Berufseinstieg auf der Kinderintensivstation »Natürlich weine ich manchmal«

Seit einem Jahr pflegt Kathrin Hofmann Kinder und Jugendliche, die lebensbedrohlich krank oder verletzt sind. Hier erzählt sie von ihren wichtigsten Momenten – und warum sie ihren Beruf als Privileg betrachtet.
Aufgezeichnet von Markus Sutera
Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Kathrin Hofmann: »Ich habe tagtäglich das Leben von Menschen in der Hand«

Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Kathrin Hofmann: »Ich habe tagtäglich das Leben von Menschen in der Hand«

Foto: Steffen Hartmann / Kathrin Hofmann

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Kathrin Hofmann, 25, arbeitet seit ihrem Bachelorabschluss als Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin auf einer Kinderintensivstation.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Was ich einmal werden möchte, wusste ich anscheinend sehr früh. Schon in meinem Kindergartenbuch steht: Krankenschwester. Die Bezeichnung ist zwar inzwischen veraltet, doch mein Wunsch von damals wurde wahr. Seit etwas mehr als einem Jahr arbeite ich als Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin auf der Kinderintensivstation einer Universitätsklinik.

Während der Schulzeit absolvierte ich Pflegepraktika, nach dem Abitur begann ich die Ausbildung. Darin integriert war ein Bachelor of Science in Pflege. Wissenschaftliches Arbeiten, Pflegeforschung oder Arbeitsrecht hießen die theoretischen Teile meines Studiums, das an der Hochschule in München stattfand. Praktische Erfahrung sammelte ich in einer städtischen Klinik auf verschiedenen Stationen. Hinter mir liegen viereinhalb Jahre Ausbildung.

Große Verantwortung

Denke ich an meinen Job, höre ich vor allem das Piepsen der Monitore. Über den Bildschirm laufen Werte wie Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Blutdruck. Meine Patient:innen sind null bis 18 Jahre jung und oft lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt, beispielsweise aufgrund von Autounfällen, Tumoren oder Stoffwechseldefekten. Ich verbringe sehr viel Zeit nah bei ihnen, muss jede kleinste Veränderung ihres Zustandes erkennen und entsprechend darauf reagieren. Im Idealfall versorgt eine Pflegefachperson maximal zwei Personen gleichzeitig. Insgesamt hat unsere Station Platz und technische Geräte für 16 Patient:innen, aufgrund des Pflegepersonalmangels können wir aktuell nur sechs Betten belegen.

Die Belastung war von Anfang an groß. Ich befand mich noch in der zweimonatigen Einarbeitungszeit, als sich der Zustand eines achtjährigen Jungen rasch verschlechterte. Auf der Intensivstation ist man auf solche Notfälle vorbereitet, die medizinischen Hilfsmittel, die man braucht, liegen einsatzbereit. Es gelang uns aber nicht, den Jungen zu stabilisieren. Wir holten Kolleg:innen und Ärzt:innen aus verschiedenen Fachbereichen hinzu. Ich habe bewundert, wie ruhig und koordiniert alles ablief. Im Team entschieden wir, den Jungen künstlich zu beatmen. Wir handelten schnell genug. Er überlebte.

Wenn sich der Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen verbessert; wenn sie lachen oder wenn ich eine dankbare Geste von den Eltern bekomme, sind das für mich unglaublich wertvolle Momente.

Wöchentlich arbeite ich knapp 40 Stunden, früh, spät und nachts. Pro Monat habe ich zwei Wochenenden frei. Bezahlt werde ich nach einem Tarifvertrag. Das Einstiegsgehalt beträgt circa 3100 Euro brutto. Mit Zulagen für Dienste an Wochenenden oder Feiertagen bekomme ich nach einem Jahr etwa 3800 Euro brutto.

Speziell für Leute mit Bachelor sind nur wenige Stellen ausgeschrieben, auch meine jetzige nicht. Die Akademisierung der Pflegeberufe schreitet nur langsam voran. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass sich mein Bachelorabschluss früher oder später finanziell oder Karriere-technisch auszahlen wird. Und ich profitiere vom zusätzlichen fachlichen und persönlichen Wissen.

