Von Rechts wegen – Arbeitsrecht kurz erklärt Die größten Irrtümer über die Probezeit

Gerade Berufseinsteiger fürchten sich vor der Probezeit. Aber ist sie wirklich ein Muss? Kann ich währenddessen gekündigt werden? Und wie sieht es mit Urlaub aus? Der Faktencheck.
Auch die Probezeit muss einen nicht aus der Ruhe bringen (Symbolbild)

Auch die Probezeit muss einen nicht aus der Ruhe bringen (Symbolbild)

Foto: BONNINSTUDIO / Stocksy United

Die unsichere Probezeit hat nicht den besten Ruf, dabei ist sie eigentlich gut gemeint: Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen sich unter erleichterten Bedingungen – zum Beispiel mit einer verkürzten Kündigungsfrist  – besser kennenlernen, um dann entscheiden zu können, ob sie wirklich zueinanderpassen. »Die Idee der Probezeit ist nicht nur, dass man sich im Job und im neuen Team erprobt, man sollte sich auch die Frage stellen, ob der neue Beruf einem wirklich gefällt«, sagt André Niedostadek, Professor für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht an der Hochschule Harz. Er klärt über fünf Mythen auf und sagt, was es zu beachten gilt.

1. »Keine Probezeit vereinbart? Egal, die ersten sechs Monate gelten grundsätzlich als Probe.«

In dieser Aussage verstecken sich gleich zwei Irrtümer. Erstens ist eine Probezeit nicht automatisch  Teil eines Beschäftigungsverhältnisses. Sie muss vorab zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerin im Vertrag festgehalten werden.

Zweitens ist die Länge der Probezeit nicht immer gleich. »Sechs Monate zur Probe sind in der Praxis zwar die Regel, aber kein Muss«, sagt Juraprofessor Niedostadek. Tarifvereinbarungen sehen mitunter kürzere Zeiträume vor, es ist aber auch möglich, die Probezeit zu verlängern. Das stellt sich in der Praxis aber nicht immer als sinnvoll  heraus: Sind Sie in einem Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten angestellt, greift nach sechs Monaten nämlich das Kündigungsschutzgesetz, ab dann gilt also eine verlängerte Kündigungsfrist von mindestens vier Wochen. In der Probezeit beträgt sie zwei Wochen.

2. »Probezeit bestanden? Dann steht einer Weiterbeschäftigung ja nichts mehr im Wege.«

Selbst wenn beide Seiten glücklich sind, ist das keine Garantie dafür, den Job nach der Probezeit zu behalten. »Es kann immer Gründe geben, warum der Arbeitgeber Sie in diesem Moment nicht übernehmen kann. Das ist rechtlich absolut legitim«, sagt Niedostadek. Ein solches Motiv wäre, gerade in Coronazeiten, die wirtschaftlich prekäre Lage eines Unternehmens. Einen rechtlichen Grund dafür, das Arbeitsverhältnis innerhalb der Probezeit zu beenden, braucht es jedoch nicht.

Trotzdem beschäftigt die Frage, ob aus einer erfolgreichen Probezeit ein Anspruch auf eine Weiterbeschäftigung entsteht, immer wieder die Arbeitsgerichte. Im April 2018 etwa klagte ein Mitarbeiter einer Hochschule dagegen, dass seine Fakultät seinen Arbeitsvertrag nicht verlängert hatte (BAG – 7 AZR 311/18) . Der Kläger war während seiner Probezeit in eine Führungsposition aufgerückt und der Meinung gewesen, sein bislang probebefristeter Arbeitsvertrag habe sich mit seiner neuen Führungsrolle in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis gewandelt. Das Bundesarbeitsgericht wies seine Klage zurück. Dass es der Vorstoß des Mannes bis zum Bundesarbeitsgericht nach Erfurt geschafft hat, zeigt jedoch, dass auslaufende Verträge nach der Probezeit immer wieder kontrovers diskutiert werden.

