Tipps für Berufseinsteiger So übersteht man Nachtschichten

Die Nacht durchmachen, den Tag verschlafen: Schichtarbeit ist anstrengend, kann aber auch erfüllend sein. Eine Ärztin, ein Zugchef und ein Gesundheitsexperte erklären, wie man durchhält.
Ärzt:innen und Pflegekräfte kennen sich mit langen Nächten aus – die Arbeit in der Klinik wartet nicht auf normale Bürozeiten (Symbolbild)

Ärzt:innen und Pflegekräfte kennen sich mit langen Nächten aus – die Arbeit in der Klinik wartet nicht auf normale Bürozeiten (Symbolbild)

Foto: Santi Nuñez / Santi Nuñez / Stocksy United

Als Assistenzärztin muss Johanna Müller* oft nachts ran. Sie arbeitet im Schichtbetrieb in einer deutschen Klinik, nachts vor allem auf der Intensivstation und in der Notaufnahme. Zwei Nachtschichtblöcke mache sie im Monat, sagt Müller. Unter der Woche fingen die Dienste um 22 Uhr an und endeten um 7.30 Uhr, am Wochenende seien sie mit zwölf Stunden zwischen 20 und 8 Uhr noch länger. »Danach muss ich noch an die Frühschicht übergeben«, sagt Müller. »Das kann sich ziehen.«

Rund fünf Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland arbeiteten laut Statistischem Bundesamt  im Jahr 2019 regelmäßig nachts. Denn viele Berufe braucht es auch dann, wenn die meisten Menschen schlafen: Polizei, Feuerwehr, Kranken- und Altenpflege, Busse und Bahnen – die Liste ist lang. Doch wie übersteht man eine Nachtschicht?

Ruhepausen brauchen Übung

»Ich konnte früher eigentlich immer und überall einschlafen«, sagt Assistenzärztin Müller. »In meinem Freundeskreis hatte ich schon einen gewissen Ruf, weil ich auf jedem Sofa einfach weggenickt bin.« Sich während der Nachtschichten die seltenen Ruhephasen auch zu erlauben, habe sie aber erst lernen müssen. In ihren ersten Nächten sei sie die ganze Zeit wach geblieben und habe sich mit den Pfleger:innen unterhalten.

Wie Müller ihre Nachtschichten gestaltet, hängt davon ab, wo sie arbeitet. Auf der Intensivstation dürfe sich niemand hinlegen, sagt sie, dort würden schließlich Patient:innen versorgt, die rund um die Uhr Betreuung bräuchten. In der Notaufnahme dagegen gebe es nachts manchmal Zeit für Pausen. Sie habe sich außerdem angewöhnt, Schreibtischarbeit auf die Zeiten zu legen, in denen sie abbaue, sagt Müller. Erfahrungsgemäß sei das zwischen drei und vier Uhr morgens. »In dieser Zeit funktioniere ich nur. Auf Notfälle kann ich aber immer reagieren, allein schon wegen des Adrenalins.«

Ein Hotelzimmer für drei Stunden

Auch Dominik Schemm arbeitet oft nachts. Der 26-jährige Nürnberger fährt als Zugchef bei der Deutschen Bahn durch ganz Deutschland. Zu seinen Aufgaben gehören Durchsagen im Zug, er gibt auch das Signal zur Weiterfahrt. »Vor allem bin ich aber da, um Probleme zu lösen und den Fahrgästen ein Ohr zu leihen«, sagt Schemm. Er hat bei der Deutschen Bahn eine Ausbildung zum Zugbegleiter gemacht und im vergangenen Jahr die Weiterbildung zum Zugchef absolviert.

Seitdem mache er im Schnitt zwei bis drei Nachtschichten im Monat, sagt Schemm – hin und wieder auch mehr, wenn Kolleg:innen Nächte abgeben wollten. Oft seien seine Schichten durch einen Aufenthalt von ein paar Stunden geteilt: Das Personal bringe die letzten Züge in den Zielbahnhof und habe danach Pause bis zur Abfahrt der ersten Bahn am Morgen. »Wir haben dann ein Hotelzimmer, manchmal auch nur für drei Stunden«, sagt Schemm. »Ich kann nicht immer gleich einschlafen, aber ich finde wichtig, zumindest kurz Kraft für die zweite Hälfte der Schicht zu tanken.« Zu Hause angekommen lege er sich meist direkt ins Bett, höre dort einen Podcast oder schaue noch eine Serie. »Wenn der Kopf nicht arbeiten muss, hilft das beim Einschlafen.«

»Das Tageslicht gibt uns den Rhythmus vor.«

Frank Brenscheidt, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

»Menschen, die regelmäßig nachts arbeiten, sind praktisch permanent in einer Art Jetlag«, sagt Frank Brenscheidt. Er forscht seit 30 Jahren für die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zu den Auswirkungen von Arbeitszeit auf die Gesundheit. Es sei ein Irrglaube, dass der Körper sich an regelmäßige Nachtschichten anpassen könne: »Das Tageslicht gibt uns den Rhythmus vor. Morgens beginnt der Körper zu arbeiten – egal, ob ich aufstehe oder gerade nach einer langen Nachtschicht nach Hause komme.« Deswegen rät Brenscheidt, das Schlafzimmer so dunkel, kühl und ruhig wie möglich zu gestalten – und dem Körper die Nacht so zumindest vorzutäuschen.