Nur wenn es mir selbst körperlich und psychisch gut geht, kann ich mich angemessen um meine Patient:innen kümmern

Arbeit und Privates trenne ich so gut es geht. Durch Sport, Familie, Freund:innen lenke ich mich ab. Nur wenn es mir selbst körperlich und psychisch gut geht, kann ich mich angemessen um meine Patient:innen kümmern. Ich habe tagtäglich das Leben von Menschen in der Hand. In den Verlauf kann ich leider nur begrenzt eingreifen. Sehr wohl habe ich Angst, Fehler zu machen. Aber ich muss damit klarkommen, dass nicht alle gerettet werden können.

Was ich aber niemals will: So stark abstumpfen, dass mich bedrückende Erfahrungen nicht bewegen. Natürlich weine ich manchmal. Gleichzeitig muss ich professionell bleiben. Im Mittelpunkt stehen schließlich immer die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen.

Chance auf lebenslanges Lernen

Die Familien bei uns sind in allergrößter Sorge, sie sitzen oft tagelang am Bett. Um sie zu begleiten, braucht man eine starke psychosoziale Kompetenz und viel Empathie. An den Anforderungen wachse ich persönlich unheimlich. Meine Lebenseinstellung, meine Resilienz, mein Optimismus – all das hat sich verbessert.

An meiner Arbeit gefällt mir, dass sie aktiv ist, körperlich wie kognitiv. Und mich reizt die Chance auf lebenslanges Lernen. Aktuell mache ich eine zweijährige berufsbegleitende Weiterbildung in pädiatrischer Intensiv- und Anästhesiepflege. Dabei geht es speziell um die Versorgung von Kindern aller Altersgruppen.

Trotz aller Leidenschaft bin ich aber realistisch. Dem Pflegepersonal mangelt es an vielen Stellen. Fallen Kolleg:innen aus, werde ich angerufen und gebeten einzuspringen. Theoretisch könnte ich täglich aushelfen, unser Personalmangel ist akut. Mehr Zeit mit meinen Patient:innen wäre wichtig. Für fachlichen Austausch, teamstärkende Ausflüge oder Fortbildungen bleibt ebenfalls zu wenig Raum. Ich möchte dieser Situation nicht tatenlos zuschauen und engagiere mich deshalb ehrenamtlich im Berufsverband für Pflegeberufe.

Die Pflege muss dringend als eigene Profession gestärkt werden. Sie muss so in die Gesundheitspolitik einbezogen werden, dass sie selbst über sich bestimmen kann. Und natürlich muss die Bezahlung besser werden. Nur so wird die Pflege für mehr Menschen interessant.

Meinen Job im Krankenhaus möchte ich auf jeden Fall noch ein paar Jahre ausüben. Wenn ich mich nach einem Arbeitstag auf mein Fahrrad setze, bin ich körperlich erschöpft, müde. Aber ich spüre eine innere Zufriedenheit. Denn was ich tue, ist sinnvoll. Das ist ein großes Privileg.«

Wie wird man Pflegefachfrau/mann?

Die Ausbildung

Im Jahr 2020 wurden die getrennten Ausbildungen in der Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege zu einem Berufsbild zusammengeführt : Pflegefachfrau/mann. Die Auszubildenden sollen Menschen aller Altersstufen betreuen können. Dafür lernen sie beispielsweise im Krankenhaus oder in der Psychiatrie. Eine Pflegeschule vermittelt theoretisches Wissen.

In Vollzeit dauert die Ausbildung drei Jahre, in Teilzeit nicht mehr als fünf. Nach zwei Jahren kann man wählen , ob man die generalistische Ausbildung fortsetzt – oder einen Abschluss in einem vertieften Bereich wie der Kinderkrankenpflege erwerben möchte.

Pflege studieren

In die Pflege gelangt man auch durch ein Studium . Es besteht zu ungefähr gleichen Teilen aus Lehrveranstaltungen an der Hochschule und Praxiseinsätzen in den unterschiedlichen Pflegebereichen.

Nach mindestens drei Jahren schließt man es ab, dadurch erhöhen sich in der Regel die Karrieremöglichkeiten und Aufstiegschancen. Eine Übersicht über die verschiedenen Pflegestudiengänge gibt es hier .

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