Warten auf die Uni-Note Was tun, wenn der Prof nicht korrigiert?

Eigentlich hatte Simon von Zahn nur eine normale Hausarbeit abgegeben. Am Ende wartete er mehr als ein Jahr auf die Note – und sorgte sich um seinen Abschluss.
Liegen Klausuren ungewöhnlich lange bei der Professorin, kann das für Studierende zum Problem werden (Symbolbild)

Liegen Klausuren ungewöhnlich lange bei der Professorin, kann das für Studierende zum Problem werden (Symbolbild)

Foto: smolaw11 / iStockphoto / Getty Images

Es war seine einzige Seminararbeit in einem Studium, das Wissen und Leistung vor allem über Klausuren prüft. Ein Seismograf auf dem Weg zur Bachelorarbeit. So die Idee.

Im siebten Semester habe er sich entschieden, ein Seminar zu europäischer Wettbewerbspolitik bei Prof. Dr. F. zu besuchen, so erzählt es Simon von Zahn, 23, im Videochat. Im Wintersemester 2019/2020 war das, von Zahn steckte damals mitten in seinem Bachelor in Politischer Ökonomik an der Universität Heidelberg. »Das Seminar war nicht nur inhaltlich spannend. Ich habe es auch gewählt, weil F. die Veranstaltung gegeben hat«, sagt er. Die Professorin habe einen guten Ruf, gelte als Expertin auf ihrem Gebiet.

Seine Seminararbeit schrieb von Zahn am Ende zum Thema »Die Wettbewerbspolitik der Europäischen Union – Woran scheiterte die Siemens-Alstom-Fusion?«. Laut seines vorläufigen Transcript of Records, das dem SPIEGEL vorliegt, reichte er sie am 12. Januar 2020 ein. Am Ende des Seminars habe die Dozentin noch den Hinweis gegeben, dass sie bei der Korrektur nicht zu den Schnelleren gehöre, doch das hätten er und seine Freunde noch mit einem Lächeln quittiert, sagt von Zahn. So lange wird es schon nicht dauern.

Damals, Mitte Januar 2020, ahnte von Zahn noch nicht, dass er die Note seiner Bachelorarbeit kennen würde, bevor seine Seminararbeit korrigiert ist, dass er um seine Masterbewerbung würde bangen müssen, weil ihm Creditpoints fehlen.

Zahlen, wie häufig Bewertungsfristen gerissen werden, gibt es nicht

Dass Dozierende Seminar- und Abschlussarbeiten nicht fristgerecht korrigieren und damit Praktikumsplätze, Masterbewerbungen oder Auslandsaufenthalte gefährden, ist – glaubt man den Erzählungen von Studierenden – durchaus verbreitet. Versucht man die Größe des Problems zu vermessen, stößt man aber auf ein weiteres: Es gibt keine Daten.

Nicht beim Centrum für Hochschulentwicklung, nicht bei den Studierendenwerken und nicht bei der Hochschulrektorenkonferenz, die als bundesweite Organisation »in der Regel keine Berührungen mit solchen Vorgängen hat«, wie sie auf SPIEGEL-Anfrage schreibt.

Auch Paul Klär kann nicht sagen, wie häufig Korrekturfristen gerissen werden. Klär ist Vorstandsmitglied des fzs , des Dachverbands der Studierendenvertretungen in Deutschland. Die Problematik, schreibt Klär in einer E-Mail an der SPIEGEL, bekomme er aber »immer wieder mit«. Mal ginge es um einige Wochen, mal um mehrere Monate.

Häufig seien in Prüfungsordnungen nur Soll-Regelungen und keine harten Fristen festgeschrieben. Für ihn sei es Ausdruck einer Doppelmoral, wenn man Studierende durch eine Abschlussarbeit fallen lasse, weil sie wenige Minuten zu spät abgeben, Dozierenden aber flexible Fristen einräume, weil sie »ja so viel zu tun« hätten.

Auch von Zahns Prüfungsordnung formuliert in Paragraf 10, Satz 7 eine solche flexible Frist: »Das Bewertungsverfahren für schriftliche Prüfungsleistungen soll vier Wochen nicht überschreiten«, heißt es dort. Von Zahn selbst wusste von dieser vierwöchigen Soll-Korrekturzeit nichts und war daher nachsichtiger. Am 6. April 2020, knapp drei Monate nach Abgabe, schickte er F. eine erste E-Mail:

Sehr geehrte Frau F.,

ich wollte mich mal vorsichtig nach dem Status der Bewertung der Seminararbeiten erkundigen.

Mit freundlichen Grüßen

Simon von Zahn

Der Mailverkehr zwischen von Zahn und F. liegt dem SPIEGEL vor. Es ging über Monate hin und her, ab Juli wies von Zahn darauf hin, dass er gern in Praktikumsbewerbungen auf die Seminararbeit verweisen würde, ab Oktober auch auf seine anstehende Bachelorarbeit.

»Ich wusste nicht, ob mein Schreibstil überhaupt funktioniert, ob meine Art, wissenschaftlich zu arbeiten, richtig ist – woher auch?«

Simon von Zahn

Trotzdem passierte nichts. Kurz darauf habe er die Gelegenheit genutzt, F. vor einer Klausur persönlich anzusprechen. Sie habe damals freundlich reagiert und gesagt, dass sie seine Arbeit in der Tasche habe und im Anschluss an die Klausur korrigiere, erzählt von Zahn.

