Wenn Kinder Eltern pflegen "Wir sind alle fremdbestimmt"

Felix Goldau gab WG-Leben und Wochenendtrips auf, um sich um seinen Vater zu kümmern. Wie funktioniert das Familienleben, wenn die Kinder plötzlich Verantwortung für die Eltern übernehmen? Ein Besuch.
Der Vater braucht Hilfe, der Sohn kümmert sich (Symbolbild)

Der Vater braucht Hilfe, der Sohn kümmert sich (Symbolbild)

Foto: Sabine Joosten / Hollandse Hoogte / plainpicture

Auf dem Marmortisch im Garten liegt ein Wandkalender, "2019" steht in dicker schwarzer Schrift darauf. Jeden Monat ist ein Foto desselben jungen Mannes zu sehen, dieselben hellblonden Haare, die in alle Richtungen abstehen. Im Juli sitzt er auf einem Steinplateau, neben ihm ein Schild mit der Aufschrift "Niagara Falls State Park", im Oktober ist er mit dunkelgrün bemaltem Gesicht auf dem Weg zur Halloween-Party. Ein anderes Bild zeigt ihn mit schwarzem Anzug, roter Krawatte und Absolventenkappe, beide Arme um seine Kumpels gelegt, er strahlt in die Kamera.

Jedes Jahr schenkt Felix Goldau seinen Eltern einen Fotokalender. Genug Bilder zur Auswahl hatte er immer, Felix war viel unterwegs: Städtetrips am Wochenende, Segeln, Tennisspielen oder Skifahren. 

Heute sitzt der 26-Jährige auf der Terrasse seines Elternhauses, wischt mit dem Finger einen Joghurtklecks vom Pulli seines Vaters und leckt ihn anschließend ab. "Du hast da gekleckert", sagt Felix, als sein Vater ihn fragend ansieht. Er steht auf, geht in die Küche und kommt mit einem Glas Wasser in der einen und einer weißen Medikamentendose in der anderen Hand zurück.

Das Leben, das Felix Goldau vor einem Jahr noch führte, das Leben aus den Fotokalendern, gibt es nicht mehr. Seit Februar 2020 wohnt er nicht mehr in Bremen, wo er eigentlich lebte und studierte, sondern wieder zu Hause bei seinen Eltern in Ritterhude. Denn Felix pflegt seinen 56-jährigen Vater.

Plötzlich für die eigenen Eltern Verantwortung zu übernehmen – was ist das für ein Gefühl? Wie war es für Felix Goldau, die WG gegen das Elternhaus einzutauschen und mit 26 Jahren sein selbstbestimmtes Leben aufzugeben?

Erst kam der Tumor, dann kamen die Schlaganfälle

Im Jahr 2005 bekam Felix' Vater die Diagnose: Hirntumor, ein sogenanntes Glioblastom. Es folgten Chemotherapie und Operationen, die Behandlung zog sich über Jahre. Zwischenzeitlich ging es dem Vater sogar besser – bis zu einem Eingriff im November 2019. Während der OP erlitt er mehrere Schlaganfälle. Seitdem ist seine linke Körperhälfte gelähmt, er sitzt im Rollstuhl, kann nicht mehr allein auf die Toilette gehen. Manchmal weiß er nicht, an welchem Ort er und seine Familie sich befinden, er kann sich Informationen oder Gespräche nicht mehr merken und hat oft Probleme, die richtigen Worte zu finden.

Als Einzelkind war für Felix klar, dass er nach Hause zurückkommen muss. "Wir sind alle fremdbestimmt", sagt er und zuckt mit den Schultern, "mein Vater durch seine Krankheit und meine Mutter und ich durch ihn."