Auch die Ernährung sei ein wichtiges Thema bei der Nachtarbeit, sagt der Experte: »Der Magen-Darm-Trakt arbeitet nachts nicht wie am Tag. Wenn ich dann etwas Fettiges esse, einen Döner etwa, ist das sehr ungesund. Besser wäre eine warme Suppe.«

Zugchef Schemm und Assistenzärztin Müller sehen das ähnlich. Schemm sagt, er esse vor einer Nachtschicht normal zu Abend und nehme sich Nüsse oder kleine Süßigkeiten zum Naschen mit. Manche Kolleg:innen würden auch nachts eine ausgiebige Brotzeit machen – er selbst könne sich das nicht vorstellen. Assistenzärztin Müller findet, gesund zu essen sei genauso wichtig wie ausreichend Schlaf: »Wenn man nach einer langen Schicht nach Hause kommt, sollte man morgens eine Kleinigkeit frühstücken und zu Mittag essen, sobald man wieder aufwacht.«

Es braucht auch Veranlagung – und Spaß

Trotz aller Herausforderungen: Dominik Schemm sagt, er arbeite gern nachts. »Die Züge sind zwar so voll wie tagsüber, aber die Menschen sind entspannter. Viele Familien sind an Bord, die in den Urlaub oder übers Wochenende wegfahren. Da ist meistens gute Stimmung.«

Als Schemm sich vor seiner Ausbildung überlegte, ob Nachtschichten zu ihm passen könnten, habe er sich zurückerinnert: »In meiner Jugend habe ich gemerkt, dass ich lieber spät ins Bett gehe, ausschlafe und dann abends noch fit bin.« Wer einen Job mit Nachtschichten in Erwägung ziehe, solle also am besten erst einmal versuchen, die ganze Nacht wach zu bleiben und auch mal spät abends etwas zu unternehmen, rät Schemm.

»In einem kleineren Team nachts den Laden am Laufen zu halten, schweißt zusammen.«

Assistenzärztin Johanna Müller

Assistenzärztin Johanna Müller sieht ebenfalls gute Seiten an der Schichtarbeit. »In einem kleineren Team nachts den Laden am Laufen zu halten, schweißt zusammen. Und die Erfahrungen, die ich hier mache, finde ich sehr wichtig«, sagt sie. Bei einer Nachtschicht trägt Müller mehr Verantwortung als tagsüber. Bei Notfällen muss sie als Assistenzärztin zwar die zuständigen Oberärzt:innen anrufen – viele kleine Entscheidungen trifft sie aber allein. Müller empfiehlt, sich vor der Berufswahl zu fragen: »Arbeite ich in diesem Job nur eine begrenzte Zeit nachts – oder mein ganzes Berufsleben lang?«

Diese Frage ist auch deshalb wichtig, weil Schlafstörungen, Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts oder Herzprobleme Langzeitfolgen von häufiger Nachtarbeit sein können. Experte Brenscheidt fordert deswegen, dass Unternehmen ihre Mitarbeitenden nicht in mehr als zwei Nachtschichten hintereinander einteilen und für genug Ruhephasen sorgen sollten. Außerdem empfiehlt er, sich vor der Entscheidung für Nacht- oder Schichtarbeit präventiv ärztlich untersuchen zu lassen – und das auch währenddessen regelmäßig zu tun. Schichtarbeitenden stehe eine entsprechende Untersuchung alle drei Jahre gesetzlich zu, ab einem Alter von 50 sogar jährlich, sagt Brenscheidt.

Wenn Müller Glück hat, werden ihre Nachtschichten irgendwann von selbst weniger. Sie möchte Oberärztin werden, dann müsste sie zwar immer noch in manchen Nächten telefonisch erreichbar sein, aber nicht mehr so häufig vor Ort. Dieser Aufstieg ist allerdings nicht in allen Berufen möglich, das sehe sie an den Pfleger:innen, sagt Müller. Hier müsse die Politik regeln, dass vor allem ältere Menschen nicht mehr im Schichtbetrieb arbeiten müssten. »Ohne die Pflege wären wir Ärzt:innen völlig aufgeschmissen. Und die arbeiten auch mit über 50 noch nachts und riskieren ihre Gesundheit.«

Grundsätzlich, so Müller, solle man die Berufswahl aber nicht von möglichen Nachtschichten abhängig machen – sondern davon, ob die Arbeit Spaß macht. »Durch die Nächte komme ich vor allem, weil ich meinen Job so gern mache.«

* Der Name der Protagonistin ist geändert. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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