit. Das will ich nicht. Heute arbeite ich in der Medienbranche und möchte nach wie vor immer die Möglichkeit haben, aus freien Stücken den aktuellen Job an den Nagel zu hängen, wenn ich mich nach etwas anderem sehne oder es sich einfach nicht mehr richtig anfühlt.

Bindungsangst wird meiner Generation ja eh gern nachgesagt.

Ronja Ebeling

Sich nicht von dem Einkommen aus einem einzigen Job abhängig machen zu wollen, würden manche als Bindungsangst betiteln. Das wird meiner Generation ja eh gern nachgesagt.

»Mit einem Arbeitsvertrag gehen doch beide Parteien eine Bindung ein«, versucht mir auch mein Vater ständig zu erklären. Viele aus seiner Generation haben jahrzehntelang für ein und denselben Betrieb gearbeitet. Mittlerweile ist das wegen befristeter Verträge aber anders.

»Dieses Papier ist oft nichts weiter als ein einseitiges Versprechen«, erwidere ich in diesen Gesprächen stets kritisch. Es ist keine Beziehung auf Augenhöhe, wie ich sie mir wünsche. Vielmehr versuchen Arbeitnehmer:innen, es ihren Arbeitgeber:innen in allem recht zu machen: Sie leisten Überstunden bis spät in die Nacht, stellen ihre persönlichen Bedürfnisse hinten an, verleugnen oft ihre eigene Meinung, um ja nicht negativ aufzufallen, und verlieren damit übrigens auch einen entscheidenden Teil ihrer Motivation. Und das alles nur, weil sie entfristet oder nicht gekickt werden wollen. Weil sie wissen, dass sie abhängig sind, und sich sorgen, ihre Rechnungen in Zukunft nicht mehr bezahlen zu können. Die Angst, den Job zu verlieren, ist für viele Menschen ein ständiger Begleiter. Auch für die jungen – nur wird sie uns oft abgesprochen.

Minijober:innen werden alleingelassen

Die Zahl der Arbeitslosen betrug im Jahr 2019 nur 2,27 Millionen und stellte damit die niedrigste Arbeitslosenquote seit der Wiedervereinigung dar. In der Pandemie stieg sie auf fast 2,9 Millionen an . Deutschland lobte sich gern dafür, denn im Vergleich zu anderen Ländern war dieser Anstieg noch überschaubar.

Wer allerdings nicht in dieser Statistik auftaucht, sind die zahlreichen, größtenteils jungen Minijobber:innen und studentischen Aushilfen. Das Schicksal von nahezu einer Million Menschen, die Studien zufolge  auf das geringe Einkommen von 450 Euro im Monat angewiesen sind, wurde einfach nicht ausreichend thematisiert. Schlimmer noch: Diese Menschen hatten keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld, Arbeitslosenschutz oder Arbeitslosengeld. Sie wurden mit ihren finanziellen Sorgen lange allein gelassen.

Minijobber:innen sind schon seit einer Weile Arbeiter:innen zweiter Klasse.

Ronja Ebeling

Dass es dazu eines Tages kommen würde, war schon vor der Krise absehbar, denn Minijobber:innen sind schon seit einer Weile Arbeiter:innen zweiter Klasse. Laut Statistik hat die Zahl der Minijobber:innen in den letzten 20 Jahren um fast 50 Prozent zugenommen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung empfiehlt daher schon lange eine Absenkung der Geringfügigkeitsschwelle von 450 auf 300 Euro, um möglichst viele Minijobs in sozialversicherungspflichtige Jobs umzuwandeln. Die Politik hat diesen Vorschlag bislang nicht umgesetzt.

Wie irrelevant für die Politik die Absicherung von jungen Leuten im Allgemeinen ist, zeigt auch die Tatsache, dass es in der Coronakrise bis Juni 2020 gedauert hatte, bis ein Onlineportal für Studierende  eingerichtet wurde, über das junge Menschen Überbrückungshilfen beantragen konnten. Es ist leichtsinnig zu sagen, dass diese Menschen ja flexibel seien und bestimmt schnell eine neue Anstellung finden würden. Mit solchen Sätzen werden die existenziellen Sorgen junger Menschen zu oft verharmlost oder gar als unwichtig abgestempelt. »Mach dir nichts draus, du hast ja keine Kinder. Außerdem bist du doch noch so jung«, wurde den jungen Erwachsenen nach dem Jobverlust gesagt.

