Eine Auszubildende erzählt: Darum sind auch 515 Euro Mindestlohn im Monat zu wenig

Von Ole-Jonathan Gömmel und Jannis Große

Dieser Beitrag wurde am 14.05.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Auszubildende sollen besser bezahlt werden. Wenn es nach der Bundesregierung geht, sollen sie ab 2020 eine Mindestvergütung von 515 Euro pro Monat erhalten. Bis 2023 soll der Betrag auf 620 Euro steigen. Ziel ist es, unter anderem die Attraktivität der beruflichen Bildung zu erhöhen. Die Gesetzesreform des Bundesbildungsministeriums soll am Mittwoch vom Kabinett beschlossen werden (SPIEGEL ONLINE).

Der Zentralverband des deutschen Handwerks sieht die Mindestvergütung kritisch. Sie würde den regionalen wie betrieblichen Besonderheiten nicht gerecht, heißt es in einem Statement . "Was in einer Region oder einem Betrieb finanziell noch zu stemmen ist, das ist andernorts dann einfach zu viel." Sie befürchten, dass einige Firmen dann keine Ausbildung mehr anbieten.

Wir haben mit einer angehenden Friseurin über den geplanten Mindestlohn gesprochen. Wofür reicht ihr Verdienst in einer Großstadt wie Hamburg?

Foto: Jannis Große / bento

Pia* ist 22 Jahre alt, wohnt in Hamburg und macht ihre Friseur-Ausbildung in einem kleinen Salon in der Innenstadt. 

"Ich bin momentan im dritten Lehrjahr und habe netto ungefähr 560 Euro zur Verfügung. Das ist nicht viel, allerdings bedeutend mehr als in meinem ersten Lehrjahr – da musste ich monatlich mit 350 Euro auskommen. Mein gesamtes Gehalt geht eigentlich für meine Miete drauf, obwohl ich in einer WG wohne.

In einer Großstadt wie Hamburg zu leben, ist sehr teuer. Einen Nebenjob kann ich aber nicht annehmen, ich muss an manchen Tagen bis 20 Uhr arbeiten und anschließend auch oft noch sauber machen. Es fallen regelmäßig Überstunden an. Mein Vater unterstützt mich zum Glück. Ohne finanzielle Hilfe wäre es nicht möglich, von meinem Verdienst zu leben.

Wie viel verdienen Azubis?

Die Ausbildungsvergütung ist von mehreren Faktoren abhängig: Der Branche, der Größe des Betriebs und dem Standort. Als Mechaniker oder Elektronikerin kann man im ersten Ausbildungsjahr teilweise schon über 1000 Euro verdienen. In anderen Branchen bekommt man deutlich weniger. Nach Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung , kurz BIBB, bekommen Schornsteinfeger nur 450 Euro im ersten Ausbildungsjahr, Friseure in allen drei Ausbildungsjahren weniger als 500 Euro und Fleischer im Osten nur 310 Euro im ersten Ausbildungsjahr.

Wenn ein Betrieb die Tarifverträge zwischen Arbeitnehmerverband und Gewerkschaften nicht unterschreibt, muss er trotzdem mindestens 80 Prozent der Tarifvergütung zahlen. Falls es keine Branchentarifverträge gibt, müssen Betriebe laut Gesetz  bisher nur eine "angemessene Vergütung" in der Ausbildung bezahlen. Der klassische Mindestlohn gilt hier nicht, da es sich um ein sogenanntes Bildungsverhältnis, nicht ein Arbeitsverhältnis handelt.

Das finde ich ungerecht. Und am Ende ist es auch egal, ob es 350 oder 515 Euro im ersten Lehrjahr sind – von so einem Gehalt hast du keine Chance, deine Miete und deinen Lebensunterhalt zu finanzieren, geschweige denn an sozialen Events teilzunehmen oder mal in den Urlaub zu fahren. Es gibt zwar staatliche Unterstützungsprogramme wie Bafög und BAB – die bekomme ich aber nicht, weil mein Vater zu viel verdient.

Als Friseurin möchte ich so lange arbeiten, bis ich wirklich sicher im Handwerk bin. Mein Ziel ist es aber, später in Richtung Maskenbild zu gehen. Dafür ist eine abgeschlossene Ausbildung Voraussetzung.

Wie kann man zusätzlich Geld bekommen?

