OECD-Studie Hochschulbildung befähigt nur begrenzt zu kritischem Denken

An der Uni lernt man, Dinge zu hinterfragen? Nicht wirklich, sagt eine internationale Untersuchung. In zwei Studienfächern erzielten die Testpersonen besonders schlechte Ergebnisse.
Laut einer OECD-Studie befähigt die Uni Studierende nur begrenzt zum kritischen Denken (Symbolbild)

Laut einer OECD-Studie befähigt die Uni Studierende nur begrenzt zum kritischen Denken (Symbolbild)

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

An der Universität sollen junge Menschen lernen zu analysieren, einzuordnen, zu hinterfragen – kurz: kritisch zu denken. So sieht es zumindest unser Bildungsideal vor. Dass es damit in der Realität nicht allzu weit her ist, zeigt jetzt eine internationale Studie.

Die Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)  hat überprüft, inwiefern Hochschulen tatsächlich die Fähigkeit zum kritischen Denken vermitteln. Dazu wurden Daten von Studierenden am Beginn und Ende ihres Studiums verglichen. Das Ergebnis: Die meisten Absolvent:innen sind nur in geringem Maße zu kritischem Denken fähig.

Lerneffekte überraschend gering

Zwar ergab die Auswertung der Daten von Zehntausenden Studierenden aus sechs Ländern, dass die Testpersonen zum Abschluss ihres Studiums besser im kritischen Denken waren als zu Beginn. Einen Lerneffekt stellten die Forschenden also durchaus fest.

Allerdings war dieser »geringer, als man es erwarten könnte«, so die Autor:innen der Studie – gerade, wenn man bedenke, welche Bedeutung viele Universitäten auf die Förderung kritischen Denkens legten. So befand sich die Hälfte der Absolvent:innen bei ihrem Abschluss lediglich auf den zwei niedrigsten Stufen der angewandten Messskala. Ein Fünftel erreichte gar nur die niedrigste Stufe.

Getestet wurde die Fähigkeit zum kritischen Denken mit dem sogenannten »CLA+«-Verfahren. Dabei müssen die Testpersonen komplexe schriftliche Aufgaben lösen. Für die OECD-Studie mussten die Studierenden zum Beispiel auf Basis von unterschiedlichen Informationen eine Empfehlung für einen fiktiven Businessplan abgeben. Speziell geschulte Korrektor:innen sowie eine künstliche Intelligenz bewerteten die Antworten dann nach unterschiedlichen Gesichtspunkten.

Ausgewertet wurden die Testergebnisse von rund 120.000 Studierenden aus den USA, aus England, Italien, Finnland, Mexiko und Chile. Diese wurden über einen fünfjährigen Zeitraum zwischen 2015 und 2020 mehrfach CLA+-Tests unterzogen – mindestens zu Beginn und zum Ende ihres Studiums.

Einfluss von Geschlecht, Elternhaus und Fachrichtungen

Die Forschenden haben auch den Einfluss anderer Faktoren auf die Fähigkeit zum kritischen Denken untersucht. Das Geschlecht scheint dabei keine große Rolle zu spielen. Anders der Bildungsstand der Eltern: Sowohl bei den Studienanfänger:innen als auch bei den Absolvent:innen lassen sich Zusammenhänge zum Elternhaus feststellen. In beiden Fällen schnitten Testpersonen mit höher gebildeten Eltern besser ab.

Ebenso gibt es Unterschiede zwischen den Fachrichtungen. In allen Ländern außer den USA zeigten besonders Studierende der Wirtschaftswissenschaften und der Agrarwissenschaften niedrige Kompetenzen im kritischen Denken. Relativ hohe Werte erzielten hingegen Studierende in Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften. Weil sich diese Verteilung sowohl zum Beginn als auch zum Abschluss des Studiums zeigte, gehen die Forschenden von einer Kombination von Auswahl- und Lerneffekten aus.

Eine weitere Erkenntnis der Untersuchung betrifft die Unterrichtsformate. Demnach führten Seminare, Vorlesungen und Laboreinheiten im Schnitt zu einem besseren Ergebnis als etwa Lernen durch Feldarbeit.

fla
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