550 Euro im Monat Wenn man vom Azubi-Gehalt nicht leben kann

Berufsausbildungen können vieles sein: systemrelevant, anstrengend oder Verwirklichung eines Lebenstraums. Nur gut bezahlt sind sie selten – trotz Fachkräftemangel und neuer Mindestvergütung. Muss das so sein?
Angehende Fachkräfte werden in vielen Branchen und Regionen verzweifelt gesucht – nur an der Bezahlung mangelt es häufig

Angehende Fachkräfte werden in vielen Branchen und Regionen verzweifelt gesucht – nur an der Bezahlung mangelt es häufig

Foto: Thomas Barwick / Digital Vision / Getty Images

»Im letzten Lehrjahr habe ich 925 Euro brutto verdient. Das ist im Vergleich zu anderen Lehrberufen viel – nur muss ich allein für die Miete in der sehr teuren Region hier 650 Euro im Monat zahlen«, schreibt Lucian*, 20, der im vergangenen Jahr seine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik bei einem Textilhersteller in Baden-Württemberg abgeschlossen hat. Erschwerend hinzugekommen sei, dass sein Ausbildungsbetrieb 15 Kilometer von seiner Wohnung entfernt gelegen, er also ein Auto gebraucht habe. »Ohne einen Minijob neben der Ausbildung hätte ich mir all das nicht leisten können.« 

Lucian ist einer von acht Azubis, die sich auf eine SPIEGEL-Anfrage in einem Azubi-Forum  bei Facebook gemeldet und berichtet haben, wie viel sie während ihrer Ausbildung verdienen. Und vor allem: ob sie damit über die Runden kommen.

Da ist zum Beispiel Nora, 24, die als angehende Tischlerin im zweiten Lehrjahr 1070 Euro brutto bekommt: »Ich verdiene im Vergleich zu anderen gut, vor allem im Handwerk. Und dank der geringen Mieten in der ländlichen Gegend hier komme ich gut aus.« Da ist aber auch Celin, die für ihre Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten täglich 80 Kilometer pendelt und gerade mal 650 Euro brutto verdient, plus Kindergeld: »Davon zahle ich meine Miete, meine Fixkosten und – wenn möglich – Tank und Essen. Anderes ist nicht drin.«

53.100 leere Ausbildungsplätze

Seit Jahren beklagen Arbeitgeberverbände  und Unternehmen den Fachkräftemangel in Deutschland und mahnen, dass effektiv gegengesteuert werden müsse. Laut Berufsbildungsbericht  2020 , der sich auf die Zahlen von 2019 bezieht, sinkt gleichzeitig die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge. Etwa 53.100 Ausbildungsplätze blieben 2019 unbesetzt.

»Das hat vor allem zwei Gründe«, sagt Harald Pfeifer, der am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) den Arbeitsbereich Ökonomie der Berufsbildung leitet. Erstens: Die Zahl der Schulabgänger sei in den vergangenen zehn Jahren demografisch bedingt um mehr als 100.000 pro Jahrgang zurückgegangen, damit gebe es auch weniger potenzielle Azubis. Zweitens: Immer mehr Jugendliche würden Abitur machen und hätten damit auch die Option, zu studieren – und danach einen möglicherweise besser bezahlten Job anzutreten. »Sicherheit spielt für junge Menschen eine wichtige Rolle, sowohl die des Arbeitsplatzes als auch die finanzielle«, sagt Pfeifer. In unsicheren Zeiten, wie etwa der Coronakrise, schienen sich diese Entwicklungen noch zu verstärken.

Ausbildungsberufe tun sich bei alldem schwer, attraktiv zu bleiben. Seit dem 1. Januar 2020 gibt es zwar eine gesetzliche  Mindestvergütung  für Azubis, zum 1. Januar 2021 wurde diese nochmals angehoben. Trotzdem verdienen Azubis weiterhin wenig – »deutlich zu wenig«, wie die Gewerkschaft IG Bau kritisiert.

