Kirchenaustritt Warum ich daran scheitere, Gott von meiner Gehaltsabrechnung zu werfen

Bei meiner Taufe konnte ich mich noch nicht wehren. Doch seit Jahren steht der Zeitpunkt für meinen Kirchenaustritt fest: mein Berufseinstieg. Jetzt ist es so weit – und ich schaffe es trotzdem nicht, auszutreten.
Autorin Anne Baum: Warum fällt es mir so schwer, aus der Kirche auszutreten?

Autorin Anne Baum: Warum fällt es mir so schwer, aus der Kirche auszutreten?

Foto: Anne Baum

Ich steckte in einem Hirtenkostüm, dabei war meine Traumrolle die eines Schafes gewesen. Ein wenig mit Heu schwenken, im Hintergrund stehen und lächeln, perfekt. Stattdessen trug ich einen Wanderhut und ein Kissen unter der Weste, um den Hirtenbauch zu imitieren. Damals war ich 13 Jahre alt und wie alle Konfirmand:innen zum Krippenspiel verpflichtet worden. »Und dann wurde Jesus in Windeln gekrippelt«, sagte ich. Bühnenabgang. Da dachte ich das erste Mal darüber nach, aus der Kirche auszutreten.

Inzwischen bin ich 28 und habe mich endgültig vom kindlichen Glauben verabschiedet, dass da oben jemand sitzt und mich beobachtet, ob beim Schlafen oder dem peinlichen Krippenspielauftritt. Trotzdem bin ich noch immer Kirchenmitglied. Mal habe ich den Austritt aufgeschoben, weil mir der vereinbarte Termin im Standesamt doch nicht passte, mal, weil mir die Verwaltungsgebühr von rund 30 Euro zu hoch erschien.

Doch ein Exit-Datum gab es immer, einen Zeitpunkt, zu dem ich wirklich austreten wollte: meinen Start ins Berufsleben. Dann nämlich begnügt sich die Kirche nicht mehr damit, mir Gemeindebriefe mit Kirchenpsalmen und Pfarrerwitzen zu schicken. Sie möchte etwas von mir: neun Prozent meiner Lohnsteuer.

Steuern und Statistik

Erst am Dienstag wurden neue Hochrechnungen veröffentlicht, wonach nur noch weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland einer der beiden großen Kirchen angehören. Hunderttausende kündigen ihnen jedes Jahr die Mitgliedschaft. Als Anfang des Jahres ein Gutachten zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Erzdiözese München und Freising veröffentlicht wurde, schossen die Austrittsgesuche in Bayern in die Höhe.

Die Wahrscheinlichkeit für den Austritt ist bei den Mitte bis Ende 20-Jährigen am höchsten, fanden Forschende der Universität Freiburg in einer Studie von 2019 heraus. Ob es einen Zusammenhang mit dem Berufseinstieg gibt, wurde darin nicht erforscht. Doch das liegt nahe. Denn in einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov  im Auftrag der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) von 2021 begründeten immerhin rund 64 Prozent der Ausgetretenen ihre Entscheidung mit der Kirchensteuer. Und die bekommt man mit der ersten Gehaltsabrechnung erst richtig zu spüren.

Rechne ich mit einem Durchschnittsgehalt für Redakteur:innen, würde ich durch einen Kirchenaustritt jährlich rund 800 Euro sparen. Ich könnte das Geld anlegen. Oder spenden. Oder mir das zumindest vornehmen. Zwar verwendet auch die Kirche einen Teil der Kirchensteuer für karitative Zwecke, doch viel Geld fließt an die Gemeinden und in Verwaltungsgebühren. Ich möchte mein Geld lieber für Geflüchtete aus Kriegsgebieten ausgeben oder mein Lieblingstierheim.

Es gibt inzwischen also vernünftigere Argumente gegen die Kirche als das unbehagliche Gefühl beim Krippenspiel damals. Trotzdem schaffe ich es nicht, auszutreten. Warum?

Wozu noch glauben?

Wenn ich noch an Gott glaubte, würde ich ihn fragen. Schließlich steht in Psalm 139, Vers 4: »Siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass du, Herr, nicht schon wüsstest.« (Ich gebe zu, den Psalm habe ich gegoogelt.) Stattdessen frage ich Michael Utsch, er ist Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt Religionspsychologie. Ich will von ihm wissen, was Religion im 21. Jahrhundert noch bedeutet.

Glauben helfe, mit der Tragik und Absurdität des Lebens zurechtzukommen, sagt Utsch. Und an der Sinnlosigkeit nicht zu verzweifeln. Um etwa den frühen Tod eines Familienmitglieds oder eine Umweltkatastrophe zu verarbeiten, reichten wissenschaftlich-technische Erklärungen oft nicht aus, dafür brauche es irgendeine Form von Glauben.

»Ich gehe gern in Kirchen, aber ich fühle dort nichts – zumindest keine Gottesnähe oder Geborgenheit.«

Gründe zu verzweifeln gibt es genug gerade. Krieg, Klimawandel, die nicht enden wollende Coronapandemie. Und dann sind da noch die individuellen Sorgen. Die um meine Großeltern zum Beispiel, die immer älter werden.

