Jeannine Budelmann

»Das haben Sie gut gemacht!« Wie Chefs die Kraft des Lobes ausnutzen

Jeannine Budelmann
Eine Kolumne von Jeannine Budelmann
Ist es ein gutes Zeichen, wenn die Chefin plötzlich auffällig positive Worte findet? Nicht unbedingt. Warum Zuspruch zuweilen mit Vorsicht zu genießen ist – und man die eigene Erziehung hinterfragen sollte.
Lob fühlt sich erst mal schön an – doch manchmal ist Skepsis angebracht (Symbolbild)

Lob fühlt sich erst mal schön an – doch manchmal ist Skepsis angebracht (Symbolbild)

Foto: Martin Barraud / Getty Images

Eine Führungskraft ist darauf angewiesen, dass ihre Mitarbeitenden die bestmögliche Leistung abliefern. Doch wie bekommt man gerade junge Arbeitnehmer:innen dazu? Früher motivierten der Wunsch nach einem prestigeträchtigen Posten und die Aussicht aufs ganz große Geld Menschen zu beruflichen Höchstleistungen. Heute ist das nicht mehr ganz so einfach.

Bei jungen Mitarbeitenden – denen, die man als Generation Z bezeichnet – hat der Wunsch, Karriere zu machen und im Unternehmen Verantwortung zu übernehmen, spürbar nachgelassen. Doch ein Trick funktioniert auch bei ihnen in der Regel noch: Lob. Und davor sollte man sich beizeiten in Acht nehmen.

Onboarding – die Kolumne zum Berufseinstieg

Aller Anfang ist schwer. Das gilt für Beziehungen, Umzüge und natürlich auch den Berufseinstieg. Wie etabliere ich mich im Team, ohne mich selbst aufzugeben? Wie beweise ich, was ich draufhabe, ohne die Ellenbogen auszufahren? Und ab wann kann ich eigentlich ein Sabbatical verlangen?

Über diese und ähnliche Themen schreibt in dieser Kolumne Jeannine Budelmann, Jahrgang 1986. Sie ist kaufmännische Geschäftsführerin von HANZA Tech, einem Unternehmen, das industrielle Elektronik entwickelt und herstellt. Außerdem berät sie als Coachin bei Problemen im Berufsleben.

Um das zu verstehen, ist die Unterscheidung zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation hilfreich:

  • Extrinsische Motivation liegt dann vor, wenn man eine Tätigkeit aufgrund von äußeren Reizen ausführt – etwa um Strafe zu vermeiden oder eine Belohnung zu erhalten.

  • Intrinsische Motivation hingegen kommt von innen und bedeutet, dass man selbst Freude an der entsprechenden Tätigkeit entwickelt.

Lob oder, allgemeiner gesagt, die Erwartungen anderer fallen in den Bereich extrinsische Motivation.

Was uns als Kinder motiviert hat, wirkt nach

Lob und Strafe sind in der Kindererziehung nach wie vor weitverbreitet. Entsprechend sind viele Menschen gut an den Mechanismus gewöhnt, bei dem auf eine erwünschte Tätigkeit ein Lob oder eine Belohnung folgen.

Um gut durchs Arbeitsleben zu navigieren, lohnt es sich also, an die eigene Kindheit zurückzudenken: Warum habe ich mich allwöchentlich in die Musikschule gequält? Weil ich selbst unbändige Lust darauf hatte, ein Instrument zu lernen – oder weil meine Eltern mich für meinen Einsatz lobten oder sogar das Nichterscheinen sanktionierten?

Wer mit dem Lob-Sanktions-Erziehungsmodell aufgewachsen ist, wird dafür auch im Berufsleben eher zugänglich sein. Ein Lob von Vorgesetzten führt dann dazu, dass man sich vermehrt anstrengt, um noch mehr Lob zu erhalten.

Und genau das ist der Knackpunkt: Fähige Führungskräfte sind sich der Kraft des Lobes bewusst – und nutzen diesen Mechanismus zuweilen aus. Sie loben fleißig, während sie weiter Aufgaben abgeben. Und halsen ihren Mitarbeitenden so immer mehr Arbeit auf. Wer merkt, dass die eigene Arbeitsbelastung vergleichsweise hoch ist, und gleichzeitig viel Lob erhält, sollte deshalb aufmerksam werden.

Wenn der Blick in die Vergangenheit allein nicht hilft, kann auch ein kurzes Coaching unterstützen, um dem Thema auf den Grund zu gehen. Wichtig wird vor allem sein, sich den Mechanismus immer wieder vor Augen zu führen – und sich dann klar abzugrenzen.

Ermutigung als Alternative

Auch in der Psychologie wird Lob heute differenziert betrachtet. Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, unterscheidet etwa zwischen Lob und Ermutigung. Während Lob oder Strafe immer von oben herab geschehen, findet eine Ermutigung auf Augenhöhe statt. Ermutigung funktioniert genau gegensätzlich zum Lob, indem sie die intrinsische Motivation anspricht.

Ein Lob erkennt man daran, dass es sich meist auf ein Endergebnis bezieht. Im Beruf könnte es zum Beispiel einfach lauten: »Gut gemacht!« Bei der Ermutigung liegt der Fokus meist auf dem Prozess oder auf den Anstrengungen, die jemand unternommen hat. Eine Ermutigung kann es auch geben, wenn noch gar kein Ergebnis präsentiert wurde. Wenn eine Führungskraft ermutigend arbeitet, dann sagt sie Sätze wie »Ihr habt bei dieser Aufgabe sehr gut im Team interagiert« oder »Ich finde es beeindruckend, wie intensiv du dich in das neue Thema einarbeitest«.

Ein Lob muss nicht immer schlecht sein, aber eben auch nicht immer gut. Wichtig ist, dass man entscheiden kann, ob man dieses Lob für das eigene Wohlbefinden benötigt. Hier hilft es, immer wieder aufmerksam in sich hineinzuhören, besonders in Situationen, in denen man zufrieden und motiviert ist. Genau dann sollte man sich fragen, warum. Liegt es an der angenehmen Aufgabe und den eigenen Fortschritten – oder daran, dass die Führungskraft gerade im Büro war und ein dickes Lob hereingetragen hat?

Menschen, die merken, dass sie stark durch Lob motivierbar sind, sollten achtsam mit der Menge an Aufgaben sein, die auf dem eigenen Schreibtisch landen. Und lernen, auch mal Nein zu sagen.

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