Doch die Bewertung ließ weiter auf sich warten. Er habe dann beschlossen, das Dekanat und den Geschäftsführer seines Instituts einzuweihen. Letzterer habe ihm bestätigt, mit F. gesprochen zu haben. Ohne erkennbare Konsequenzen.

Es war der Punkt, an dem Simon von Zahn begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Er hatte in der Zwischenzeit begonnen, seine Bachelorarbeit zu schreiben, ebenfalls im Bereich Wettbewerbspolitik. Und dafür hätte er dringend Feedback gebraucht: »Ich wusste nicht, ob mein Schreibstil überhaupt funktioniert, ob meine Art, wissenschaftlich zu arbeiten, richtig ist – woher auch?«

Dazu kam die Angst, dass er sich nicht für seinen Wunsch-Master in Wien würde einschreiben können. »In Wien muss man, um sich bewerben zu können, alle Noten aus dem Bachelor vorweisen können«, sagt von Zahn, »Ich hatte Angst, dass meine Bewerbung am Ende an der einen fehlenden Note scheitern würde.«

Ein paar E-Mails reichen vor Gericht nicht

Sibylle Schwarz, Bildungsanwältin aus Wiesbaden, kennt Fälle wie den von Simon von Zahn aus ihrem Berufsalltag. Aktuell habe sie mehrere Studierende als Klient:innen, bei denen sich Korrekturen verzögert hätten, sagt sie. Eine Grundsatzentscheidung der Gerichte zu Korrekturfristen gebe es bislang nicht. Diese lägen bei den einzelnen Hochschulen.

Was also können Studierende tun?

Schwarz sagt, sie empfehle als Erstes immer: »Prüfungsordnung lesen – und zwar ausgedruckt und mit Textmarker.« Darin stehe nämlich, dass man bei Fragen rund um Prüfungen immer den Prüfungsausschuss anrufen könne. Auch von Zahns Prüfungsordnung enthält einen entsprechenden Hinweis.

Warum hat er sich also nicht an den Prüfungsausschuss gewandt?

Von Zahn sagt, ihm sei sehr wohl bewusst gewesen, dass das eine Möglichkeit gewesen wäre. Aber: F. sei Vorsitzende des Prüfungsausschusses. Er habe es daher für keine gute Idee gehalten, sich direkt an den Ausschuss zu wenden. »F. hat enormen Einfluss am Institut, da war mir das Risiko einfach zu groß«, sagt von Zahn.

Anwältin Schwarz hält den Prüfungsausschuss trotzdem für die beste Anlaufstelle: »Auch, wenn Frau F. Vorsitzende ist, besteht ein solches Gremium immer aus mehreren Personen.« Der Ausschuss könne dann zum Beispiel veranlassen, Dozierende wegen möglicher Befangenheit von der Bewertung einer Prüfung abzuziehen.

Grundsätzlich rät Schwarz in solchen Fällen dazu, früher per E-Mail beim Dozierenden nachzuhaken, als es Simon von Zahn getan hat. Wenn dann nichts passiert, sei der nächste Schritt, Mitglieder des Prüfungsausschusses formell ins Boot zu holen; und zwar per Brief. »Das zeugt von einer deutlich anderen Ernsthaftigkeit«, sagt Schwarz.

»Immer Mails zu schreiben, das reicht vor Gericht nicht aus.«

Bildungsanwältin Sibylle Schwarz

Der letzte Schritt sei dann ein Eilverfahren, das sie als Anwältin einsetzen könne. Es verpflichte den oder die Dozierenden, die Korrektur der Arbeit innerhalb der in der Prüfungsordnung vorgeschriebenen Zeit vorzunehmen, sagt Schwarz. Das könnten mal vier Wochen sein, mal sechs, mal acht.

»Wenn man zusätzlich Schadensersatz möchte, muss man als Studierender schon einiges tun. Herr von Zahn hätte die Kommunikation zum Beispiel deutlich früher verschärfen müssen, etwa über Briefe, über persönlichen Kontakt. Immer Mails zu schreiben, das reicht vor Gericht nicht aus.«

Belastungen im Corona-Semester dürfe keine Rechtfertigung sein

Für Simon von Zahn ging schlussendlich alles gut. Am 10. März 2021, nach fast 14 Monaten und elf E-Mails an seine Dozentin, hatte er die Note für seine Seminararbeit endlich: eine 1,7. Seine zweitbeste Note im Studium.

Auch für den Master konnte er sich am Ende noch rechtzeitig bewerben: Im Oktober will von Zahn sein Studium der angewandten VWL in Wien beginnen. Die Bewerbung habe wegen der fehlenden Note lange auf der Kippe gestanden – umso erleichterter ist von Zahn: »Ich bin einfach nur froh, dass es jetzt vorbei ist.«

Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum. Wie kann es sein, dass die Korrektur einer Seminararbeit so lange dauert?

Auf SPIEGEL-Anfrage verweist Professorin F. darauf, dass mittlerweile alle Teilnehmenden des Seminars ihre Note erhalten hätten, kein Studienabschluss habe sich deshalb verzögert. Bei der Korrekturzeit von vier Wochen handle es sich um eine Soll-Regelung, »anders wäre es auch nicht realistisch«.

Die zusätzliche Arbeitsbelastung im Corona-Semester sei ein Grund für die langen Bewertungszeiten gewesen, Videos zu produzieren sei wesentlich zeitaufwendiger, als Vorlesungen im Hörsaal zu halten. Dennoch sollte eine solche Verzögerung nicht passieren, schreibt F., und sie wolle die Coronapandemie auch nicht als »den Grund« dafür anführen.

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