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studieren ausland PILS UND PARTY

PRAG BEZAUBERT MIT DER LEICHTIGKEIT DES STUDENTENSEINS. NUR DIE BÜROKRATIE IST OFT UNERTRÄGLICH.
Von Hans-Ulrich Stoldt
aus UNI SPIEGEL 6/2001

Vielleicht waren es die engen Kopfsteingassen der Altstadt, die in regennasser Dämmerung so düster und an hellen Tagen so leuchtend scheinen. Vielleicht lag es an den geschichtsschweren Bauten der Burg, drüben auf der anderen Seite des Flusses. Oder es waren die bunte Kulturvielfalt und die unverkrampfte Leichtigkeit der Jugend, die sich mit der bisweilen bräsigen Behäbigkeit der Alten gut verträgt - etwas Mystisches hatte Anja Kunle, 26, ergriffen, als sie vor zwei Jahren erstmals Prag besuchte.

Was sich genau ihrer damals bemächtigte, weiß Anja Kunle nicht. Nur so viel: »Die Stadt hat mich gekrallt und nicht mehr losgelassen.«

Jetzt hat die böhmische Metropole die Hamburger Germanistikstudentin ganz an sich gezogen. Seit Anfang September ist Anja Kunle an der historischen Prager Karlsuniversität im Fach Medienwissenschaften eingeschrieben. Und auch so manche Widrigkeit kann ihr die Begeisterung für die Goldene Stadt nicht nehmen: Das fette, fleischreiche Mensa-Essen etwa ("Urg!") oder die manchmal überbordende Bürokratie ("für jede Sache brauchst du hier einen extra Ausweis").

Und auch die so grässlich gurrenden Tauben auf dem Fenstersims ihres Dachgeschosszimmers versucht Anja zu ertragen. Obwohl: »Die könnte ich echt abknallen.« Aber sie bestückt dann doch nur Vasen und Gläser auf dem Sims mit Messern, Gabeln und spitzen Stiften zur defensiven Flugabwehr. Durch die nervigen Vögel lässt sie sich jedenfalls nicht davon abhalten, die schwierige, »so schöne« tschechische Sprache zu lernen - mit Hilfe von Kinderbüchern wie »D eti z Bullerbynu« von »Astrid Lindgrenova«.

Wenn Anja Kunle ihr Zimmer im sechsten Stock der Prager Altstadt verlässt, 126 Stufen durch Schwaden von Speisegerüchen und den Gestank von »schätzungsweise einer Milliarde Katzen« hinabsteigt, der durch die Ritzen von Wohnungstüren ins Treppenhaus zieht, und wenn sie dann auf die Straße tritt und bald am Ufer der Moldau steht, sagt sie sich oft: »Wahnsinn, ich lebe tatsächlich hier - in Prag!«

Dann schlendert sie manchmal - auch ganz ohne Anlass - ein paar Meter weiter zum Clementinum, der Staats- und Universitätsbibliothek gleich neben der Karlsbrücke, und geht in die große barocke, hohe Lesehalle, wo Studierende still über Büchern brüten, und wo auch Franz Kafka einst saß: »Da flirrt die Luft vor Studiereifer«, sagt Anja Kunle.

An die 1348 von Karl IV. gegründete Uni, die älteste Mitteleuropas, zieht es nicht so viele ausländische Studenten wie etwa nach Frankreich oder England - aber die Zahl wächst. Fast 100 Studenten haben im vergangenen Hochschuljahr im Rahmen des europäischen Austauschprogramms Sokrates/Erasmus die Möglichkeit genutzt, das Leben im künftigen EU-Mitgliedsland kennen zu lernen. Weitere 300 kamen mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), andere mit einem Auslands-Bafög. Inzwischen gibt es zudem etliche Hochschulen, die für viele Fachrichtungen eigene Programme speziell mit der Karlsuniversität aufgelegt haben: von Slawistik und Medizin über Jura, Geologie und Sport bis zu Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaften.

Auf die Bewerber wartet zunächst ein Haufen Papierkram. Das liegt zum einen daran, dass Tschechien noch nicht EU-Mitglied ist, Einreise- und Wohnsitzformalitäten für Ausländer daher komplizierter sind. Zum anderen kommt es daher, dass viele beamtete Tschechen geradezu süchtig sind nach jedweder Art von behördlichen Legitimationen, wichtigen Stempeln, beglaubigten Kopien und - am besten gleich mehrfach - autorisierten Abschriften.

Wenn die notwendigen Bewerbungsunterlagen mit Lebenslauf, Studiennachweis, Stipendienantrag und Zusage der tschechischen Partneruniversität endlich erledigt sind, geht es noch einmal richtig los: Ein Visum muss her.