Felix Goldaus Vater braucht ständig Hilfe von seinem Sohn, zum Beispiel beim Rasieren

Felix Goldaus Vater braucht ständig Hilfe von seinem Sohn, zum Beispiel beim Rasieren

Foto:

Privat

Felix schiebt den Rollstuhl in die schmale Lücke zwischen Ehebett und Heizung und stellt sich vor seinen Vater. Es ist 15.20 Uhr, sein Vater möchte sich hinlegen. "Willst du die Schultertechnik machen oder über die Heizung?", fragt Felix. "Schulter", antwortet der Vater. Felix lacht, beugt sich zu ihm hinunter und fragt: "Bist du wieder faul heute?" Sein Vater nickt, drückt sich dann aber doch an der Heizung nach oben, Felix greift mit beiden Armen unter seine Achseln und hebt ihn ins Bett. "Wo sind die Fußspitzen? Da immer draufgucken", sagt er – ein kleiner Trick, damit sein Vater nicht nach hinten kippt, während er den Rollstuhl wegfährt. Zuletzt hebt er die Beine des Vaters an, streift ihm die Turnschuhe von den Füßen und schüttelt die blau-grün-weiß karierte Bettdecke über ihm auf.

"Du musst auch dein Leben leben. Du kannst nicht immer nur uns unterstützen."

Felix Goldaus Mutter

"Allein würde ich das kaum schaffen", sagt Felix' Mutter. Sie hat Multiple Sklerose, manchmal kribbelt ihre rechte Hand, dann kann auch sie nichts mehr greifen. Oft zieht sie das rechte Bein hinter sich her. Ihren Mann vom Boden hochzuheben, wenn er wie so häufig dachte, selbst aufstehen zu können, würde sie körperlich nicht mehr schaffen. Auch ihn zu duschen oder für die Physio-, Logo- und Ergotherapie ins Auto zu setzen, ist viel zu anstrengend – eigentlich.

"Du sagst immer wieder, dass du es allein kannst, dann komme ich zwei Tage später zurück und du läufst total gebückt rum", sagt Felix zu seiner Mutter. Einen Moment lang schauen sich die beiden an, dann wendet sie den Blick ab und atmet tief aus: "Ja, aber du musst auch dein Leben leben. Du kannst nicht immer nur uns unterstützen." Oft mache sie sich Sorgen und habe Schuldgefühle, sagt sie. Dass Felix keine Jugend mehr habe und seine Unbeschwertheit weg sei. Selbst wenn er mal zwei Tage nicht zu Hause sei, rufe er mindestens einmal am Tag an.

Jede Auszeit muss genau geplant sein

Seit zwei Wochen testen sie, wie es ist, wenn der Sohn dienstags bis donnerstags in Bremen ist: gar nicht so leicht. "Immer, wenn ich sage, dass ich in fünf Minuten loswill, hast du genau da irgendwas, ne?", sagt Felix zu seinem Vater. Der schaut ihn ein paar Sekunden lang an, dann bewegen sich seine Mundwinkel langsam nach oben, er nickt.

Eigentlich arbeitet Felix als Doktorand an der Uni Bremen, forscht dort im Fachbereich Informatik zu Assistenzrobotik. In seiner Freizeit tanzt er Rock'n'Roll, fährt Inlineskater, ist abends mit Freunden unterwegs, segelt am Wochenende und wohnt in einer Fünfer-WG.

Hier, in Ritterhude, ist einiges anders. Bevor Felix das Haus verlässt, muss geklärt sein, wer während seiner Abwesenheit für den Vater da ist. Seminare könne er fast nur nachts vorbereiten, am liebsten zwischen 22.00 und 2.00 Uhr. Das sei die einzige Zeit, in der er nicht gestört werde, sagt Felix. Ohne die Homeoffice-Möglichkeiten aufgrund der Corona-Pandemie wisse er nicht, wie er Arbeit und Pflege verbinden sollte.

