Karriereberaterin über Gefühle im Job Wohin nur mit der Wut?

Einem Kleinkind sieht man einen Wutanfall nach – einem Berufseinsteiger eher nicht. Dabei können sich gerade zu Beginn der Karriere frustrierende Erlebnisse häufen. Wie behält man die Beherrschung?
Ein Interview von Susan Barth
Auch wenn man manchmal gern schreien würde: Konflikte klärt man im Job lieber ohne Wut (Symbolbild)

Auch wenn man manchmal gern schreien würde: Konflikte klärt man im Job lieber ohne Wut (Symbolbild)

Foto: Tommaso Tuzj / Moment RF / Getty Images

Die Kollegin, die gemeinsame Ideen gern als ihre verkauft, oder der Chef, der einem ständig Aufgaben gibt, für die man eigentlich überqualifiziert ist: Am Arbeitsplatz kann es viele Gründe geben, wütend zu werden. Gleichzeitig scheint Wut hier am wenigsten hinzupassen. Schließlich sind extreme Gefühle das Gegenteil von Professionalität. Oder?

Marlene Müller, systemische Beraterin und Karrierecoach, erklärt, wie Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger lernen, mit Konfliktsituationen umzugehen.

SPIEGEL: Frau Müller, ist es normal, im Job so richtig wütend zu werden?

Müller: Ich denke, das haben alle Berufstätigen schon erlebt. Und man sollte es auch ernst nehmen. Gerade Einsteiger müssen sich oft mit Aufgaben abgeben, auf die langjährige Mitarbeiter keine Lust haben oder die unter ihrer Qualifikation sind. Man muss seine Kompetenz erst einmal unter Beweis stellen. Diese Phase auszuhalten, erfordert Souveränität, die man erst erlernen muss. Jeder Mensch hat aber eine andere Toleranzschwelle, es dauert also unterschiedlich lang, bevor einem der Kragen platzt.

SPIEGEL: Wodurch ist diese Toleranzschwelle geprägt?

Müller: Die Erziehung spielt eine Rolle, ist aber nicht der einzige Faktor. Vieles ist genetisch veranlagt, schon bei Kleinkindern kann man Temperamente unterscheiden: Manche sind ruhiger, andere quirliger. Im Laufe des Lebens kommen Erfahrungen hinzu, die uns prägen. Wir alle haben – egal ob privat oder beruflich – unterschiedliche Persönlichkeitsanteile, die uns zu dem Menschen machen, der wir sind. Jede und jeder von uns hat ein inneres Kind, einen inneren Jugendlichen und einen inneren Erwachsenen. Mit dem inneren Erwachsenen können wir unsere Wut regulieren und Situationen besonnener betrachten.

SPIEGEL: Wie stelle ich sicher, dass im Job nicht doch mein inneres Kind herausplatzt?

Müller: Die eigenen Triggerpunkte kennenzulernen, ist eine große Aufgabe und ein langer Prozess. Trotzdem können Sie auf Spurensuche gehen – vor allem in engen Beziehungen, denen zu Partnern oder Verwandten zum Beispiel. Die Menschen, die uns am nächsten sind, halten uns den Spiegel vor. Dadurch können wir uns selbst erkennen. Wenn Sie zum Beispiel in einem Streit mit Ihrem Partner sehr emotional reagieren, können Sie ganz genau hinschauen: Was denke ich, was fühle ich in diesem Moment? Habe ich mich schon einmal so gefühlt? Hängt das vielleicht damit zusammen, wie sich meine Eltern früher in Konflikten verhalten haben?

Man muss sich nicht alles gefallen lassen

SPIEGEL: Was bedeutet das für den Berufsalltag?

Müller: Wenn man zum Beispiel mit einem sehr autoritären Vater aufgewachsen ist, kann einen ein extrem autoritärer Chef schnell auf die Palme bringen. Gerade dann ist es wichtig, dass man ihm mit seinem erwachsenen Ich antwortet. Das funktioniert, wenn man sich dieser Prägung bewusst ist, den ruppigen Tonfall des Gegenübers ausblendet und auf der Sachebene bleibt. Denn das ist die oberste Regel: Immer auf den Inhalt hören und die Aussagen als Informationen verstehen, statt sie auf der Beziehungsebene wahrzunehmen.

