Pendeln im Studium Irgendwo zwischen Hamburg und Lüneburg ging meine Motivation verloren

Einfach im gewohnten Umfeld bleiben und nicht in die Unistadt ziehen – schon lange vor der Corona-Pandemie hielt ich das für eine hervorragende Idee. Heute, 14 Semester später, weiß ich es besser.
Ein Erfahrungsbericht von Per Horstmann
Autor Per Horstmann

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Foto: Privat

Lange, bevor Corona-Pandemie und Dauer-Homeoffice die Frage aufwarfen, ob man nicht raus aus den Großstädten und rein ins Umland ziehen sollte, entschied ich mich dagegen. Ich war 21 und ein Jahr zuvor für einen Freiwilligendienst nach Hamburg gezogen. Ich mochte die Stadt, hatte dort gute Freunde gefunden und wollte auch für mein Studium bleiben. Das Problem: Mein Wunschstudiengang – Kulturwissenschaften – wurde in Hamburg nicht angeboten. Die nächste Uni, an der ich mich einschreiben konnte, lag im 50 Kilometer entfernten Lüneburg.

Dahin kann man pendeln, dachte ich, die Regionalbahn fährt jede Stunde. Jetzt, 14 Semester später, denke ich anders.

In so gut wie jedem Studiengang gibt es wohl mindestens eine Person, die nicht in der Stadt wohnt, in der sie studiert. Manche finden keine Wohnung in überrannten Hochschulstädten, andere können sich die Miete nicht leisten, wieder andere entscheiden sich bewusst, die Sicherheit des Elternhauses nicht zu verlassen. Gerade in der Corona-Pandemie, wo Wohnheime leer stehen und Vorlesungen online stattfinden, scheint das oft die beste Option zu sein – praktischer, günstiger, weniger einsam.

Aber ist es auch ein Konzept für die Zeit danach? Aus meiner persönlichen Erfahrung muss ich leider sagen: nicht unbedingt. Gerade, wenn man nicht der zielstrebigste Student ist.

Lange Fahrten, wenig Freiheiten

Meine Probleme mit dem Pendeln begannen schon mit der Fahrt. 30 Minuten in der Regionalbahn sind nicht viel, aber dazu kamen noch der Weg mit der S-Bahn zum Hamburger Hauptbahnhof, in Lüneburg ging es mit einem Shuttlebus weiter zum Campus. Von meiner Wohnung in den Hörsaal brauchte ich rund eineinhalb Stunden – und ich musste auch wieder zurück.

Um den Pendelaufwand möglichst gering zu halten, versuchte ich, meinen Stundenplan so zu gestalten, dass ich nur zwei- bis dreimal die Woche in die Uni fahren musste. Nur planten die Dozierenden ihre Veranstaltungen leider nicht danach, ob möglichst viele für mich interessante Sachen an einem Tag lagen. Die Alternative: nur nach Terminen auswählen und nicht nach Inhalten.

Ich hatte mein Fach vor allem deshalb ausgesucht, weil es so vielseitig ist und viele Freiheiten in der Organisation lässt. Jetzt aber belegte ich Kurse zum Teil nur, weil sie zufällig vor oder nach einem Seminar stattfanden, für das ich schon an der Uni war. Einige Veranstaltungen kamen allein deshalb nicht infrage, weil sie an einem Freitagmittag oder Montagmorgen lagen. Mein Studium, das ich mal wegen seiner Inhalte gewählt hatte, wurde plötzlich maßgeblich vom Faktor Pendeln bestimmt.

WG-Partys sind wichtig

Natürlich hatte ich meine Entscheidung freiwillig getroffen und es gab gute Gründe, in Hamburg zu bleiben. Hauptsächlich waren das die Menschen, die ich in meinem ersten Jahr dort kennengelernt hatte und die heute noch zu meinen engsten Freunden zählen.

Doch wenn ich abends in Hamburger Kneipen saß, verpasste ich das Lüneburger Nachtleben. Die Kontakte, die ich in der Uni knüpfte, beschränkten sich auf die Pausen zwischen Veranstaltungen. Wenn sich meine Kommilitoninnen und Kommilitonen am Montag gegenseitig von WG-Partys erzählten, konnte ich nicht mitreden.

