Studienfächer erklärt Das hätte ich als Erstsemester gern über Medizin gewusst

Bleibt im Medizinstudium noch Zeit für anderes außer Lernen? Wie praxisnah sind die Jahre an der Uni? Und wie finde ich später mein Fachgebiet? Louisa Daunert, Ärztin in Weiterbildung, gibt Antworten.
Aufgezeichnet von Lisa Srikiow
Im Praktischen Jahr durchlaufen angehende Medizinerinnen und Mediziner drei Stationen: Innere Medizin, Chirurgie und ein Wahlfach (Symbolbild)

Im Praktischen Jahr durchlaufen angehende Medizinerinnen und Mediziner drei Stationen: Innere Medizin, Chirurgie und ein Wahlfach (Symbolbild)

Foto: allOver-MEV / imago images
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Viele haben ein klares Berufsbild vor Augen, wenn sie mit dem Medizinstudium beginnen: Ärztinnen und Ärzte untersuchen ihre Patienten, stellen Diagnosen und schlagen Therapien vor; sie stehen im OP oder arbeiten in einer Praxis. Doch Medizinerinnen und Mediziner leiten auch Labors, arbeiten in der Forschung oder beim Gesundheitsamt. Sie können als Hausärzte sehr breit aufgestellt sein oder sich auf ein kleines Fachgebiet spezialisieren.

Louisa Daunert, 28, hat an der privaten Universität Witten/Herdecke Medizin studiert. Seit Mai 2020 arbeitet sie am Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Jena und lässt sich dort zur Fachärztin für Allgemeinmedizin ausbilden. Hier erklärt sie, warum man im Medizinstudium auch eine neue Sprache lernt, welche Veranstaltung sie eher schwierig fand und warum man trotz des hohen Lernpensums nicht alle Hobbys aufgeben sollte.

Die Entscheidung fürs Medizinstudium

»Wie viele Medizin-Studierende bin ich vorbelastet – in meiner Familie gibt es einige Ärztinnen und Ärzte. In der Oberstufe begann ich, selbst über ein Medizinstudium nachzudenken, hinterfragte diesen Wunsch aber lange. Wollte ich Medizin studieren, weil ich es kannte oder weil ich wirklich Ärztin werden wollte? Schon während der Schulzeit und dann nach dem Abitur machte ich einige Praktika, in einer Hausarztpraxis, im Krankenhaus und in der ambulanten Pflege – das hat mich letztendlich in meinem Berufswunsch bestätigt. Ein naturwissenschaftliches Interesse hatte ich ohnehin. Es ist faszinierend, wie komplex und genial der Mensch aufgebaut ist, was alles schiefgehen und wie man als Ärztin darauf Einfluss nehmen kann.«

Formale Voraussetzungen für ein Medizin-Studium:

  • Wer Medizin studieren möchte, muss sich über das Portal hochschulstart.de  bewerben.

  • Im Jahr 2020 wurde das Vergabeverfahren für Medizin-Studienplätze umgestellt : 30 Prozent der Plätze werden nun unter den Abiturbesten verteilt. Gleichzeitig gibt es eine Quote von zehn Prozent, bei der die Abiturnote komplett unberücksichtigt bleibt, die sogenannte Zusätzliche Eignungsquote (ZEQ) . Hier spielen beispielsweise die Ergebnisse des Tests für Medizinische Studiengänge (TMS), kurz Medizinertest, oder eine vorherige Berufsausbildung eine wichtige Rolle. Die restlichen 60 Prozent der Studienplätze vergeben die Universitäten über eigene Auswahlverfahren. Hier zählt neben Eignungstests weiterhin die Abiturnote, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

  • Auch wenn es also nicht das einzige Auswahlkriterium ist: Um Medizin zu studieren, braucht man nach wie vor meist einen sehr guten Abitur-Schnitt.

