Tim Reichel

Konzentration im Homeoffice Jetzt bloß nicht ablenken lassen

Auf dem Bildschirm spricht die Professorin oder der Chef. Doch die eigene Aufmerksamkeit schwindet – es gibt so viel anderes, womit man sich zu Hause beschäftigen kann. Mit diesen Tipps gelingt das Dranbleiben.
Im Homeoffice konzentriert zu bleiben, ist gar nicht so einfach

Im Homeoffice konzentriert zu bleiben, ist gar nicht so einfach

Foto: Kemal Yildirim / E+ / Getty Images

Als Odysseus die Insel der Sirenen am Horizont aufblitzen sah, ließ er sich an den Mast seines Schiffes binden und verordnete seiner Crew flüssiges Wachs – und zwar für die Ohren. Denn Odysseus wusste: Mit ihrem betörenden Gesang würden die Sirenen ihn und seine Männer auf ihre Insel und damit in den Tod locken. Das wollte er verhindern.

Die Odyssee am Bildschirm

Odysseus' Strategie könnte auch im Jahr 2020 nützlich sein. Denn im Corona-Semester sitzen die meisten Studis nicht im Hörsaal, sondern zu Hause vor dem Laptop. Und dort lauern einige Ablenkungen, die wie Sirenen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Instagram, YouTube, der Kühlschrank, die Katze, die unaufgeräumte Wohnung. Woche für Woche berichten die Leserinnen und Leser meines Blogs von Konzentrationsproblemen. Höchste Zeit für ein paar Gegenmaßnamen.

Bachelor of Smarts – die Uni-Kolumne

Gutes Zeitmanagement, die richtige Lernstrategie vor Prüfungen, Tipps für den Einstieg ins digitale Semester: In dieser Kolumne gibt Dr. Tim Reichel Rat zu Herausforderungen im Studium und zeigt, wie Studierende erfolgreich durch den Bachelor kommen – ohne Dauerstress.

Du stehst auch vor einem vermeintlich unlösbaren Problem im Studium oder hast eine Frage an Tim Reichel? Dann schreib uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

1. Bereite dich mental vor

Wie bereiten sich Leistungssportler auf einen Wettkampf vor? Indem sie sich mental darauf einstimmen: Sie erzeugen ein positives Bild vor ihren Augen und visualisieren ihre Ziele, das verbessert nachweislich ihre Performance . Den gleichen psychologischen Mechanismus kannst du vor deiner Onlinevorlesung nutzen. Ruf dir dazu deine übergeordneten Studienziele ins Gedächtnis: Warum studierst du? Was begeistert dich an deinem Fach? Und welche Rolle spielt dabei die bevorstehende Vorlesung? Stell dir dann vor, wie du der Veranstaltung konzentriert folgst. Visualisiere die Situation so lange, bis du dich in sie hineinfühlen kannst – dann starte den Stream.

2. Kenne deine Feinde

Zurück zur Anfangsgeschichte: Warum hat sich Odysseus festbinden und seiner Mannschaft die Ohren verschließen lassen? Weil er wusste, was auf ihn zukommt. Darum konnte er sich vorbereiten. Und das solltest du in Bezug auf deine Vorlesung auch tun. Frage dich: Wer oder was könnte mich in den folgenden 90 Minuten ablenken? Benenne deine potenziellen Ablenkungen im Vorfeld klar und sammle sie auf einer Not-to-do-Liste: im Internet surfen, mit der Mitbewohnerin quatschen und so weiter.

3. Schotte dich ab

Selbst wenn du deine persönlichen Sirenen benannt hast, werden sie trotzdem um deine Aufmerksamkeit buhlen. Isoliere dich deshalb für die Dauer der Vorlesung von deiner Umwelt – insbesondere von den Punkten auf deiner Not-to-do-Liste. Ziehe dich, wenn irgendwie möglich, an einen ruhigen Ort zurück. Bitte deine Familie oder Mitbewohner um Rücksicht. Lege dein Handy in einen anderen Raum. Installiere einen Internet-Blocker wie Rescue Time  oder Cold Turkey , um bestimmte Webseiten für die Dauer deiner Vorlesung zu sperren.

4. Schreibe mit, denke mit

Das Mitschreiben während der Vorlesung verbessert laut einer Studie  nicht nur dein Erinnerungsvermögen – es sorgt auch dafür, dass du bei der Sache bleibst. Wenn sowohl dein Geist als auch deine Hände beschäftigt sind, können sie sich nicht auf externe Ablenkungen einlassen. Halte deine grauen Zellen daher auf Trab: Überlege dir Anwendungsbeispiele zum vorgetragenen Stoff. Formuliere Fragen, die du nach der Vorlesung (theoretisch) stellen könntest. Achte allerdings darauf, nicht zu weit abzuschweifen, und bringe deine Gedanken in eine strukturierte Form. In diesem Artikel kannst du nachlesen, wie das funktioniert.

5. Kontrolliere dich

Zur Kontrolle deiner guten Vorsätze kannst du dir auf deinem Laptop oder Smartphone  in 15-Minuten-Abständen einen Reminder à la »Bist du noch konzentriert?« oder »Nicht ablenken lassen – denk an deine Ziele!« per Push-Nachricht anzeigen lassen. Die kleinen Erinnerungen richten deinen Fokus zurück auf die Vorlesung. Fällt dir zwischendurch etwas Wichtiges ein, das nichts mit der Vorlesung zu tun hat, kannst du das auf einer »Side List« notieren. Das entlastet dein Gehirn und du kannst dich mit voller Energie deiner Vorlesung widmen.

Fazit

Odysseus hatte es in seiner Heldengeschichte zwar nur mit einer Ablenkung zu tun (Sirenen), doch die Grundzüge seiner Taktik kannst du auf dein Studium übertragen. Mit ein paar zeitgemäßen Modifikationen bist du so gegen Ablenkungen gewappnet und kannst sie ausschalten, noch bevor sie dich in ihren Bann ziehen. Wenn nichts davon hilft, kannst du dich natürlich immer noch an deinen Stuhl fesseln lassen. Bei einigen Vorlesungen ist das die einzige Möglichkeit, um konzentriert zu bleiben.