Felix Goldau mit seinen Eltern

Felix Goldau mit seinen Eltern

Foto:

Privat

Tagsüber wird Felix ständig gebraucht: wenn sein Vater etwas trinken möchte, die Bremsen vom Rollstuhl löst oder aufs Klo muss. Dann fährt Felix ihn von der Küche in den Gang, dort steht ein hohes Regal mit zwei dicken Eisenstangen, etwa in der Breite des Rollstuhls voneinander entfernt. Daran zieht sein Vater sich hoch, während Felix ihm die Hose bis zu den Knöcheln herunterzieht und den Rollstuhl gegen die mobile Toilette tauscht. "Ich habe eine sehr hohe Ekelgrenze", sagt er. Trotzdem hätte ihn vor allem die Körperpflege am Anfang viel Überwindung gekostet. "Aber hauptsächlich, weil ich nicht wusste, wo ich hinfassen darf, ohne ihm weh zu tun."

"Wir mussten ihn zu Hause erst mal wieder aufpäppeln."

Felix Goldau

Natürlich gibt es auch Pflegeheime oder Kurzzeitpflege, das wissen Felix und seine Mutter. Dann könnte Felix sein Leben weiterführen, ohne dass seine Mutter komplett überlastet wäre. Sie hätten es ausprobiert, aber der Vater sei mit 56 Jahren viel zu jung für ein Pflegeheim, sagt Felix. Er habe sich nicht wohlgefühlt unter den vielen alten Menschen, er habe innerhalb von zwei Wochen körperlich abgebaut und sich viel schlechter orientieren können. "Wir mussten ihn zu Hause erst mal wieder aufpäppeln", erinnert sich Felix.   

Die Rollen sind vertauscht

Auch für seinen Vater ist es manchmal irritierend, dass der eigene Sohn ihn pflegt: "Der Felix erzieht mich, er macht mir Vorschriften", sagt er. Felix grinst. "Wo mache ich dir denn Vorschriften? Hm?" Dann überlegt er kurz. "Ja okay, dass du nicht aufstehen darfst, das meinst du?" Sein Vater dreht den Kopf und blickt auf das Bild, das links neben dem Bett an der Wand hängt. Darauf sind Felix und seine Mutter zu sehen, er hat den Arm um sie gelegt, im Hintergrund eine große Eiswaffel. Auf dem Bild steht in Großbuchstaben: "Nicht alleine aufstehen". Sein Vater nickt: "Ja, aber das ist schon in Ordnung."  

"Es fühlt sich an, als hätte ich selbst schon ein Kind."

Felix Goldau

Früher habe sein Vater gegrillt, die Hortensien im Garten geschnitten und die Autoreifen gewechselt, erzählt Felix. Jetzt übernehme er diese Aufgaben. Vieles habe er erst einmal lernen müssen. "Ich bin manchmal so eingespannt mit meinem Vater, da fühlt es sich an, als hätte ich selbst schon ein Kind."

Die Goldaus wollen die Situation mit Humor nehmen. Das ist nicht immer leicht. Manchmal seien sie beide einfach wütend, könnten schreien oder weinen, sagt die Mutter. Manchmal fehle der Vater Felix auch – so, wie er früher gewesen sei. Felix habe ihn oft um Rat gefragt, wenn es um sein Studium oder die weitere Karriereplanung gegangen sei, sagt die Mutter. Die beiden hätten zusammen Motorradtouren gemacht oder Fahrradausflüge. Am zweiten Weihnachtsfeiertag seien sie nachmittags immer vor dem Familientrubel geflüchtet, um Tennis zu spielen. Eine Tradition, die es dieses Weihnachten nicht mehr geben wird. 

Felix Goldau versucht es mit Rationalität: "Natürlich könnte ich jetzt auf mich achten, aber dann ist in einem halben Jahr meine Mutter der zweite Pflegefall."

Wie lange es noch so weitergeht, lässt sich schwer planen. Fest steht, dass der Vater nicht wieder gesund wird. Bei der letzten Untersuchung hätten die Ärzte gesagt, dass Felix und seine Mutter nicht mehr in Jahren denken sollten. Vielleicht würden ihm nur noch wenige Monate bleiben. 

Auf die Frage, wie es Felix damit gehe, antwortet er, er stelle sich diese Frage gar nicht. Er macht einfach weiter.  

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