Liebe am Arbeitsplatz Und es hat Zoom gemacht

Der Arbeitsplatz ist auch ein Ort, um sich zu verlieben. Im Corona-Homeoffice geht das nicht? Von wegen! Wie zwei Paare trotz Pandemie ihr Glück fanden.
André Brüggemann und Pamela Renz verliebten sich zu Beginn der Pandemie

André Brüggemann und Pamela Renz verliebten sich zu Beginn der Pandemie

Foto: KARIN MERTENS

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Sie waren betrunken, lagen sich in den Armen und versuchten, miteinander zu tanzen, vielmehr war es ein Wanken. Im Hintergrund sang Wolfgang Petry »Wir sind das Ruhrgebiet«. Dann knutschten sie.

So erinnern sich Frank Baumann* und Katja Winter* heute an ihren ersten Kuss. Mitten in einem Jahr, in dem alle auf Abstand gingen, fanden die beiden zueinander – auf einem Abschiedsumtrunk zweier Arbeitskollegen im Spätsommer 2020, als Treffen mit mehreren Menschen erlaubt waren und sich die Pandemie schon fast wie bewältigt anfühlte. Die umstehenden Kollegen filmten den Moment, sie freuten sich: »Endlich passiert mal wieder was, endlich wieder Gossip«, so erzählten sie es den beiden später.

»Endlich passiert mal wieder was, endlich wieder Gossip.«

Die Kollegen

Es sei ein verrückter Abend gewesen, viele hätten sich unerlaubt in den Armen gelegen, viel Alkohol getrunken, sagt Baumann. »Wir waren alle ausgehungert nach sozialer Nähe.« Im Nachhinein ist ihnen unangenehm, dass die Abstands- und Hygieneregeln ignoriert wurden – auch deshalb wollen sie in diesem Text anonym bleiben. Es sei aber die einzige Party gewesen, auf der sie 2020 waren. Und so wurde der Arbeitgeber unverhofft zu Amor.

Der Arbeitsplatz als Ort zur Partnersuche

Was Baumann und Winter damals noch nicht wussten: Es sollte nicht bei dem einen Kuss bleiben. Heute, sieben Monate nach der Feier, wohnen die beiden zusammen und erwarten ein Kind.

Wenn sie beide im vergangenen Jahr mit etwas nicht gerechnet hätten, dann mit der großen Liebe. Schließlich war es das Jahr der Einsamkeit. Wo sollte man bitte jemanden kennenlernen? Bars, Discos, Fitnessstudios – alles hatte die meiste Zeit zu. Beim Spaziergang mit dem Tinder-Date verlieben? Schwierig. Im Supermarkt angerempelt werden? Passiert nicht mehr.

Was bleibt also als (digitaler) Ort zum Verlieben? Die Arbeit – momentan oft das einzige Schlupfloch aus der sozialen Isolation.

In einer Online-Umfrage  der Dating-Plattform ElitePartner sagten 24 Prozent von knapp 3800 Befragten, dass sie schon einmal einen Partner im Job kennengelernt hätten. Und in einer Online-Umfrage  unter mehr als 1400 befragten Ehepaaren gaben immerhin elf Prozent an, sich am Arbeitsplatz verliebt zu haben.

Im vergangenen Jahr dürften es vielleicht noch ein paar mehr gewesen sein. »Der Fokus bei der Partnersuche liegt wieder stärker auf dem Arbeitsplatz, weil andere Begegnungen eben weniger werden«, sagt Sibylle Lachmann, die als Beziehungscoach Singles auf der Suche nach der Liebe betreut.

Doch der Arbeitsplatz hat als Ort zur Partnersuche nicht den besten Ruf. Winter und Baumann kennen die Sprüche: »Fang bloß nie was mit einer Kollegin an, dann wird es kompliziert.« Oder: »Dann spricht man ja auch privat nur über die Arbeit. Wie langweilig.« Kann eine Arbeitsliebesbeziehung funktionieren – gerade jetzt, wo es außer Arbeit und Beziehung kaum andere Erlebnisse gibt?

»Raketenstart« für die Liebe

Es war irgendwann nach Mitternacht, Baumann, Winter und ihr Hund hatten sich auf die Rückbank eines Taxis gequetscht, um gemeinsam zu ihr zu fahren. Sie versuchte, sich immer wieder die Maske runterzuschieben, um ihn zu küssen.