Von 515 Euro kann man in Deutschland nur schwer leben. Das Existenzminimum liegt 2020 nach Informationen des Bundestags bei 784 Euro pro Monat. Das Ausbildungssystem ist jedoch so konzipiert, dass Auszubildende kein volles Gehalt bekommen. Laut Bürgerlichem Gesetzbuch (§ 1601 BGB) müssen die Eltern ihre Kinder während der Ausbildung finanziell unterstützen. Wenn die Eltern zu wenig verdienen und man nicht mehr zu Hause wohnt, hat man in der ersten Ausbildung Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) mit einem Höchstsatz von 622 Euro , was vergleichbar mit BaföG ist. Wenn der BAB-Antrag abgelehnt wird, hat man immer noch die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen oder bis zu 450 Euro in einem Nebenjob zu verdienen. Unter gewissen Umständen können Auszubildende auch Leistungen nach SGB II  beziehen.

Die größten Probleme, die der Friseurberuf hat, sind die schlechte Bezahlung und der schlechte Ruf des Jobs. Dabei sind wir Friseure in einer guten Verhandlungsposition. Viele Salons suchen nach Personal. Viele trauen sich aber nicht zu verhandeln, weil sie befürchten, dass der Arbeitgeber sie dann schlecht behandelt.

Wenn ich mehr Geld zur Verfügung hätte, würde ich davon reisen. Dafür bräuchte ich dann allerdings auch mehr Urlaub. Im Moment habe ich nur 24 Urlaubstage im Jahr. Natürlich würde ich mich auch darüber freuen, das Leben etwas mehr auszukosten zu können. Essengehen, Klamottenkaufen und Theaterbesuche sind alles Dinge, die ich mir nur sehr selten leiste. Ich bin durch das niedrige Gehalt sozial und kulturell eingeschränkt. Es gibt aber auch tolle Angebote, wie zum Beispiel das eines Hamburger Theaters, bei dem man als Azubi für zehn Euro in die Vorstellung gehen kann. Solche Aktionen versuche ich dann natürlich auszukosten. Trotzdem ist es unangenehm, ständig sagen zu müssen: 'Sorry, ich habe kein Geld mehr dafür.'

Ausbildungsberufe in Deutschland

2017 war Kaufmann/-frau für Büromanagement der Beruf, in dem die häufigsten neuen Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden. Bei Frauen belegen kaufmännische und medizinische Berufe die ersten drei Plätze. Bei Männern sind es Mechatroniker, Elektroniker und Fachinformatiker. (Quelle: BIBB ) Im Jahr 2018 wurden 519.700 neue Ausbildungsverträge  geschlossen, insgesamt gibt es rund 1,3 Millionen Lehrlinge in Deutschland. Studierende gibt es dagegen 2,9 Millionen.

Das Friseur-Handwerk an sich mag ich aber trotzdem total gerne – deshalb bin ich auch froh, mich dafür entschieden zu haben. Ich hätte allerdings keine Lust, es ein zweites Mal zu machen. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist es schon sehr hart, so viel zu arbeiten für so wenig Entlohnung. Besonders in der Ausbildung ist man halt auch nicht immer mit dem Kunden in Kontakt, sondern muss sich auch viel darum kümmern, das Ladenlokal zu reinigen.

Außerdem hätte ich mir in der Ausbilung eine andere Aufteilung gewünscht. Natürlich verstehe ich, dass Salonbetreiber Azubis als günstige Arbeitskraft brauchen. Drei ganze Jahre halte ich als Ausbildungszeit jedoch für zu viel. Ich hätte mir eine schulische Ausbildung gewünscht, bei der ich beispielsweise ein Jahr lang jeden Tag praktisch und theoretisch unterrichtet werde und nach dieser Zeit dann ein halbjähriges Praktikum im Salon mache. Es geht sonst so viel Zeit für Dinge verloren, die für den eigentlichen Beruf gar nicht relevant sind. Für den Chef ist das natürlich ein riesiger Vorteil – für uns Azubis eher das Gegenteil."

Was sieht die Gesetzesänderung noch vor?

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesetzentwurfs ist Medienberichten zufolge die rechtliche Verankerung von drei Fortbildungsstufen und einheitlichen Bezeichnungen der Fortbildungen, um die Qualifikationen auf dem internationalen Arbeitsmarkt vergleichbarer zu machen. So soll es neben den traditionellen Titeln wie "Meister" auch Abschlüsse als "Bachelor Professional" oder "Master Professional" geben.

*Name von der Redaktion geändert


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