Dafür braucht man beglaubigte und übersetzte Dokumente über eine Auslandskrankenversicherung und einen Beleg, dass man seinen Aufenthalt finanzieren kann. Dazu noch ein deutsches Führungszeugnis mit zusätzlicher Beurkundung durch das Bundesverwaltungsamt sowie den Nachweis, nicht im tschechischen Kriminalregister zu stehen. »Vergesst das Visum, besorgt euch die Auslandskrankenversicherung, und falls es wider Erwarten doch Probleme geben sollte, gebt vor, dass ihr das Visum gerade beantragt habt«, rät Wirtschaftspädagogikstudent Michael Meyer.

»Ich kenne niemanden, der hergekommen ist und sein Visum schon in der Tasche hatte«, sagt Lena May, 20, die über ein besonderes Abkommen der Uni Konstanz mit der Karlsuniversität ein Teilstipendium bekommen hat und an der sozialwissenschaftlichen Fakultät studiert.

Zu Hause hatte sie schon etwas Tschechisch gebüffelt, eine Voraussetzung für die meisten Stipendien. Der Erfolg war aber bescheiden: »Die Sprache mit ihren sieben Fällen ist schon sehr irritierend«, meint sie.

Zum Glück kommt man in Prag mit Englisch gut zurecht, und viele Tschechen, vor allem die Älteren, sprechen Deutsch. Allerdings, und das wirkt ja überall Wunder, schaden tut es nichts, ein wenig in der Sprache des Gastlandes zu radebrechen: »Dobr y den« (guten Tag), »D ekuji« (danke) oder »prosím« (bitte).

Die meisten Seminare für ausländische Studenten werden auf Englisch abgehalten. Wer aber ein DAAD-Stipendium anstrebt, sollte schon etwas bessere Sprachkenntnisse vorweisen können.

»Tschechisch ist zwar ein Horror, aber ich habe großen Spaß daran, es zu lernen«, sagt Florian Ruhland, der für zwei Semester in Prag ist, um seine Geografie-Magisterarbeit zu schreiben. Arbeitstitel: »Umwelt und Umweltprobleme in vorindustriellen Städten Europas«. Nach eineinhalb Jahren Sprachkurs in Bonn kann er sich jetzt schon ganz gut verständigen - an der Uni, im Studentenwohnheim und in der Kneipe: »Jedno pivo, prosím.« Ein Bier, bitte. Er habe sich schnell daran gewöhnen können, sagt Ruhland, zum Mittagessen im »Restaurace« schon mal ein leckeres großes Budweiser, Pilsner Urquell oder Staropramen zu trinken und hernach mit seinem Professor (der es im Zweifel genauso macht) wissenschaftlich gehoben zu parlieren.

Weniger leicht war es für Florian Ruhland, die Gepflogenheiten des Studiums zu begreifen: »Erst wenn das Semester beginnt, steht fest, welche Veranstaltungen und Vorlesungen abgehalten werden.« Dann heißt es, auf den Fluren gründlich die Aushänge in den Glasvitrinen zu lesen, denn dort ist bis ins Detail verzeichnet, wer welche Veranstaltungen bei wem zu belegen hat. »Schon sehr ungewohnt, wie verschult das hier alles ist«, so Ruhland.

Andererseits herrscht bisweilen ein ganz unakademisches Chaos an der tschechischen Alma mater: »Da tauchen plötzlich wilde Aushänge über neue Seminare auf, Veranstaltungen werden ebenso überraschend ohne Begründung gestrichen oder an einen anderen Ort verlegt«, sagt Verwaltungswissenschafts-Student Lutz Timmen, 22. Das ist auch ein logistisches Problem: Die 16 Fakultäten der Karlsuniversität und ihre vielen Lehrgebäude liegen über die gesamte Stadt verstreut.

So ist es auch mit den zahlreichen Mensen, in denen Studenten äußerst preiswert speisen können - schon für eine Mark wird man dort richtig satt. Allerdings gilt es, zunächst ein paar Hürden zu nehmen, und so spielen sich bisweilen kleine Dramen ab, wenn unwissende Neulinge kommen.

Wenn diese vom Hunger Getriebenen die meist freudlos gestalteten Stätten der Massenspeisung endlich gefunden haben und unerschrocken Knödel, Schweinefleisch mit schwerer Sauce und Weißkohlsalat kosten wollen, müssen sie oft mit knurrendem Magen abziehen: Die Mahlzeit gibt es nur gegen Chips, und die sind leider aus. Beziehungsweise es gibt keine, weil man sie eine Woche im Voraus kaufen muss. »So ein Blödsinn«, klagt eine Studentin, »ich weiß doch heute noch nicht, was ich am Mittwoch nächster Woche essen möchte.«

Egal. Wer die Regeln nicht befolgt, bekommt sowieso nichts. Auch nicht in einer nahe gelegenen anderen Mensa, wo der Student keine Chips, sondern Essensmarken benötigt. Die kriegt man aber nur mit einer »Index« genannten Karte, welche zum Erwerb von Essensmarken berechtigt. Aber natürlich nicht für heute, oder gar für sofort, nur weil der Hunger beißt.

