Vom Juristen zum Sportfilmer »Manchmal dusche ich tagelang nicht«

Mit zwei Staatsexamen könnte Julius Besner als Anwalt viel Geld verdienen. Doch stattdessen machte er seine eigentlichen Leidenschaften zum Beruf: Filmen und Sport.
Aufgezeichnet von Helene Flachsenberg
Julius Besner an seinem neuen Arbeitsplatz: Statt in einer Anwaltskanzlei arbeitet er in den Alpen als Filmemacher

Julius Besner an seinem neuen Arbeitsplatz: Statt in einer Anwaltskanzlei arbeitet er in den Alpen als Filmemacher

Foto: Ion Camarena

Lebensläufe müssen nicht geradlinig sein, Biografien haben Brüche – das macht sie so spannend. In der Serie »Und jetzt?« erzählen junge Menschen von Wendepunkten in ihrem Leben, von Momenten, in denen sie Entscheidungen getroffen und etwas Neues gemacht haben. Diesmal: Julius Besner, 27, hat in Passau Jura studiert und beide Staatsexamen bestanden. Doch statt als Anwalt viel Geld zu verdienen, dreht er nun Werbe- und Sportfilme.

»Es gibt einen SPIEGEL-Artikel über das Studi-Leben in Passau, an der Uni dort kennt den jeder. Darin wird beschrieben, wie Jura-Studierende auf Bootspartys teure Uhren und Porsche-Schlüssel über Bord werfen, einfach so, aus Langeweile. Meine Welt war das nie. Wenn ich freihatte, wollte ich immer in die Berge. Und Filme machen.

Vor etwa einem Jahr beschloss ich, diese beiden Leidenschaften zu meinem Job zu machen: Während meine Kommilitoninnen und Kommilitonen als Staatsanwälte oder Richterinnen in den Staatsdienst oder eine Großkanzlei einstiegen, fuhr ich mit meinem Van in die Alpen, um Werbe- und Sportfilme für Kunden zu produzieren. Bis heute bin ich sehr glücklich mit dieser Entscheidung.

Und jetzt?

Alle bisherigen Folgen von »Und jetzt?« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie standen selbst schon mal an einem Wendepunkt und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Nach meinem Abitur im Sommer 2012 fing ich direkt an zu studieren. Bachelor-Studiengänge schreckten mich ab, das Bologna-System ist mir zu verschult. Jura interessierte mich, das Studium ließ sich freier gestalten, außerdem gefiel mir die Aussicht, mich mehrere Jahre auf ein Thema zu spezialisieren.

Filmen – anfangs nur ein Hobby

Neben Jura liebäugelte ich damals auch mit einer Filmhochschule. Meine ersten kleinen Filme hatte ich mit elf Jahren gedreht, kurze Stop-Motion-Produktionen mit Lego-Figuren. Das war Kinderkram, aber seitdem haben mich Filme immer begleitet. Ich sparte mir nach und nach eine Ausrüstung zusammen und eignete mir mithilfe von YouTube-Tutorials immer mehr Wissen an.

In der Oberstufe drehte ich ab und zu Musikvideos für die Bands von Freunden. Regie, Kamera, Schnitt – ich übernahm alles selbst. Für so ein Video bekam ich meist etwa 50 Euro. Rückblickend ist das nicht viel Geld, aber für mich hatte es einen großen Wert: Ich begriff zum ersten Mal, dass man mit Filmen Geld verdienen kann.

Dennoch bewarb ich mich nicht an einer Filmhochschule. Ich hatte gehört, dass man Praktika und Arbeitsproben braucht, um dort eine Chance zu haben, und außer ein paar Freizeitprojekten konnte ich ja nichts vorweisen.

Die Zweifel am Jura-Studium wuchsen

Also zog ich nach Passau und zunächst gefiel es mir dort auch. Jura machte mir Spaß, besonders Staatsrecht. Mit den Polohemden in meinen Vorlesungen hatte ich zwar wenig gemeinsam, ich konnte mir aber gut vorstellen, einmal als Anwalt zu arbeiten. Mein erstes Staatsexamen im Herbst 2017 bestand ich ohne Probleme. 

Meine Zweifel setzten im Referendariat ein, also dem praktischen Teil der Juristenausbildung, der auf das erste Examen folgt. Bei meinen Stationen am Landgericht in München merkte ich, wie konservativ es im Staatsdienst zugehen kann. Einmal musste ich beispielsweise eine Verhandlung als Vertreter der Staatsanwaltschaft führen, in der der Angeklagte wegen wiederholten Schwarzfahrens zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Dieses Urteil war zwar rechtens, für mich aber nur schwer nachzuvollziehen.

Die nächste Station in einer Anwaltskanzlei gefiel mir zwar besser. Doch in den neun Monaten, die ich dort verbrachte, belastete es mich zunehmend, ständig in einem Büro zu sitzen. Ich wollte nach draußen, ich wollte in die Berge.