3. »Urlaub während der Probezeit? Das kann ich mir nicht erlauben.«

Viele zögern mit der Frage nach dem Urlaub, weil sie bei den Chefinnen keinen unmotivierten Eindruck hinterlassen wollen. Grundsätzlich gilt jedoch: Sie haben das Recht, Urlaub zu nehmen – auch in der Probezeit. 24 Tage im Jahr oder zwei Tage pro Monat sind gesetzlich vorgeschrieben – oft gibt es ein paar obendrauf. »Der volle Urlaubsanspruch eines Jahres besteht jedoch erst sechs Monate nachdem die Beschäftigung begonnen hat«, sagt Niedostadek. Mit einem ausgedehnten Urlaub wird es also eng – mit der Zeit aber ist dann mehr drin: Bei einer sechsmonatigen Probezeit kann man nach zwei Monaten bereits vier Tage Urlaub einreichen, am Ende wären mit Wochenenden sogar mehr als zwei Wochen drin.

4. »In der Probezeit erkrankt? Dann wird sie hintenraus verlängert.«

»Im Gesetz steht dazu nichts«, sagt Niedostadek, »aber es ist unüblich, die Probezeit wegen einer Krankheit zu verlängern.« Das könnte sich durch die sogenannte EU-Richtlinie über transparente und verlässliche Arbeitsbedingungen  ab dem kommenden Jahr jedoch ändern. Sie soll die Rechte von Arbeitnehmern in der EU stärken. Aus der Richtlinie geht hervor, dass bei Krankheit oder Urlaub – denkbar wäre auch Kurzarbeit – eine Verlängerung der Probezeit in Erwägung gezogen werden kann. Die Richtlinie soll voraussichtlich bis Sommer 2022 in nationales Recht umgesetzt werden.

5. »Während der Probezeit gekündigt? Dann habe ich keine Chance, mich zu wehren.«

Dem ist nicht unbedingt so. »Eigentlich ist es ja der Clou der Probezeit, dass man sich leichter voneinander trennen kann. Deswegen haben wir mit zwei Wochen eine verkürzte Kündigungsfrist. Auch ein Kündigungsgrund ist ja während der Probezeit nicht nötig«, sagt Niedostadek.

Trotzdem kann sich der Arbeitgeber nicht alles erlauben: Gibt es im Unternehmen einen Betriebsrat, muss dieser bei einer Kündigung angehört  werden. So sagt es das Betriebsverfassungsgesetz. »Die Anforderungen an die Anhörung des Betriebsrats sind allerdings nicht allzu hoch. Wichtig ist nur, dass der Arbeitgeber das überhaupt tut«, sagt Niedostadek. Denkbar ist in der Probezeit auch eine außerordentliche, fristlose Kündigung. Dann müsste der Arbeitgeber zuvor aber abmahnen oder mildere Mittel als eine Kündigung ausprobiert haben – etwa die Versetzung an einen anderen Standort oder in eine andere Abteilung.

Werden diese Vorgaben nicht eingehalten, hätte man vor Gericht tatsächlich einen Trumpf in der Hand. Die Kündigung wäre gegebenenfalls unwirksam. So hat es beispielsweise das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein im Juni 2020 im Falle einer fehlenden Abmahnung entschieden .

In einem Fall kann einem jedoch nicht gekündigt werden: »So schlägt der Mutterschutz den Kündigungsschutz – und bewahrt vor einer Kündigung in der Probezeit«, sagt Niedostadek. Dies gilt auch, wenn man bereits vor Antritt des neuen Jobs schwanger ist, wie das Bundesarbeitsgericht im Februar vergangenen Jahres entschied . Läuft eine Probezeit jedoch aus, dann bewahrt auch eine Schwangerschaft nicht davor, dass das Arbeitsverhältnis endet.

Zusammengefasst bleibt die Probezeit also ein wackeliges Konstrukt, sie kann jederzeit kurzfristig beendet werden – aber eben von beiden Seiten. Wenn einem während der Probezeit woanders der Traumjob begegnet, kann man guten Gewissens und ohne lange zu zögern einfach Adieu sagen.