Beide kichern, als sie im Videointerview ihre Geschichte erzählen. »Ich weiß noch, wie sie zu mir sagte: Wie alt bist du noch mal? Das war natürlich nicht sehr schmeichelhaft«, sagt Baumann. »Ich hatte vorher schon immer zu einer Kollegin gesagt: ›Das ist ein Mann zum Verlieben – aber leider zu alt‹«, sagt Winter und lacht. Zwischen den beiden liegen 16 Jahre.

Ein Dreivierteljahr zuvor hatte Baumann als freier Mitarbeiter in der Kommunikationsagentur angefangen, in der auch Winter arbeitete. Sie erteilte ihm Aufträge, unterzeichnete seine Rechnungen. Beide waren seit längerer Zeit Single, seit dem ersten Shutdown hatte er ein oder zwei Dates über Tinder gehabt, Winter kein einziges. »Emotional war es eine Scheißzeit, nur in seiner Ein-Zimmer-Wohnung zu sitzen, dort zu arbeiten und höchstens mal mit Freunden spazieren zu gehen«, sagt sie.

Doch in dieser Nacht blieb sie nicht allein, Baumann war da, auch als sie sich wegen des Alkohols übergeben musste. »Ab dieser Nacht war alles wahnsinnig vertraut, wir haben über alles Mögliche geredet, es gab nicht einen unangenehmen Moment«, sagt er.

Was dann folgte, war etwas, das beide als »Raketenstart« bezeichnen. Und das, obwohl sie nacheinander allein in lang geplante Urlaube fuhren: Sie schrieben sich täglich über WhatsApp, telefonierten einmal, sagten, dass sie sich wiedersehen wollten – dann fragte er sie, ob er seine einwöchige Quarantäne nach dem Urlaub bei ihr verbringen dürfe. »Mir ist erst im zweiten Moment bewusst geworden, dass er bei einem positiven Test ja gegebenenfalls auch zwei Wochen hätte bleiben müssen, oder ich mich hätte anstecken können«, sagt Winter.

Von dieser Woche an teilten sie sich ihre Wohnungen, ihr Leben. Im Sommer erwarten sie ein Kind. Es gibt sie eben doch, die schönen Geschichten der Pandemie, die guttun und unbeschwert sind. »Wir sind uns selbst manchmal peinlich, wenn wir mitten auf dem Gehweg stehen bleiben und uns küssen«, sagt Baumann.

Und was sagen die Kollegen? »Alle waren neugierig und haben sich riesig gefreut«, sagt sie.

Und die Chefs? »Die haben mich direkt beglückwünscht«, sagt er.

Aber nervt es nicht, Privatleben und Arbeit zu teilen? »Nein, Gott sei Dank haben wir nicht mehr die gleichen Kunden. Seine Rechnungen zeichne ich nicht mehr ab«, sagt sie.

Es ist wirklich nicht zu viel Nähe? »Ich habe das Gefühl, dass sich gerade während Corona Arbeit und Privatleben eh viel mehr miteinander vermischen. Es rennen doch auch ständig die kleinen Kinder hinten durchs Bild«, sagt er.

Es wird schnell sehr ehrlich

Beziehungscoach Sibylle Lachmann macht gerade ähnliche Beobachtungen. Früher habe es die Tendenz gegeben, Job und Privatleben strikt voneinander zu trennen – die Coronasituation verstärke, dass Grenzen fließender werden.

Nicht immer endeten die Geschichten mit einem Happy End wie bei Winter und Baumann. Die Suche aus der Einsamkeit heraus berge viele Chancen, aber auch Risiken. »Dieses Gefühl von ›Ich will auf keinen Fall allein sein‹ kann auch dafür sorgen, dass man den Kollegen XY auf einmal ganz toll findet und seine Traumvorstellungen auf ihn projiziert – obwohl er vorher gar nicht in die engere Auswahl gekommen wäre«, sagt Lachmann.

Andererseits würde man in der Pandemie auch schnell feststellen, wenn es doch nicht passe: »Es wird sehr schnell sehr ehrlich, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt.« Konflikte kämen viel eher zum Vorschein. »Wenn Paare gezwungenermaßen viel Zeit zu Hause verbringen, regt man sich eher über die herumliegenden Socken auf, als das vielleicht früher der Fall war.« Wichtig sei es, Bedürfnisse immer offen zu kommunizieren und die intensive Zeit am Anfang zu nutzen, um eine gute Basis aufzubauen.