Immerhin, es gibt flüssiges Brot in der Mensa: Bier für 14 Kronen die Halbe - etwa 85 Pfennig. Und verhungert ist auch noch keiner: An Kneipen, Gaststätten und Restaurants, wo die herzhafte böhmische Küche meist schmackhafter und dennoch sehr preiswert bereitet wird, herrscht kein Mangel.

Viele ausländische Studenten bevorzugen daher kulinarische Alternativen zur Mensa. Das Café »Globe« etwa, das »Meduza« oder das »Velryba«, wo leichtere und auch schon mal fleischlose Kost serviert wird.

Für Kathrin Trommler, 21, die daheim in Marburg Europäische Ethnologie studiert und jetzt in Prag Politik und Soziologie belegt hat, ist die Speisenfrage nicht so wichtig - sie zehrt vor allem von der Kultur. »Ich kann auch den ganzen Tag nur durch die Stadt laufen«, sagt sie, »es gibt so viel zu sehen, Galerien, Konzerte und das Nationaltheater.« Alles für deutsche Verhältnisse spottbillig, so dass es sich auch Studenten gut leisten können: »In die Staatsoper kommt man für 100 Kronen!« Das sind noch nicht einmal sechs Mark.

Kaum mehr kostet auch eine Eintrittskarte, um Weltmeister Tschechien Eishockey spielen zu sehen, was Jurastudent Patrick Mickler, 24, sehr gefällt. Er wollte nach Prag, weil ihn die tschechische Geschichte interessiert, der Transformationsprozess gut zehn Jahre nach dem Ende des Kommunismus. Und nun auch noch dies: ein Haufen interessanter Sportevents und reichlich nette Leute. Und eigentlich ist immer Party.

Das kommt, weil Mickler in einem jener kommunikativen Studentenheime lebt, denen wegen ihres Wohnstandards ein zu Recht höchst zweifelhafter Ruf vorauseilt: Meist sind es realsozialistische Plattenbauten am Stadtrand, deren Tore ein mehr oder weniger grimmiger Drache in Pförtnergestalt bewacht. Mancherorts herrschen strenge Sitten: Auswärtige Besucher müssen beim Betreten des Gebäudes ihre Ausweise abgeben und Schlag zehn Uhr abends das Haus verlassen. Die Studenten wohnen zu zweit in kleinen Kammern, die von endlosen, engen Gängen abgehen. Privatsphäre gibt es kaum: Alle teilen sich Bad, Küche und Toiletten. Dafür ist die Unterkunft preiswert, Patrick Mickler zahlt rund 80 Mark monatlich.

Zuerst habe er freilich schwer schlucken müssen, sagt Mickler, als er eines Samstags vor seinem kargen Zimmer stand, in dem sich schon sein italienischer Mitbewohner im schmalen Rahmen des Möglichen breit gemacht hatte. »Ich dachte, das wäre nur für den Übergang«, sagt Mickler. War es aber nicht. »Das ist eben so ein Abenteuer«, beschloss er dann für sich, »da muss ich durch.«

Inzwischen will er nicht mehr klagen: »Jetzt ist es super cool, wir sind eine echt gute Truppe.« Studenten aus zehn Nationen haben sich im Wohnheim bestens arrangiert. Abends werden Stühle vor die Zimmertüren gezogen, der Flur mit Musik beschallt und intensiv Völkerfreundschaft gefeiert. Die tschechischen Studenten schleppen ihre ausländischen Kommilitonen gern mit in eine der vielen Discos oder in kaum bekannte Clubs: »Neulich war ich auf dem Konzert einer Band aus Moldawien«, sagt Mickler, »allein hätte ich davon nichts mitbekommen.«

Um nicht nur Prag bei Nacht kennen zu lernen, organisieren die Studenten gemeinsam Ausflüge aufs Land. Neulich ging es sogar für ein paar Tage in die Hohe Tatra in der benachbarten Slowakei. Politikstudent Lutz Timmen, 22, war jüngst über das Wochenende mit Freunden zur »Kurzkur« in Karlsbad: »Voll krass da, teurer als Prag und überall nur Russen.« Timmen lebt in einer der wenigen Wohngemeinschaften Prags. Viel Platz hat er da auch nicht: fünf Studenten in zweieinhalb Zimmern, jeder zahlt etwa 200 Mark.

In seinen ersten Prager Wochen hat Timmen die Touristenattraktionen abgelaufen: Hradschin, Wenzelsplatz, Karlsbrücke und jüdischer Friedhof. Und er hat auch seinen ersten Absinth getestet. Von dem sollte man besser nicht zu viel trinken - andernfalls erscheint dem Zecher eine durchsichtige grüne Dame, wie auf einem Gemälde im legendären Café »Slavia«.

So weit will Timmen es auch gar nicht kommen lassen. Er erkundet derzeit lieber die Pfade abseits der großen Touristenströme: »Da erschließt sich eine ganz andere Stadt.« Sein erstes Fazit nach zwei Monaten an der Moldau: »Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben.« Und? Da war doch noch was? Ach ja: »Das mit dem Studium ist auch alles ganz locker hier.«


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