Was hilft mir, trotzdem weiterzumachen? Der Glaube an das Gute im Menschen vielleicht, an die Freundschaft? Gar nicht so leicht zu beantworten. Eines aber weiß ich: Meine Mitgliedschaft in der Kirche hilft mir nicht, das zu verstehen, was gerade in der Welt passiert. Im Gegenteil: Die Kirche selbst ist ein Grund mehr, an der Menschheit zu zweifeln – ich erinnere an die Missbrauchsfälle.

Kirchen erfüllten aber noch mehr Funktionen, sagt Utsch. Durch gemeinsame Rituale und den Glauben an Gott könne Gemeinschaft entstehen. Und mit ihr Geborgenheit.

Ich bin in einer Stadt mit einer Bischofskonferenz aufgewachsen, alle meine Schulen trugen christliche Namen. Trotzdem erlebte ich nie das viel beschworene Gemeinschaftsgefühl von Kirchenfahrten oder Bibelstunden. Ich gehe zwar gern in Kirchen. Ich mag die Wandmalereien, den leicht staubigen, manchmal weihrauchschweren Geruch und die Stille. Aber ich fühle dort nichts – zumindest keine Gottesnähe oder Geborgenheit, eher eine ausgeprägte Faszination für die architektonischen Meisterwerke.

Ich starte einen zweiten Versuch, um mich und die Kirchenmitgliedschaft zu verstehen. Dafür nehme ich mir vor, Gott in meinem Gehirn zu finden. Was nach einem geplanten Drogentrip klingt, basiert auf Neurotheologie. Die versucht, Glauben und religiöse Empfindungen mit der Neurologie zu erklären, und untersucht dafür die Gehirnaktivitäten bei spirituellen Handlungen. Den eher abstrakten Glauben mit einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise erklären, mir gefällt das.

Glauben in der Gehirnforschung

Michael Blume ist Religionswissenschaftler und hat seine Doktorarbeit über Neurotheologie geschrieben. Es gebe da verschiedene Ansätze und Experimente, sagt er, etwa das einer amerikanischen Neurologin. Sie wollte herausfinden, ob sich Spiritualität in einer bestimmten Gehirnregion widerspiegelt. Dafür organisierte sie zwei Gruppen von Proband:innen – Christ:innen einer evangelischen Freikirche und Atheist:innen.

Beide Gruppen mussten einen Psalm vorlesen, dabei wurden ihre Gehirnströme gemessen. Und tatsächlich aktivierte der Psalm bei den Gläubigen andere Gehirnregionen als bei den Atheist:innen – nämlich vor allem den vorderen Scheitellappen, der etwa für die Bewertung von sozialen Handlungen und Erinnerungen zuständig ist. »Damit ist nicht die Existenz von Gott im vorderen Scheitellappen bewiesen«, sagt Blume, »sondern, dass der Psalm bei den Gläubigen zu einer sozialen Erfahrung führte, ähnlich wie ein Gespräch mit engen Freunden.«

Würde man meine Gehirnströme beim Lesen eines Psalms messen, würde in meinem vorderen Scheitellappen wahrscheinlich wenig passieren. Ich verbinde mit Psalmen keine sozialen Erfahrungen und auch keine Erinnerungen. Anders wäre es beim Durchblättern des Familienalbums – bei den Bildern vom letzten Weihnachtsfest, von meiner Konfirmation, meiner Taufe. Dann würden die Gehirnströme vermutlich nur so fließen.

Und plötzlich verstehe ich, warum ich noch nicht aus der Kirche ausgetreten bin. Der wahre Grund für mein Zaudern ist der Geruch von gebratenen Garnelen am Weihnachtsabend. Der Blick meiner Patentante auf dem Foto meiner Taufe, das Kreuz über dem Küchentisch meiner Großeltern. In meinem Gehirn haben sich die Kirche, meine Familie und meine Kindheit verbunden. Und wenn ich an den Weihnachtsabend oder die Küche meiner Großeltern denke, dann taucht ein Gefühl auf: Geborgenheit.

Assoziation nennt man das in der Psychologie. Zwei voneinander unabhängige Elemente sind miteinander verknüpft. Das ist wie mit dem Kaktus-Eis im Schwimmbad, das ein bisschen nach Erdbeeren schmeckt, aber noch viel mehr nach Sommer und Unbeschwertheit. Und so erinnern mich die Glocken beim Weihnachtsgottesdienst immer auch an Kindheit und Familie.

Es sind diese Verknüpfungen in meinem Gehirn, die es mir so schwer machen, aus der Kirche auszutreten. Ich habe Angst, einen Teil meiner Kindheitserinnerungen zu verlieren. Dabei hat meine Mitgliedschaft in der Kirche damit wenig zu tun. Denn meine Erinnerung verwaltet jemand anderes: unzählige Nervenzellen in meinem Gehirn. Wenn ich aus der Kirche austrete, wird sich meine Gehaltsabrechnung ändern, aber sonst nicht viel. Die Kirchenglocken werden weiterhin läuten, und auch beim nächsten Weihnachtsfest werden wir wieder Garnelen grillen.