An der gemeinsamen Basis arbeiten auch Pamela Renz und André Brüggemann. Ihr erstes Date, erzählen sie, hatten sie ganz coronakonform via FaceTime. »Mein Herz hat so doll geschlagen, als ich seinen Namen auf dem Bildschirm gelesen habe«, sagt Renz. Neben seinem freundlichen Lachen seien ihr gleich die selbst gestalteten Bilder in seiner Wohnung aufgefallen. »Das Date war viel intimer, als es in einem Restaurant hätte sein können, schließlich teilt man gleich die privaten vier Wände mit dem anderen«, sagt Renz.

Auch Renz und Brüggemann sind Kollegen, auch bei ihnen fiel der Schnelltest für die Liebe positiv aus. Brüggemann entdeckte Renz nicht bei der Office-Party, sondern auf Tinder. Er suchte bei LinkedIn nach ihr und entdeckte die erste Gemeinsamkeit: Renz arbeitet wie Brüggemann bei Bosch in Stuttgart, nur in einer anderen Abteilung. Er schrieb sie an – mit Erfolg. »Hätte ich nicht gesehen, dass er auch bei Bosch arbeitet, hätte ich vermutlich auf Löschen geklickt. Aber so hatte er gleich einen Vertrauensvorschuss bei mir und ich schrieb zurück«, sagt Renz. Das Unternehmen sei wie eine große Familie, wer dort arbeite, der unterstütze gemeinsame Werte wie Offenheit, Transparenz, Vertrauen – das verbinde.

Nach mehreren, auch mal vierstündigen Videodates entscheiden sie sich zu einem realen Treffen. In getrennten Autos fuhren sie raus in die Weinberge, wanderten auf Abstand. »Hätte es da schon Schnelltests gegeben, hätten wir bestimmt vorm ersten Kuss einen gemacht«, sagt Brüggemann. Sie küssten sich auch ohne.

»Die Kennenlernphase war viel intensiver als bei vorherigen Beziehungen. Es gab keine Freizeitangebote, auch die Familie konnte man nicht besuchen«, sagt Renz. Früher habe sie potenzielle Partner auch mal zappeln lassen – »aber jetzt gab es ja keine Ausrede, dass man mit jemand anderem verabredet ist«.

Und was, wenn die Pandemie endet?

Für Renz und Brüggemann war das Zusammenspiel aus Pandemie und gemeinsamem Arbeitgeber ein »Beziehungsbooster«, so nennen sie es. »Andere trennen sich in dieser Coronazeit, weil sie so viel aufeinanderhängen, uns schweißt es zusammen«, sagt Brüggemann. Nach zwei Wochen waren die beiden ein Paar, nach drei Monaten zogen sie zusammen, nun gründen sie ihr gemeinsames Start-up für digitale Workshops. Und auch bei Bosch arbeiten sie mittlerweile an gleichen Themen. Selbst nach Feierabend besuchen sie gemeinsam Online-Meet-ups zu Content-Marketing.

Natürlich gebe es auch mal Zankereien, zum Beispiel übers Essen – Renz isst gerne gesund und abwechslungsreich, Brüggemann reicht es, wenn es schnell geht. Die Lösung: Sonntags wird am Whiteboard geplant, was es die Woche über gibt, mittags wird immer bestellt. Auch frisch verliebte Arbeitskollegen sind nicht vor gewöhnlichen Shutdown-Streitigkeiten gefeit.

Die wirklichen Herausforderungen kämen für Coronapaare aber mit dem Ende der Pandemie, sagt Beziehungscoach Sibylle Lachmann: »Wenn plötzlich Männerabende, Mädelstrips und Geschäftsreisen zurückkehren, kommt auch die Angst vor Distanz, die Eifersucht zurück.« Dann müsse man sich noch einmal neu kennenlernen und achtsam mit dem jeweiligen Bedarf nach Freiraum umgehen. »Dann freut man sich bestimmt, die Mittagspause mal wieder mit einer Kollegin statt mit dem Partner zu verbringen.«

Auch Baumann und Winter malen sich schon das Ende der Pandemie aus – an Freiraum denken sie dabei nicht. »Wir haben noch viele erste Male vor uns: das erste Mal ins Kino, das erste Kennenlernen der Familien, das erste Mal richtig tanzen gehen.«

*Hinweis: Die Namen sind verändert, ihre echten Namen sind der Redaktion bekannt.

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