Was man sonst noch mitbringen sollte: Neben dem Willen, hart zu arbeiten, sollte man Einfühlungsvermögen für den Umgang mit Patientinnen und Patienten mitbringen. Ärztinnen und Mediziner finden sich zudem oft in schwierigen und leidvollen Situationen wieder, in denen sie professionell und empathisch zugleich agieren sollten – auch das muss man können.

»Die Bewerbung für Medizin ist schwierig, das weiß jeder. Oft braucht man einen glatten Einser-Schnitt, um zugelassen zu werden. Ich hatte den nicht, also suchte ich nach Alternativen und bewarb mich schließlich an der privaten Universität Witten/Herdecke. Dort zählen Noten zwar auch, aber es werden außerdem noch Motivationsschreiben, Lebenslauf, ein gesellschaftspolitischer Essay und persönliche Gespräche gewertet. Die Studiengebühren kann man durch einen sogenannten Umgekehrten Generationenvertrag  auch erst später bezahlen, das erschien mir eine gute Möglichkeit, mich von meinen Eltern unabhängig für eine private Universität zu entscheiden.«

Wie bekommt man einen Medizin-Studienplatz?

  • Eine Ausbildung im medizinischen Bereich ist ein klarer Startvorteil. Krankenpfleger oder Rettungssanitäterinnen sind bereits mit einigen Krankheitsbildern vertraut und vor allem im Umgang mit Patienten geübt. Noch wichtiger für die Zulassung: Eine solche Ausbildung wird auch bei der Vergabe der Studienplätze gewertet.

  • In einigen Bundesländern – etwa in Bayern  oder Niedersachsen  – gibt es Landarzt- oder Hausarztprogramme, für die man sich bewerben kann. Wer bereit ist, später als Hausarzt auf dem Land zu praktizieren, um die medizinische Versorgung dort zu gewährleisten, kann auf diesem Weg einen Studienplatz oder ein Stipendium bekommen. 

  • In Österreich und einigen anderen EU-Staaten wie Polen oder Ungarn gibt es keinen NC für das Medizin-Studium. Bewerber müssen aber die Zulassungstests der jeweiligen Universitäten bestehen oder Studiengebühren zahlen. Auch an privaten Hochschulen wie der Universität Witten/Herdecke kann man Medizin studieren. Außerdem hält die Bundeswehr ein Kontingent an Medizin-Studienplätzen  an zivilen Hochschulen.

  • Wer den Test für Medizinische Studiengänge (TMS)  oder den Hamburger Naturwissenschaftstest (HAM-Nat)  erfolgreich ablegt, kann seine Chancen auf einen Studienplatz deutlich verbessern. Die Vorbereitung für die Tests sollte man jedoch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Zudem sollte man prüfen, ob die Wunsch-Universitäten diese Tests anerkennen.

Inhalte und Aufbau des Studiums

»Das Lernpensum im Medizinstudium ist enorm. In den ersten vier Semestern, also vor dem Physikum, beschäftigt man sich mit den Grundlagen etwa aus Anatomie, Physiologie oder Biochemie – also alles, was notwendig ist, um zu verstehen, wie der Körper aufgebaut ist. Außerdem macht man sich mit ersten Krankheitsbildern vertraut, mikroskopiert und untersucht im Präparierkurs Leichen. Es ist sehr viel Stoff, aber das Hirn wächst mit seinen Aufgaben. Am Ende des dritten Semesters hatte ich nicht mehr das Gefühl, dauernd überfordert zu sein. Man findet seine Lernstruktur und gewöhnt sich an die lateinischen Fachbegriffe und diese sehr eigene Sprache der Mediziner.

In Witten/Herdecke hatten wir theoretische und praktische Prüfungen äquivalent zum Physikum. Besteht man die, kommt der klinische Teil des Studiums. Dann werden alle großen Fachrichtungen abgearbeitet, es gibt Praktika in der Inneren Medizin, der Chirurgie, der Gynäkologie und vielen anderen Bereichen. Dazu besucht man Veranstaltungen in Statistik, Ethik oder Recht. Schließlich hat man sechs Monate Zeit, um für das zweite Staatsexamen zu lernen. Dann muss man in drei Tagen jeweils um die 200 Fragen zu allen Fächern beantworten – nicht umsonst nennt man diese Prüfung das ›Hammer-Examen‹.«

Das Medizin-Studium gliedert sich in drei Studienabschnitte, die jeweils mit einer Ärztlichen Prüfung abschließen.

