Berufseinstieg in der katholischen Kirche "Ich merke manchmal, dass ich auch nicht Bruce Allmächtig bin"

Im Juni 2019 wurde Gregor Schweizer zum Priester geweiht, nach neun Jahren Vorbereitung. Auf eine Familie zu verzichten, falle ihm nicht leicht, sagt er. Und genau das mache ihn zu einem guten Priester.
Priester Gregor Schweizer

Priester Gregor Schweizer

Foto: Lukas Kissel

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Gregor Schweizer hat mit seiner Berufswahl eine Lebensentscheidung getroffen: Im vergangenen Jahr wurde der 31-Jährige zum katholischen Priester geweiht.

Mein erstes Jahr im Job

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"Als ich letztes Jahr im Juni kurz vor der Priesterweihe stand, sah ich vor meinem inneren Auge einen Film ablaufen: von der Zeit als Ministrant in meinem Heimatdorf über das Studium in München und Paris bis hierhin.

14 Jahre war es damals her, dass ich zum ersten Mal die Idee gehabt hatte, Priester zu werden. Das war beim Weltjugendtag 2005 in Köln, da war ich 15. Über eine Million Gläubige aus der ganzen Welt waren dort. Ich hörte einen Amerikaner sprechen, der erzählte, dass er alkohol- und drogenabhängig gewesen sei und im Gefängnis zu Gott gefunden habe. 'Jesus wants to become your friend', sagte er, 'Jesus möchte dein Freund werden'. Das traf mich ins Herz. Seit diesem Zeitpunkt war in mir eine tiefe Sehnsucht, Priester zu werden. Es war wie Verliebtsein.

Ich komme aus einer gläubigen Familie, in der es normal ist, sonntags in die Kirche zu gehen, zu Hause zu beten. In meinem Heimatdorf in Oberschwaben war ich Oberministrant. Als ich meiner Mutter zum ersten Mal von der Idee erzählte, Priester zu werden, sagte sie, dass sie das schon abgesehen habe. Meine Freunde sagten: 'Wenn du glaubst, dass du damit glücklich wirst, dann mach das.'

Ein Jahr Crashkurs Theologie, ein Jahr im Kloster

Ich wollte mir aber sicher sein und besuchte deshalb nach dem Abitur zunächst für neun Monate eine Akademie der Gemeinschaft Emmanuel in Altötting, sozusagen ein Crashkurs in Theologie. Danach verbrachte ich ein weiteres Jahr im belgischen Namur in einer Einrichtung, in der man sich intensiv mit der Frage auseinandersetzt: Kann ich mir wirklich vorstellen, Priester zu sein? Ich wohnte mit anderen jungen Männern in einem Kloster, hatte ein intensives spirituelles Programm mit täglichen Gottesdiensten und viel Zeit fürs Gebet. Zum Abschluss dann eine intensive geistliche Übung: zehn Tage Schweigen im Kloster.

Nach diesem Jahr stand meine Entscheidung fest. Ich begann, in München katholische Theologie und Philosophie zu studieren. Während dieser Zeit wohnte ich im Priesterseminar, einer Art Studentenheim für die Priesterkandidaten. Dort lebt man wie im Hotel, bekommt dreimal am Tag eine Mahlzeit gezaubert. Das störte mich etwas. Dass man sich nicht selbst um Einkaufen, Kochen, Putzen kümmern musste, war mir zu lebensfern.

Dazu kam, dass mich das Studium in München nicht so zufriedenstellte, wie ich gehofft hatte. Es war mir zu zäh, es fehlte mir der Praxisbezug – zu lernen, wie wir den Vorlesungsstoff auch verkünden, ihn den Leuten verständlich machen. Ich fragte mich im Studium immer wieder: Soll mich das auf die Realität vorbereiten?

Nach sechs Semestern Grundstudium ging ich für ein Auslandsjahr nach Paris. An der katholischen Fakultät dort fand ich endlich, was ich in München vermisst hatte. Ich blieb länger und beendete mein Studium in Paris. Hätte ich diese Erfahrung nicht gemacht, hätte ich wohl hingeschmissen.

Nach dem Studium absolvierte ich zwei Jahre Pastoralkurs in einer Gemeinde in München-Laim, eine Art Praktikum. Und den ersten Schritt zum Priestertum, die Diakonweihe. Dabei verspricht man drei Dinge: Treue zum Gebet, Gehorsam gegenüber dem Bischof – und Ehelosigkeit. Der Zölibat war für mich immer ein Thema. Ich hätte gern eine Familie gehabt. Aber ich glaube: Nur wer den Wunsch nach einer Familie hat, kann auch ein guter Priester sein. Denn das ist ja etwas grundlegend Menschliches. Und nur wenn ich diesen Wunsch habe, kann ich auch bewusst darauf verzichten.