SPIEGEL: Und wenn die Vorgesetzte nicht autoritär ist, aber ständig meinen Namen vergisst?

Müller: Auch das sollten Sie nicht auf sich beziehen. Wenn Sie auf der Sachebene bleiben, können Sie vermeiden, sich angegriffen zu fühlen. Zum Beispiel, indem Sie der Vorgesetzten zugestehen, ein schlechteres Gedächtnis oder einfach einen schlechten Tag zu haben. Sie können die Situation von sich wegschieben und sich sagen: Ich bin gar nicht das Problem, eigentlich blamiert sich meine Vorgesetzte, die meinen Namen immer noch nicht kennt.

SPIEGEL: Also muss ich mir im Job letztendlich alles gefallen lassen?

Müller: Natürlich nicht! Zwei- oder dreimal können Sie eine blöde Situation schon hinnehmen. Wenn Sie aber merken, dass es Ihnen nicht gut geht, sollten Sie das auch ansprechen. Am Anfang des Berufslebens trauen sich viele Menschen nicht, Konflikte anzusprechen. Man ist vielleicht noch in der Probezeit, möchte besonders anpassungsfähig sein. Es ist aber wichtig, sich von Anfang an ein Standing und Respekt zu erarbeiten. Das funktioniert am besten durch eine souveräne Haltung.

Konflikte ohne Wut klären

SPIEGEL: Wie spreche ich einen Konflikt souverän an?

Müller: Auf jeden Fall nicht im akuten Erregungszustand. In dem Moment sollten Sie sich zunächst selbst regulieren. Manche rauchen eine Zigarette, andere gehen eine Runde um den Block. Ich empfehle, die Beine fest auf den Boden zu stellen, ein paar Mal tief durchzuatmen und zu sich zu kommen. Sich in einer akuten Situation an die guten Vorsätze zu erinnern, ist natürlich schwer. Sie können sich als Hilfe ein Symbol, zum Beispiel eine kleine Figur, auf den Schreibtisch stellen, die Sie daran erinnert, sachlich und ruhig zu bleiben.

SPIEGEL: Und wenn ich mich beruhigt habe?

Müller: Dann sollten Sie sich vor einer Aussprache darauf besinnen, was Sie erreichen möchten, und überlegen, wie Sie Ihre Worte verpacken, damit ein gutes Gespräch möglich ist. Auch hier gilt: Immer sachlich bleiben! Sie können benennen, was Sie sich zukünftig wünschen – und was Sie selbst anbieten können, damit das klappt.

SPIEGEL: Macht es einen Unterschied, ob ich auf eine Vorgesetzte oder einen Kollegen wütend bin?

Müller: Viele rennen bei einem Konflikt mit Kollegen sofort zum Chef. Ich empfehle aber, erst mal den Kollegen oder die Kollegin persönlich anzusprechen und seine oder ihre Position anzuhören. Manchmal ist dem Gegenüber das, was Sie selbst wütend macht, gar nicht bewusst. Und noch ein Tipp, um in solchen Situationen ruhig zu bleiben: Ich unterstelle meinem Gegenüber immer eine gute Absicht.

SPIEGEL: Was, wenn ich doch mal die Beherrschung verloren und am Arbeitsplatz jemanden angeschnauzt habe?

Müller: Zunächst sollten Sie sich fragen, ob Sie das Gegenüber persönlich verletzt haben könnten. Falls ja, würde ich immer raten, sich aufrichtig zu entschuldigen. Dabei sollten Sie sich möglichst nicht rechtfertigen, sondern darauf eingehen, wie Ihre Worte auf die andere Person gewirkt haben, und dafür um Verzeihung zu bitten. Davon profitieren Sie am Ende doppelt: Sie legen den Grundstein für eine gute Beziehung. Außerdem tut es der eigenen Persönlichkeitsentwicklung gut, sich zu überwinden und Konflikte zu bewältigen.