Leidenschaft für Wintersport

Neben dem Filmen ist Sport mein großes Hobby, insbesondere Wintersport. Ich bin in München groß geworden, und auch in Passau waren die Berge immer in meiner Nähe. Als Kind nahm meine Familie mich regelmäßig mit auf die Skipiste, später entdeckte ich das Tourengehen und Freeriden für mich. Im Sommer gehe ich bergsteigen oder biken.

Dieser selbst ausgebaute Van ist derzeit Julius' Zuhause

Dieser selbst ausgebaute Van ist derzeit Julius' Zuhause

Foto: Ion Camarena

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, den Sport und das Filmen als Hobbys zu belassen – auch, um nicht den Spaß daran zu verlieren. Doch wie ich tagein, tagaus in der Kanzlei saß, dachte ich immer häufiger darüber nach, diesen Vorsatz über den Haufen zu werfen.

Im Herbst 2019 stand das zweite Staatsexamen an. Mich fürs Lernen zu motivieren, fiel mir diesmal deutlich schwerer. Kurz vor den Prüfungen ging ich noch einmal mit einem Kumpel Ski fahren. Auf der Piste filmte ich ihn, einfach aus Spaß, und lud das Video später bei Instagram hoch. Daraufhin schrieb mir der Betreiber einer Skischule in Garmisch-Partenkirchen, ob ich für seine Schule nicht ein Werbevideo produzieren wolle.

Eigentlich also ein Zufall – der mich jedoch total motivierte. 

Am Wochenende vor meiner ersten Prüfung war ich noch auf dem Gletscher zum Drehen. An den darauffolgenden Tagen schrieb ich vormittags meine Klausuren, nachmittags bearbeitete ich das Video. Ich war total platt, aber ich wollte es unbedingt gut machen.

Erste Schritte als Filmemacher

Während ich auf die Examensergebnisse wartete, probierte ich mich weiter als Filmemacher. Den Kontakt zur Skischule hatte ich ja bereits, übers Studium kannte ich außerdem einen Hersteller von Fitnessnahrung, für den ich Videos für Social-Media-Kampagnen drehte. Irgendwie ergab sich immer wieder etwas.

Als ich im April 2020 schließlich meine Examensergebnisse bekam – bestanden –, hatte ich mich eigentlich schon entschieden: Ich wollte nicht als Jurist arbeiten, sondern mit Sport- und Naturaufnahmen mein Geld verdienen. Seit Juni bin ich selbstständig und biete unter dem Namen »Abseits.Film« die Konzeption und Umsetzung von Werbefilmen, Social-Media-Inhalten und Sportvideos an.

Für das Projekt habe ich einen Gründungszuschuss bekommen. Über den Sommer gewann ich außerdem neue Kunden, unter anderem einen E-Bike-Hersteller. Bei so einem Auftrag kommen schon mal mehrere Tausend Euro zusammen. Was ich verdiente, investierte ich größtenteils in neue Ausrüstung, insbesondere in Kameratechnik. Zum Ende des Jahres wurde es schwieriger. Ich bekam den zweiten Shutdown zu spüren, einige Aufträge brachen weg.

Herausforderungen der Selbstständigkeit 

Seit Mitte Dezember bin ich nun durchgehend in Österreich und der Schweiz unterwegs, filme, fahre Ski und erkunde mögliche Drehorte. Für den Winter habe ich meine Wohnung in München aufgegeben und lebe in meinem selbst ausgebauten Van. Dadurch sind meine Lebenskosten relativ niedrig, ein paar Aufträge habe ich außerdem noch.

Wenn ich meinen ehemaligen Kommilitonen erzähle, dass ich auf Parkplätzen übernachte und manchmal tagelang nicht dusche, können sie das oft kaum fassen. Als Jurist könnte ich einen Job haben, der wesentlich besser bezahlt ist, und mir wesentlich mehr Sicherheit bietet. Auch meine Eltern hätten mich nach dem Examen lieber in einem klassischen Anwaltsjob gesehen. Doch mittlerweile unterstützen sie meine Entscheidung, und auch die meisten meiner Freunde wissen, dass das hier eben genau das ist, was ich machen will.

Trotz allem bleibt Jura mein Back-up. Die Arbeit in den Alpen ist immer auch riskant, ich muss dafür körperlich voll leistungsfähig sein. Außerdem möchte ich nicht für immer in meinem Auto leben. Falls ich es nicht schaffen sollte, mir langfristig mit dem Filmen ein regelmäßiges Einkommen aufzubauen, kann ich mir gut vorstellen, doch als Jurist zu arbeiten. Mit dem Abschluss kann man zum Glück viel machen, ich könnte mich zum Beispiel auch in einer Filmproduktionsfirma um Lizenzen kümmern. 

Aber erst mal bleibe ich hier. Es geht mir schließlich nicht ums Geld, sondern um den Traum, den ich schon lange hatte und nun leben kann: einfach in den Bergen sein und filmen.«

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.