Die Sehnsucht blieb – trotz aller Zweifel

Immer wenn ich entlang des Weges Zweifel hatte, dachte ich an diese erste Sehnsucht zurück – und als ich letztes Jahr vor meiner Priesterweihe stand, da war diese Sehnsucht immer noch da. Ich spürte in mir einen tiefen Frieden: Nach neun Jahren Vorbereitung war damals genau der richtige Zeitpunkt. Zu meiner Primiz – das ist der erste Gottesdienst, den der neugeweihte Priester in seiner Heimatgemeinde hält – kamen etwa tausend Leute.

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Lukas Kissel

Nach der Weihe kam ich als Kaplan, also als dem Pfarrer untergeordneter Priester, nach Gräfelfing, eine Gemeinde bei München. Meine Arbeit dort ist wahnsinnig vielfältig: An einem Vormittag in der Woche bin ich in der Schule, zurzeit unterrichte ich eine siebte Klasse. Nachmittags habe ich vielleicht ein Trauergespräch für eine bevorstehende Beerdigung, abends nach dem Gottesdienst Sitzungen mit dem Pfarrgemeinderat oder Traugespräche. Außerdem bin ich in der Pfarrei verantwortlich für die Jugendarbeit, dazu gehört die Betreuung der Ministranten und Firmlinge.

"Ich spende etwa ein Drittel meines Gehalts"

Gregor Schweizer

Am Monatsende bekomme ich knapp 2000 Euro Gehalt überwiesen. Mir ist das fast zu viel. Ich habe einen einfachen Lebensstil versprochen, muss keine Familie ernähren, kein Haus abbezahlen. Ich wohne hier mit den beiden Pfarrern im Pfarrhaus, muss außer den Nebenkosten keine Miete zahlen. Also spende ich etwa ein Drittel meines Gehalts.

In meinem ersten Berufsjahr war vieles wegen Corona recht mühsam. Seit ich Priester bin, habe ich noch kein richtiges Osterfest erlebt. Wir haben früh begonnen, unsere Gottesdienste zu streamen und sogar einen eigenen YouTube-Kanal aufgebaut. Am liebsten würde ich noch mehr Zeit in diese YouTube-Videos stecken. Ich habe richtig Lust, das auch über Corona hinaus auszubauen.

Nicht nur im Kirchengebäude hocken

Ich finde, dass wir als Priester nicht nur im Kirchengebäude hocken dürfen. Ich habe tausend Ideen, bin voller Tatendrang, würde gern so viel machen, so viel ausprobieren – und merke dann manchmal, dass ich auch nicht Bruce Allmächtig bin. Als Priester bin ich jemand, der aussät. Mit meinem Firmunterricht für die Jugendlichen zum Beispiel lege ich die Saat für ihren Glauben. Doch was daraus wächst, das liegt nicht in meiner Hand. Das bestimmt letztendlich Gott.

Ich werde die nächsten drei bis vier Jahre Kaplan in Gräfelfing bleiben. Und danach? Vielleicht werde ich eines Tages Pfarrer und damit für eine Pfarrei verantwortlich, aber eigentlich muss das gar nicht sein. Mir geht es nicht um Karriere – ich habe nicht vor, Bischof zu werden oder Papst. Wer mit diesem Denken Priester wird, ist meiner Meinung nach auch fehl am Platz. Mein großer Traum ist, dass die jungen Menschen in meiner Gemeinde diese Begegnung mit Gott, die ich in Köln hatte, selbst erfahren."

Wie wird man Priester?

Priester sein ist nicht nur ein Beruf, es ist ein Lebensstil. "Das wird deutlich in einer unwiderruflichen Lebensentscheidung", erklärt Dirk Gärtner, Vorsitzender der Deutschen Regentenkonferenz , dem Zusammenschluss der Ausbildungsleiter für katholische Neupriester.

Wer Priester werden will, muss zunächst Theologie studieren. In der katholischen Kirche unterscheide sich das Studium in Details je nach Bistum, sagt Gärtner, doch überall wohnten die Priesterkandidaten in einer Art Wohngemeinschaft zusammen, dem Priesterseminar. Oft gehört ein Aufenthalt in einer anderen Studienstadt oder im Ausland zur Ausbildung, ebenso wie ein soziales Praktikum, das auf die Arbeit als Seelsorger vorbereitet, wie im Priesterseminar München . Nach dem Studium folgt die praktische Phase, der Pastoralkurs, in einer Pfarrei.

Die Priesterweihe ist der feierliche Ausbildungsabschluss für alle Neupriester. Doch von denen gibt es immer weniger: Wurden Anfang der Neunziger noch regelmäßig über 200 Neupriester pro Jahr geweiht, waren es 2019 nur noch 55  – ein neuer Tiefstand. Ein Grund dafür ist für Regent Dirk Gärtner eben jene "Festlegung auf Lebensdauer", die den Priesterberuf von anderen unterscheidet.

Übrigens: In der evangelischen Kirche teilt sich die Ausbildung zum Pfarrer  oder zur Pfarrerin ebenfalls in zwei Teile  – zuerst ein Studium in Evangelischer Theologie, dann das Vikariat, bei dem die Studierenden in einer Gemeinde mitarbeiten. Beide Ausbildungsteile werden mit einem Examen abgeschlossen.

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