Typische Fächer im vorklinischen Studium: Biologie, Chemie, Physik, Anatomie, Biochemie/Molekularbiologie, Physiologie, Medizinische Terminologie

Typische Fächer im klinischen Studium: Innere Medizin, Chirurgie, Augenheilkunde, Epidemiologie, Neurologie, Anästhesiologie

Praktisches Jahr: Innere Medizin, Chirurgie, Wahlfach

Weitere Fächer finden sich bei der Bundesagentur für Arbeit , einen beispielhaften Studienverlauf gibt es auf der Website der RWTH Aachen .

»Ich kann mich sehr für mein Fach begeistern, besonders aufschlussreich fand ich aber die praktischen Anteile. Wir simulierten beispielsweise mit Statisten Patientengespräche und wurden dabei gefilmt, im Anschluss analysierten wir die Aufnahmen zusammen mit Kommilitonen und Psychologinnen. Spannend waren auch die Veranstaltungen zur Palliativmedizin, also der Medizin des Sterbens. Pharmakologie fiel mir dagegen schwer, in diesem Fach ändert sich andauernd etwas – und die Begrifflichkeiten sind wieder eine vollkommen neue Sprache.

Trotz des hohen Lernpensums muss man aber nicht alle seine Interessen aufgeben. Hobbys rauben keine Energie, sondern geben ganz viel Kraft. Egal ob Chor, Sport oder ein Engagement in der Fachschaft – diese Sachen sind wichtig, um den Kopf mal frei zu bekommen und die Lerninhalte zu verdauen. Ich hätte mich schon viel früher trauen sollen, mir mehr Zeit dafür zu nehmen.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»Nach dem ›Hammer-Examen‹ folgt der letzte Abschnitt des Studiums, das Praktische Jahr – das ist ein fließender Übergang in den Job. Aktuell gliedert es sich in drei Abschnitte: Innere Medizin, Chirurgie und ein Wahlfach. Wer sich schwertut mit der Entscheidung für sein Wahlfach, dem empfehle ich, sich bei den Fachgesellschaften umzusehen. Die machen gute Nachwuchsarbeit: Studierende bekommen ermäßigten Eintritt für Fachkongresse, und es gibt viele Weiterbildungen.

Ich habe mich für Allgemeinmedizin entscheiden und mache nun auch meine Weiterbildung in dieser Disziplin. Man kann sich aber durchaus noch mal umorientieren, man muss nicht bei seinem Wahlfach bleiben. Mir gefällt an der Allgemeinmedizin, dass ich meine Patientinnen und Patienten über viele Jahre hinweg begleiten und auch präventiv mit ihnen arbeiten kann, zum Beispiel mit Blick auf Ernährung, Bewegung, Rauch-, Alkohol- und Stressvermeidung. Außerdem gibt es noch ein Leben neben der Medizin, das ist mit dem Berufsalltag in einer Praxis leichter zu vereinbaren.«

Berufsfelder und Gehälter:

Haben sie das anstrengende Studium einmal geschafft, verdienen Medizinerinnen und Mediziner sehr gut – laut StepStone-Gehaltsreport bekommen Berufseinsteiger durchschnittlich 59.500 Euro brutto im Jahr, mit wachsender Berufserfahrung verdienen sie durchschnittlich bis zu 92.200 Euro.

Wer nach dem Studium eine Facharztbildung abgeschlossen hat, kann danach zum Beispiel in einer Klinik arbeiten oder sich in einer Praxis niederlassen. Außerdem können Mediziner in der Forschung, in der Pharmaindustrie oder im Gesundheitsmanagement arbeiten.

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