Homeoffice und hybrides Arbeiten Ist die Jogginghose endgültig bürotauglich?

Die Pandemie hat unsere Arbeitskleidung legerer gemacht. Doch wie bequem ist zu bequem? Modesoziologin Antonella Giannone über das beste Outfit für den ersten Arbeitstag.
Ein Interview von Katharina Hölter
Bequem muss es sein: Homeoffice und hybride Arbeit prägen unseren Kleidungsstil

Bequem muss es sein: Homeoffice und hybride Arbeit prägen unseren Kleidungsstil

Foto: Tirachard / iStockphoto / Getty Images

SPIEGEL: Zu Beginn der Coronapandemie war die Jogginghose das It-Piece der Businesskleidung. Was ist es jetzt?

Giannone: Eher ein leger getragenes Hemd ohne Sakko darüber. Bei den Frauen vielleicht ein bequemer Jumpsuit, oder ebenfalls bequeme Hemden und Hosen.

SPIEGEL: Wofür stehen diese Kleidungsstücke?

Giannone: Das Homeoffice beziehungsweise das hybride Arbeiten haben unsere Bürokleidung nachhaltig verändert. Für die Konferenz, die sowieso online stattfindet, bleibe ich zu Hause. Danach gehe ich aber noch ins Büro, um dort an meinen Aufgaben zu arbeiten. Ich arbeite flexibler, also gestalte ich auch die Arbeitskleidung flexibler. So entstehen Mischformen zwischen Hauskleidung und offizieller Kleidung. Schick und bequem muss es sein. Früher gab es vielleicht nur den »casual Friday«, jetzt ist jeder Tag »casual«, also zwanglos.

»Aber sich schick zu machen, bedeutet nicht unbedingt, einen Anzug zu tragen.«

SPIEGEL: Gehören Sakkos und Blazer also eher der Vergangenheit an?

Giannone: Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe auf der Straße noch nie so viele gesehen wie im Moment – gerade auch bei jungen Leuten. Aber sie kombinieren sie eben viel lockerer, zum Beispiel mit einem T-Shirt. Auch im Arbeitskontext bleiben sie bestehen, selbst wenn in einigen Branchen vielleicht Kleiderordnungen oder unausgesprochene Kleidungscodes entfallen. Das sind einfach Klassiker, die uns gut aussehen lassen und die wir mit professionellem Auftreten verbinden.

SPIEGEL: Ich nehme auch einen gegenteiligen Trend wahr: Wenn man dann mal ins Büro geht, dann besonders schick.

Giannone: Klar, das gibt es auch. Aber sich schick zu machen bedeutet nicht unbedingt, einen Anzug zu tragen. Bequeme Kleidung kann auch schick sein. Zurzeit befinden wir uns wohl in einer Phase des Austarierens. Kleidungscodes werden neu definiert: Muss ich wirklich noch Schlips und Kragen tragen, um mich in die Gruppe der Kolleg:innen einzufinden, oder eben nicht?

SPIEGEL: Prominente Beispiele für legere Businessoutfits hat es aber auch schon in den letzten Jahrzehnten gegeben: Steve Jobs mit seinem Rollkragenpullover, Marc Zuckerberg im T-Shirt.

Giannone: Ja, dieses Aufbrechen von starren Businessoutfits gibt es immer wieder. Aber die Pandemie hat den Trend noch einmal verstärkt. Es war und ist eine Zeit der extremen Veränderungen und wir müssen uns als Individuen darin zurechtfinden, uns reflektieren. Wer bin ich eigentlich? Was zeichnet mich aus? Wer will ich sein? Will ich sichtbar oder unsichtbar sein? Die Antworten auf diese Fragen gibt man auch mit seiner Kleidung. Kleidung prägt unser Image.

SPIEGEL: Bedeutet das auch, dass unser Kleidungsstil im Büro individueller wird?

Gianonne: Was ist schon individuell? Kleidung ist immer ein kollektives Phänomen: Wir schauen, was tragen die anderen? Was wollen wir selbst tragen? Wie passt beides zusammen? Trends sind auch eine Art Anpassungsmechanismus.

SPIEGEL: Viele Berufseinsteiger:innen müssen sich nach der Zeit der Ausbildung erst einmal Business-Garderoben zulegen, wenn sie einen Bürojob antreten. Können sie damit jetzt lockerer umgehen?

Gianonne: Das hängt natürlich vom Job ab und ist schwer zu verallgemeinern. Ich denke, junge Menschen werden noch mehr Dynamik in diese Phase des Austarierens bringen, von der ich eben sprach. Statt direkt eine komplett neue Garderobe zu kaufen, würde ich erst einmal in Ruhe schauen, wie sich Kolleg:innen kleiden und wie ich mich in diesem Team kleiden möchte, was meine Rolle sein wird.

SPIEGEL: Wie wichtig ist professionelle Mode überhaupt? Sind Mitarbeiter:innen motivierter, wenn sie in einer Chino- statt in einer Jogginghose arbeiten?

Giannone: Auf jeden Fall. Kleidung ist nicht nur da, um sich anderen darin zu zeigen, sondern auch, um sich selbst etwas zu zeigen. Eines der berühmtesten Bücher des Soziologen Erving Goffmanns heißt »Wir alle spielen Theater«. Er meint damit, dass der Alltag vergleichbar mit einem Theaterstück ist und wir alle eine Rolle einnehmen. Wenn unsere Kleidung nicht zur Rolle passt, merken wir das recht schnell. Wenn wir dauerhaft in einem Joggingoutfit arbeiten würden, würde sich das schlicht nicht nach motivierter Arbeit anfühlen.

SPIEGEL: Ganz abgesehen von Trends: Gibt es eine zeitlose Regel, mit welchem Outfit man an seinem ersten Tag im Büro einen guten Eindruck macht?

Giannone: Ich würde von schrillen Farben abraten und auf dunkle Töne setzen. Damit macht man bestimmt keinen Fehler. Es ist eine gute Art, sich zu tarnen, ohne sich zu tarnen. Und ansonsten schaut man sich am besten in sozialen Medien um und sucht nach Profilen von Menschen aus dem gleichen Arbeitsbereich. Heutzutage muss wirklich niemand mehr an seinem ersten Tag verunsichert ins Büro gehen.

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