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Ebeling, Ronja

Jung, besorgt, abhängig: Eine Generation in der Krise

Verlag: Eden Books - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Seitenzahl: 256
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Befristete Sicherheit

Wenn ein Unternehmen Arbeitsplätze streicht, müssen meist jene zuerst ihre Schreibtische räumen, die einen befristeten Arbeitsvertrag haben und demnach noch nicht sehr lange im Unternehmen angestellt sind. So zum Beispiel auch meine Freundin Mya, die ungefähr gleich alt ist wie ich. Ich hatte noch vor ihr in einem Onlineartikel gelesen, dass das Unternehmen, für das sie damals noch arbeitete, bald viele Stellen streichen würde.

Als sie mich einige Tage später abends beim Mexikaner auf den neuesten Stand brachte, glühte ihr Gesicht. Das lag allerdings weniger am scharfen Essen, sondern vielmehr an ihrer Wut. Zwischen Wein und Tacos erzählte sie mir von ihrem auslaufenden Vertrag, der nicht verlängert werden würde. Sie hatte in dem großen Unternehmen ihre Ausbildung gemacht und war anschließend zwei Jahre als befristete Arbeitskraft dort angestellt gewesen. Insgesamt hatte sie also vier Jahre sehr viel Energie für diesen Betrieb aufgebracht. Als es um die Entfristung ging, wurde sie gekickt.

»Jahrelang bekam ich gutes Feedback für meine Arbeit, und jetzt ist das nichts mehr wert?«

Freundin Mya nach ihrer Kündigung

»Jahrelang bekam ich gutes Feedback für meine Arbeit, und jetzt ist das nichts mehr wert?«, fragte sie mich fassungslos. Anscheinend. Noch ein Glas Wein. »Diese verdammten Befristungen. Es macht mich so wütend, weil es immer dasselbe ist. Am Ende sagt irgendwer zu dir: ›Du weißt, ich schätze dich sehr, aber mir sind die Hände gebunden!‹ Bla, bla.« Mya verdrehte die Augen und knabberte an einem Nacho. »Und weißt du, was sie mir angeboten haben? Ich könne ja einen Teil meiner Aufgaben als Freelancerin weitermachen. Zuerst war ich nicht abgeneigt, aber dann haben sie mir das Honorar genannt: Ronny, ein Witz!« Die Firma mache es sich einfach, sagte sie. »Keine Versicherungen mehr zahlen wollen und freie Mitarbeitende ausbeuten. Da habe ich keinen Bock drauf!«

Positive Wut

Ich hob mein Glas und unterbrach ihren Redefluss: »Finde ich super! Wut ist das Beste, was einem nach einer Kündigung passieren kann.« Wut mobilisiert nämlich, sie gibt Energie für Veränderungen und lässt uns neue Pläne schmieden. Dabei darf es natürlich keine aggressive Wut sein. Sie muss positiv sein und beflügeln. Im Gegensatz zu Angst führt positive Wut nicht dazu, dass wir uns unter Wert verkaufen oder im Unglück verharren. »Wir sollten viel öfter auf Wut anstoßen«, stimmte Mya mir zu und hob ihr Glas. Mit einem lauten Klirren stießen wir an.

Die Anzahl der befristeten Verträge hat seit 2005 stetig zugenommen, denn die Unternehmen haben in ihnen insbesondere nach der Finanzkrise ein Instrument für wirtschaftlich schlechte Zeiten erkannt: Angestellte können schnell und einfach entlassen werden, ohne dass ein Unternehmen eine hohe Abfindung zahlen muss.

Wenn die Erwerbsarbeit plötzlich wegfällt, kann das dauerhaft Wunden hinterlassen. Und das gilt für jede:n von uns.

Ronja Ebeling

Laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts  zur Erwerbstätigkeit hatten 2018 von allen 20- bis 24-Jährigen rund 43 Prozent einen befristeten Arbeitsvertrag, von den 25- bis 29-Jährigen waren es 21 Prozent. Daher waren es auch vermehrt Personen aus dieser Altersgruppe, die während der Coronapandemie ihre Festanstellungen verloren. Es waren Menschen, die gerade ihre ersten Arbeitserfahrungen machten, die vielleicht kurz zuvor noch aus der WG in die erste eigene Wohnung gezogen waren, die sie sich vorher nicht hatten leisten können. Oder jene, die sich das Studium mit einem Studienkredit finanziert haben und diesen eigentlich abbezahlen müssen.

Aber egal ob jung oder alt: Wenn die Erwerbsarbeit plötzlich wegfällt, kann das dauerhaft Wunden hinterlassen. Und das gilt für jede:n von uns.

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