Dokumentation über Forscherinnen Sexismus am Labortisch

Die Dokumentation »Picture a Scientist« zeigt: Frauen werden in den Naturwissenschaften systematisch diskriminiert. Den Männern in der Branche macht es der Film aber etwas zu leicht.
»Picture a Scientist«: Forscherin Jane Willenbring bei der Arbeit

»Picture a Scientist«: Forscherin Jane Willenbring bei der Arbeit

Foto: mindjazz pictures

Frauen sind in den Naturwissenschaften unterrepräsentiert. Seit vielen Jahren bemühen sich Universitäten und staatliche Stellen  deshalb, Mädchen und Frauen für die sogenannten MINT-Fächer zu begeistern – also für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Jetzt hat das Thema auch die Kinoleinwand erreicht, zumindest die virtuelle.

Die US-amerikanischen Filmemacher:innen Ian Cheney und Sharon Shattuck haben mit »Picture a Scientist« eine Dokumentation in Spielfilmlänge geschaffen, die ab heute im Onlinekino bei Vimeo zu sehen ist. Der Film zeichnet den Kampf einer emeritierten Biologin für Gleichberechtigung nach, lässt Chemikerinnen und Geologinnen von ihrer Arbeit berichten. Insgesamt kommen rund ein Dutzend US-amerikanische Forscherinnen zu Wort, Interviews wechseln sich mit Aufnahmen aus dem Labor ab, Statistiken und Studienergebnisse unterstützen die Erzählung.

Die Eckdaten des Problems sind schnell zusammengefasst: Frauen sind an den naturwissenschaftlichen Fakultäten der Hochschulen in der Minderheit; je weiter es die akademische Karriereleiter hinaufgeht, desto geringer ist ihr Anteil. Die Zahlen beziehen sich zwar alle auf die USA, in Deutschland sieht es jedoch ähnlich aus.

Wissenschaftlerinnen erleben Diskriminierung

Was der Film auch zeigt: Frauen, die doch Karriere in der Forschung machen, leiden oft unter Diskriminierung und Übergriffen. Laut einer Studie  der US-amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften, die im Film zitiert wird, wurde die Hälfte der US-Wissenschaftlerinnen in ihrer Laufbahn schon einmal belästigt.

Eine von ihnen, die Geologin Jane Willenbring, erzählt in der Dokumentation von einer Forschungsexpedition, die sich für sie zum Albtraum entwickelte. Als Masterstudentin allein mit drei Männern in der Antarktis sei sie zur Zielscheibe von Mobbing geworden. Der Leiter der Mission, ein renommierter Geologe, habe sie beschimpft und misshandelt. Keiner ihrer Kollegen sei ihr zu Hilfe gekommen. Sie habe es hingenommen, sagt Willenbring – weil sie um ihre Karriere gefürchtet habe. Erst 17 Jahre später, als sie sich als Wissenschaftlerin etabliert und eine Festanstellung hatte, habe sie Beschwerde bei der Universität eingereicht.

Nicht alle der Frauen, die im Film zu Wort kommen, haben körperliche Übergriffe erlebt. Doch sie alle kennen Formen von Diskriminierung: Sie werden bei Meetings ignoriert oder gar nicht erst eingeladen; am Ende wird doch der männliche Kollege befördert; oder wenn nicht, wird ihnen unterstellt, sich »hochgeschlafen zu haben«.

Eine Leistung des Films ist es zu zeigen, wie sehr auch solche vermeintlichen Kleinigkeiten die Forscherinnen zermürben. Langfristig, so erklärt es eine Psychologin, könne diese subtile Diskriminierung die gleichen Folgen haben wie ein einzelnes traumatisches Erlebnis.

Die Dokumentation lässt Männer davonkommen

»Picture a Scientist« gelingt es jedoch nicht, die Rolle von Männern in diesem System zu hinterfragen. Dass fast ausschließlich Frauen zu Wort kommen, ist zwar einerseits konsequent. Andererseits bleibt das Bild so aber unvollständig. Der übergriffige Geologe tritt nur in den Erzählungen von Willenbring und ihren Kolleginnen in Erscheinung. Dass er als Folge ihrer Beschwerde seine Stelle an der Universität verloren hat – für diese Entscheidung darf sich der verantwortliche Dekan im Interview ein paar Lorbeeren aufsetzen.

Der Versuch einer anderen Konfrontation enttäuscht: Man sieht Willenbring im Gespräch mit einem Kollegen, der damals Teil der Antarktisexpedition war und nicht einschritt. Der Mann gibt sich reumütig, rettet sich aber sogleich in Rechtfertigungen. Klar habe er damals bemerkt, dass der Expeditionsleiter seine Kollegin schlecht behandelt habe. Er habe aber »nie gedacht, dass dich das so stark trifft«. Schließlich habe sie sich immer so selbstbewusst gegeben.

Das System muss sich ändern

Mit dieser Argumentation lassen ihn die Filmemacher:innen davonkommen. Und reproduzieren so den gefährlichen Gedanken, dass es irgendetwas an der Schwere von Diskriminierung ändert, wie das Opfer sich verhält. An dieser Stelle kippt das Konzept, die Geschichte nur aus Sicht der Frauen zu erzählen – weil es verschleiert, welchen Anteil Männer an dem Problem haben, aber auch an seiner Lösung.

Ja, die Forscherinnen in »Picture a Scientist« sind klug, inspirierend und ein eindrücklicher Beweis dafür, dass Wissenschaft Frauen braucht. Als Vorkämpferinnen und Botschafterinnen tun sie viel, um Mädchen und jungen Frauen den Weg in die Forschung zu erleichtern. Doch das alles nützt wenig, wenn sich das System, das sie unterdrückt, nicht von innen heraus ändert. Wenn also männliche Forscher nicht selbst ins Grübeln geraten, wenn an einer Konferenz wieder nur Menschen ihres Geschlechts teilnehmen. Oder die Personalbeauftragten von Universitäten nicht hinterfragen, ob sie schon wieder den Mann befördern, weil seine Kollegin ja schwanger werden könnte.

»Picture a Scientist« ist ab dem 29. April für vier Wochen im Onlinekino bei Vimeo  zu sehen (kostenpflichtig).