So viel müssen Azubis mindestens verdienen

Wer 2021 mit der Ausbildung angefangen hat, bekommt mindestens 550 Euro, für einen Start im Jahr 2022 liegt der Mindestsatz bei 585 Euro. So steht es im Berufsbildungsgesetz . Die Erhöhung erfolge schrittweise, um den ausbildenden Betrieben Zeit zu lassen, »sich auf die Mindestvergütung einzustellen «, heißt es beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales .

Im zweiten Lehrjahr erhöht sich der Verdienst dann um 18 Prozent, im dritten um 35 Prozent, jeweils bezogen auf das erste Lehrjahr.

Tarifverträge stehen weiterhin über dem gesetzlichen Lohn, können also zu deutlich höheren, aber auch niedrigeren Löhnen führen. Angehende Friseure in Ostdeutschland etwa bekamen 2020 im ersten Lehrjahr im Schnitt nur 336 Euro, zeigt eine Untersuchung von Ausbildungsexperte  Harald Pfeifer vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). In vielen Branchen wurden die tariflichen Vergütungen in den vergangenen Jahren aber deutlich angehoben.

Lagerlogistiker Lucian bekam während seiner Ausbildung mehr als die jetzt minimal verpflichtenden Beträge. Trotzdem, so schreibt er, habe er zusätzlich acht Stunden pro Woche Zeitungen ausgetragen, um Reparaturen am Auto, Sprit, Versicherungen oder Essen zu bezahlen: »Mir war schon beim Ausbildungsbeginn klar, dass das Geld nicht reichen würde.«

Auch Kevin verdiente sich zeitweise mit einem Nebenjob Geld dazu. Der 29-Jährige absolviert gerade eine Berufsausbildung zum Verwaltungsfachangestellten bei der Stadt Flensburg. »Im ersten Lehrjahr habe ich netto 750 Euro monatlich bekommen, jetzt im dritten sind es 850«, berichtet er. Davon könne er zwar gerade so leben, für Partys oder die Mitgliedschaft in einem Sportverein reiche es aber nicht. Vor Corona habe er deshalb an den Wochenenden zusätzlich in einer Bar gejobbt.

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»Man muss die Ausbildungsvergütung immer in Relation zu den Lebenshaltungskosten sehen«, sagt Forscher Harald Pfeifer. »Ein paar Hundert Euro im ländlichen Ostdeutschland können mehr wert sein als 800 Euro in Downtown-München.« Dennoch sei die Vergütung vielerorts nicht ausreichend, um davon komplett zu leben.

Das soll sie aber auch gar nicht sein.

»Lehrjahre sind keine Herrenjahre«

Das deutsche Ausbildungssystem hat seine Anfänge im  Mittelalter . Handwerker nahmen Lehrlinge bei sich im  Haus  auf  und gaben ihnen im Gegenzug Schlafplätze und Essen; darüber hinaus bekamen sie keine Vergütung, sondern mussten sogar Lehrgeld bezahlen. Die Ausbildung galt als persönliche Investition in die Zukunft und diente gleichzeitig der Erziehung . Der Gedanke schwingt auch heute noch mit, wenn etwa das Bundesverfassungsgericht urteilt, dass die Erstausbildung als Schnittstelle zwischen Schule und Berufswelt »der  Persönlichkeitsentwicklung « diene und daher steuerrechtlich schlechter gestellt werden dürfe als eine Zweitausbildung.

Erst  1969  wurde eine Ausbildungsvergütung in Deutschland überhaupt Pflicht. Seither wird regelmäßig diskutiert, wie hoch sie sein muss: »Arbeitgeberverbände möchten sie niedrig halten, um die wirtschaftliche Last der Betriebe zu senken, Gewerkschaften wollen sie steigern, damit Azubis davon leben können«, sagt Forscher Harald Pfeifer.

