Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Politikwissenschaft gewusst hätte

Politikwissenschaftler haben viele Jobs zur Auswahl, doch das Studium ist sehr theorielastig. Jonas Wenzig erklärt, warum es trotzdem Spaß macht – und wie er viele Texte in kurzer Zeit bearbeitet.
Aufgezeichnet von Helen Hahne
Hochschulgruppen sind am Anfang prima, um Freunde zu finden (Symbolbild)

Hochschulgruppen sind am Anfang prima, um Freunde zu finden (Symbolbild)

Foto: PeopleImages / E+ / Getty Images
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler sind breit aufgestellt. Sie arbeiten zum Beispiel in den Medien, der öffentlichen Verwaltung oder Institutionen wie dem Bundestag oder den Landesparlamenten. Auch bei Markt- und Meinungsforschungsinstituten, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und Stiftungen sind sie gefragt.

Jonas Wenzig, 23, hat Politikwissenschaft im Bachelor an der Universität Bamberg studiert. Mittlerweile ist er im zweiten Semester eines internationalen Doppelmasters in Essex und Bamberg. Eigentlich wäre er gerade in England, doch wegen der Coronapandemie wohnt er wieder bei seinen Eltern und studiert online. Hier berichtet er, warum er sich für Politikwissenschaft entschieden hat und wie er sein Lieblingsseminar gefunden hat.

Die Entscheidung fürs Studium

»In der Oberstufe hatte ich die Leistungskurse Biologie und Geschichte. Geschichte hat mir besonders viel Spaß gemacht. Mich hat die Frage umgetrieben, wie sich gesellschaftliche Veränderung auf den politischen Prozess auswirkt, also welche Faktoren politische Entscheidungen bestimmen, und auch, welche Konsequenzen diese nach sich ziehen. Deshalb habe ich mich entschieden, Politikwissenschaft zu studieren.

Bei der Auswahl der Uni orientierte ich mich am CHE-Hochschulranking , Bamberg lag darin weit oben. Im Nachhinein würde ich aber empfehlen, sich mit den Modul-Handbüchern der Unis auseinanderzusetzen. Die sind auf den ersten Blick verwirrend, helfen aber dabei, herauszufinden, welche Themen einem in den Vorlesungen begegnen werden. Ich habe das selbst zwar nicht gemacht, aber ich hatte Glück: In Bamberg liegt der Schwerpunkt auf empirischer Sozialforschung, mittlerweile ein Steckenpferd von mir.«

Formale Voraussetzungen für ein Studium der Politikwissenschaften:

  • Das Studium wird als Einzel- oder Kombinationsbachelor angeboten. Die Kombinationsmöglichkeiten legt jede Hochschule individuell fest. Politikwissenschaft kann auch als Lehramtsfach studiert werden.

  • An manchen Hochschulen werden interne Eignungstests durchgeführt. Außerdem kann es vorkommen, dass ein Nachweis der Englischkenntnisse  verlangt wird.

Was man sonst noch mitbringen sollte: Lust auf Theorie. Im Politikwissenschaftsstudium  wird viel verglichen, analysiert und dekonstruiert.

Inhalte und Aufbau des Studiums

»Wer Politikwissenschaft studiert, lernt zu analysieren, zu abstrahieren und anhand von Theorien kausale Zusammenhänge herzustellen. Wir untersuchten zum Beispiel, welchen Einfluss Wohlfahrtsstaatsregime auf den Gender Pay Gap haben, also auf die Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern. Oder welche Rolle Parteien und Wahlsysteme in der politischen Entscheidungsbildung spielen.

Im dritten Semester begann ich als Hiwi, also als studentischer Mitarbeiter, an der Professur für empirische Politikwissenschaft zu arbeiten. Der Professor empfahl mir, ein Seminar zu quantitativen Methoden zu belegen, das schnell zu einem meiner Lieblingsseminare wurde. Dafür muss man übrigens in der Schule kein Ass in Mathe gewesen sein: Das Wissen, das man fürs Studium braucht, kann man sich schnell aneignen.«

Typische Pflichtmodule: Einführung in Politik und Gesellschaft, Gesellschaft und Kommunikation, Deutsche und europäische Politik, Internationale Beziehungen, Methoden, Regierungslehre, Theorie und Ideengeschichte

Wahlmöglichkeiten: Öffentliches Recht, Wirtschaft, Zeitgeschichte

Je nach Hochschule und Studiengang  können sich Studierende schon im Bachelor spezialisieren.

»Ich habe gelernt zu codieren und statistische Modelle zu berechnen. So konnte ich in meinen Hausarbeiten und der Bachelorarbeit selbst kleine Analysen anfertigen. Deshalb habe ich mich auch für den Doppelmaster  in Bamberg und Essex entschieden, der hat ebenfalls eine empirische Ausrichtung. Außerdem hatte ich während des Bachelors kein Erasmus gemacht und wollte gern noch ins Ausland.«

»Über das Arbeitspensum im Studium kann man weitgehend selbst entscheiden. Bei mir machten die Vorlesungen insgesamt etwa zwölf Stunden pro Woche aus. Zusätzlich mussten wir viele Texte lesen. Der ideale Student liest natürlich alle Texte – die engagierte und realistische Studentin oft nur die nötigen, dafür bekommt man irgendwann ein Gefühl. Es gibt gute Techniken, um einen Text schnell zu erfassen und dann zu entscheiden, ob man ihn zum Beispiel wirklich für eine Hausarbeit benötigt. Die klassische Variante ist, dass man die Kurzzusammenfassung, die Einleitung und den Schluss liest und alles andere weglässt.

Generell sind Selbstorganisation und der eigene Lernantrieb sehr wichtig. Man kann deutlich mehr aus dem Studium mitnehmen, wenn man über die Pflichtanforderungen hinausgeht. Ich habe mich zum Beispiel in der Hochschulpolitik und in Hochschulgruppen engagiert. Dort habe ich viel über politische Verwaltung gelernt. Zusätzlich sind Hochschulgruppen eine großartige Möglichkeit, um Freundschaften zu schließen und sich mit älteren Studierenden auszutauschen.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»Politikwissenschaftler haben kein klares Jobprofil wie etwa Mediziner oder Juristinnen. Spätestens ab der Mitte des Bachelors sollte man sich deshalb Gedanken über seinen zukünftigen Job machen. Praktika eignen sich am besten, um herauszufinden, welchen Beruf man später ergreifen will.

Es ist mein Traum, als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einem Abgeordneten im Bundestag zu arbeiten. Aber wenn das nicht klappt, gibt es noch viele andere Möglichkeiten. Im Master will ich zum Beispiel noch ein Praktikum in einer Politikberatung machen. Und ich könnte mir auch vorstellen, zu promovieren.«

Branchen und Gehälter:

Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler sind vielseitig qualifiziert.  Sie arbeiten zum Beispiel als Journalistinnen in Politikressorts großer Tages- oder Wochenzeitungen, helfen als Referenten für Öffentlichkeitsarbeit Parteien, NGOs und Vereinen dabei, ihre Themen in der Öffentlichkeit zu platzieren, oder entwickeln repräsentative Umfragen für Meinungsforschungsinstitute.

Mit einem Abschluss in Politikwissenschaft als Teildisziplin der Sozialwissenschaften verdienen Absolventinnen und Absolventen laut Stepstone-Gehaltsreport  im Jahr durchschnittlich 39.367 Euro brutto. 44.628 Euro brutto sind es im Personalwesen, in der Forschung oder in PR-Abteilungen kommen sie ebenfalls auf mehr als 40.000 Euro brutto.