Das soziale Umfeld ist aber ein wichtiger Teil des Studiums, wie etwa das Studierendensurvey  der Universität Konstanz zeigt. Zwischen 1982 und 2017 wurden dafür Studierende an mehreren Hochschulen befragt. Eines der Ergebnisse: Wer unzufrieden mit der Anzahl der Kontakte zu Kommilitoninnen und Kommilitonen ist, bekommt eher Probleme mit den Leistungsanforderungen im Studium – und auch mit dessen Organisation. Laut den Wissenschaftlern liegt das daran, dass der Austausch über Inhalte und Struktur fehle.

Ich weiß genau, was sie damit meinen. Modulstrukturen können verflucht kompliziert sein, Fristen schnell vergessen werden. Gespräche mit anderen Studierenden helfen, sich zurechtzufinden. Auch wenn es manchmal nur beiläufige Fragen sind wie die, ob man sich denn ebenfalls schon zur Prüfung angemeldet habe – sie können Katastrophen verhindern.

Zum Glück hatte ich in der Einführungswoche einen anderen Pendler kennengelernt. Wir trafen uns regelmäßig am Hamburger Hauptbahnhof und fuhren gemeinsam zur Uni. Nach kurzer Zeit kam noch eine zweite Person hinzu und wir wurden eine richtige Gang: Wir lernten gemeinsam, gingen unter der Woche zusammen in die Lüneburger Mensa und am Wochenende in Hamburger Bars.

Doch irgendwann waren meine Pendlerfreunde fertig mit dem Studium. Ich hatte mir herausgenommen, auch mal eine Hausarbeit nicht zu schreiben, wenn mich das Seminarthema nicht interessierte, und hing deshalb etwas hinterher. Als ich schließlich kaum noch jemanden an der Uni kannte, wurde ich immer langsamer. Und einsamer. Ich hatte niemanden mehr, mit dem ich Seminartexte oder Ideen für Hausarbeiten besprechen konnte, ich führte keine Gespräche über Uni-Themen, die mich motivierten und inspirierten. Bloß in den Seminaren anwesend zu sein, reichte nicht.

Keine Anwesenheitspflicht, keine soziale Kontrolle

Irgendwann konnte ich mich nicht mal mehr aufraffen, zu den Seminaren zu fahren. Wenn der Wecker um acht Uhr klingelte und niemand am Hauptbahnhof auf mich wartete, hatte ich immer häufiger das Gefühl, dass es egal war, ob ich zur Uni fuhr oder nicht. Eine Anwesenheitspflicht gab es in meinem Studiengang nicht, jetzt fehlte auch noch die soziale Kontrolle. Also blieb ich am Anfang ein paarmal und am Ende die meiste Zeit liegen.

In meinem Studiengang waren beinahe alle Prüfungen Hausarbeiten. Und die kann ich ja trotzdem schreiben, sagte ich mir. Tatsächlich habe ich nur zwei Hausarbeiten abgegeben, ohne regelmäßig im Seminar gewesen zu sein. Bei allen anderen Arbeiten meldete ich mich zwar zur Prüfung an, saß dann aber allein vor Schriften zu negativer Dialektik oder Phänomenologie, die ich schnell wieder zur Seite legte. Ich schob die Prüfungen vor mir her, beschäftigte mich mit anderen Dingen. Die Uni war ja in einer anderen Stadt und ließ sich gut verdrängen.

Geändert hat sich das erst mit der Corona-Pandemie. Sie hat das Studieren für mich einfacher gemacht. Denn seither ist der Weg zur Uni für alle ungefähr gleich weit: vom Bett an den Schreibtisch. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell ich plötzlich nicht nur wieder in den alten Themen war, sondern auch neue Fragen und Gedankengänge entwickelte. Ich hatte meinen Studiengang vor Jahren ganz bewusst gewählt, ich brannte für die Inhalte und ich war gut darin – aber irgendwo zwischen Hamburg und Lüneburg war meine Motivation verloren gegangen.

Jetzt sitze ich an meiner Bachelorarbeit, in zwei Monaten ist Abgabe. Das schaffe ich.

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