Traditionell soll die von den Unternehmen gezahlte Vergütung gar nicht für den kompletten Lebensunterhalt ausreichen, sondern lediglich dazu  beitragen . Auch, weil Azubis in der Regel nicht wie voll ausgebildete Arbeitskräfte eingesetzt werden können: Sie wechseln zwischen Betrieb und Berufsschule und müssen bei der Arbeit angeleitet werden. Dadurch binden sie anfangs   teilweise mehr Arbeitskraft und kosten mehr Geld , als sie Leistung erbringen oder Profite erwirtschaften können.

Azubis kosten bloß Geld? Nein!

Lagerlogistiker Lucian allerdings erinnert sich: »Ich war eigentlich nach einem Jahr fertig ausgebildet und kannte meine Aufgaben in- und auswendig.« Betreut worden sei er im zweiten und dritten Lehrjahr kaum noch, nur schlechter bezahlt. »Deshalb bin ich der Meinung, dass man Azubis bei Erreichen eines bestimmten Niveaus nicht mehr wie Azubis, sondern wie normale Angestellte vergüten sollte.«

Auch Experte Pfeifer weiß durch seine Forschung, dass sich eine Ausbildung für beide Seiten lohnt. Gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe untersucht er seit 15 Jahren, was Azubis kosten, warum manche Unternehmen nicht ausbilden und ob sich die Investition für diejenigen auszahlt, die es doch tun. Im Ausbildungsjahr 2017/2018 lagen die durchschnittlichen Bruttokosten laut seiner Analyse pro Azubi bei knapp 21.000  Euro . Zwei Drittel der Kosten brachten sie im Schnitt schon während der Ausbildung wieder ein; etwa 28 Prozent der Auszubildenden erwirtschafteten sogar mehr, als sie kosteten.

Noch wichtiger sei die Weiterbeschäftigung nach der Ausbildung, sagt Pfeifer: Fast 70 Prozent der Azubis würden übernommen. »Unternehmen sparen sich durch Ausbildung Personalgewinnungskosten, reduzieren Abhängigkeiten vom Arbeitsmarkt und vermeiden mögliche Ausfallkosten durch Personalengpässe.« Größere Unternehmen profitierten von diesem Effekt allerdings stärker als kleinere – die verlören ihre Azubis nach Ende der Ausbildung nämlich häufiger an besser zahlende Konkurrenten.

Welche finanziellen Hilfen können Azubis beantragen?

Um niedrige Vergütungen aufzustocken, stehen Azubis in Deutschland je nach Situation, Ausbildungsweg und Alter unterschiedliche Mittel zur Verfügung. Die BAB  ist so etwas wie das BAföG für Azubis und kann bei der Agentur für Arbeit beantragt werden . Bezugsberechtigt sind Azubis in einem anerkannten Ausbildungsberuf, deren Ausbildungsbetrieb zu weit entfernt ist, um bei den Eltern zu wohnen. Auch wer über 18 ist, selbst bereits Kinder hat, verheiratet ist oder in fester Partnerschaft in einer gemeinsamen Wohnung lebt, kann BAB beantragen . Für schulische Ausbildungen wie etwa der zur Physiotherapeutin gibt es kein BAB. Für Menschen mit Behinderung gelten besondere Regeln 

Verwaltungs-Azubi Kevin möchte nach der Ausbildung bei seinem Arbeitgeber, der Stadt Flensburg, bleiben. Vor allem, weil er sich dort gut betreut fühlt: »Mein Arbeitgeber gibt sich viel Mühe. Ich hatte beispielsweise Probleme mit dem Fach ›Rechnungswesen‹, und man hat mir kostenlos einen Nachhilfelehrer zur Verfügung gestellt.« Dass Kevin mit seiner Sicht nicht allein ist, bestätigt eine Studie  des BIBB , sagt Pfeifer: »Bei den Ausbildungsinteressierten stehen Dinge wie Arbeitsplatzsicherheit, gutes Betriebsklima, flexible Arbeitszeiten und Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz oben.«

Menschlichkeit, Flexibilität und gute Betreuung als wichtige Faktoren, das passt zum gängigen Bild der Generationen Y und Z. Die Frage ist, wie lange ihnen das noch reicht.

*Der Protagonist möchte anonym bleiben, sein Name ist der Redaktion bekannt.