Tim Reichel

Wie Prokrastination beim Lernen hilft ...das verschiebe ruhig auf morgen

Tim Reichel
Ein Gastbeitrag von Tim Reichel
Ein Gastbeitrag von Tim Reichel
Der Kühlschrank ist blitzsauber, aber der Stapel auf dem Schreibtisch noch genauso hoch: Wer prokrastiniert, tut das oft mit schlechtem Gewissen. Dabei kann es sogar ratsam sein, Dinge aufzuschieben.
Ich könnte anfangen zu arbeiten – ich könnte aber auch hier warten, bis die Sonne untergeht (Symbolbild)

Ich könnte anfangen zu arbeiten – ich könnte aber auch hier warten, bis die Sonne untergeht (Symbolbild)

Foto: Antje Merkel / Westend61 / Getty Images

Erst kurz vor der Prüfung mit dem Lernen anfangen, das Schreiben der Hausarbeit wochenlang hinauszögern: Die Prokrastination dürfte für die meisten Studierenden eine alte Bekannte sein. Regelmäßig torpediert sie unsere schönen Zeitpläne. Doch ein stockender Motor hat nicht nur Nachteile – ganz im Gegenteil: Prokrastination kann (im richtigen Maß) dazu beitragen, effizient und zielstrebig zu lernen.

Ja, richtig gelesen! Hier sind drei überraschende Erkenntnisse zur Prokrastination – und drei Tipps, wie du richtig prokrastinierst.

Bachelor of Smarts – die Uni-Kolumne

Gutes Zeitmanagement, die richtige Lernstrategie vor Prüfungen, Tipps für den Einstieg ins digitale Semester: In dieser Kolumne gibt Dr. Tim Reichel Rat zu Herausforderungen im Studium und zeigt, wie Studierende erfolgreich durch den Bachelor kommen – ohne Dauerstress.

Du stehst auch vor einem vermeintlich unlösbaren Problem im Studium oder hast eine Frage an Tim Reichel? Dann schreib uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Prokrastination schützt uns

Prokrastinieren ist eine natürliche Verhaltensweise. Der Autor Stephen Covey  betrachtet die sogenannte »Aufschieberitis« nicht als Störung, sondern als körpereigenen Schutzmechanismus – und zwar als einen, der uns vor unangenehmen Aufgaben bewahrt. Der Psychologe Joachim Funke stützt diese Sichtweise mit der Evolutionsgeschichte: Der Mensch sei ein »ökonomisches Wesen«  und versuche, seine Energie sparsam einzusetzen.

Prokrastinierende Studierende sind also nicht faul, sondern ökonomische Wesen.

Doch zurück zum eigentlichen Punkt. Wenn du in deinem Studium chronisch aufschiebst, kann sich etwas Grundsätzliches dahinter verbergen. Dein Körper stellt dir eine wichtige Frage: Ist das, was du gerade eigentlich tun müsstest, wirklich das, was du tun möchtest? Oder stehst du selbst nicht zu 100 Prozent hinter deinem Vorhaben?

Prokrastination macht produktiv

Der britische Soziologe Cyril Parkinson hat den menschlichen Umgang mit Zeit untersucht. Von ihm stammt ein Satz, der später als das Parkinson'sche Gesetz  berühmt wurde:

»Eine Aufgabe dehnt sich in dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.«

Der britische Soziologe Cyril Parkinson

Das bedeutet: Aufgaben ohne konkrete Terminierung sind unendlich dehnbar und nehmen riesige Zeitfenster ein. Produktives Arbeiten ist fast unmöglich. Wenn du einen Monat Zeit hast, um dich auf eine Prüfung vorzubereiten, wirst du die ersten Tage mit unproduktivem Kram vertrödeln, dich mit Kleinigkeiten aufhalten und erst zum Ende hin fokussierter lernen. Wenn du – Gott bewahre – ein halbes Jahr Zeit hast, verzettelst du dich wahrscheinlich komplett, arbeitest viel zu perfektionistisch und kannst eine effiziente Prüfungsvorbereitung vergessen. Ganz anders, wenn eine Deadline in Sicht ist: Am nächsten Tag ist Prüfung – du darfst keine Zeit verlieren und lernst so effektiv wie möglich.

Prokrastination zwingt uns zu Prioritäten

Prokrastination stellt also sicher, dass du dich um die wichtigsten Inhalte kümmerst. Dadurch, dass du deine Aufgaben in kurzer Zeit erledigen musst, kannst du nicht jedes Detail berücksichtigen. Du bist gezwungen, Prioritäten zu setzen und einige Teilaspekte links liegenzulassen. Das mag sich in der Situation schlecht anfühlen, aber du hast das mächtige Pareto-Prinzip  auf deiner Seite. Dieses vielfach belegte Optimierungsprinzip aus der Wirtschaftswissenschaft besagt:

»Nur 20 Prozent des Inputs sorgen für 80 Prozent des Outputs.«

Übertragen auf deinen Lernerfolg heißt das:

»20 Prozent des Lernens sorgen für 80 Prozent des Wissens. Die verbleibenden 80 Prozent der investierten Arbeit machen nur 20 Prozent der Inhalte aus.«

Einige deiner To-dos bringen dich demnach deutlich schneller ans Ziel als der Rest. Und die findest du eben viel leichter, wenn dich deine Prokrastination dazu zwingt: Musst du wirklich jede Seite im Lehrbuch lesen? Oder reichen die Zusammenfassungen einiger Schlüsselkapitel? Lohnt es sich, eine Stunde lang an einem Satz rumzuformulieren oder bringt es mehr, erst mal draufloszuschreiben? Du kennst die Antwort, oder?

Unkontrollierte Prokrastination vermeiden

Prokrastination  kann deine Lerngewohnheiten verbessern. Wenn du es aber übertreibst und jede wichtige Aufgabe erst auf den letzten Drücker erledigst, sorgt das wahrscheinlich eher für Stress und schlechte Ergebnisse. Mit diesen drei Tipps findest du das richtige Maß:

1. Unproduktive Phasen zulassen

Wer niemals Pausen macht, läuft nicht nur Gefahr, mental zu erschöpfen – auch das Potenzial für hartnäckige Arbeitsblockaden wird von Mal zu Mal größer. Bevor es irgendwann zur Dauerprokrastination kommt, ist es besser, unproduktive Phasen zu akzeptieren und wirklich abzuschalten, anstatt krampfhaft weiterzuarbeiten.

2. Eigene Deadlines festlegen

Eigene Deadlines helfen dir, große Aufgaben wie Prüfungsvorbereitungen oder Hausarbeiten zu strukturieren und für eine gewisse zeitliche Verbindlichkeit zu sorgen. Die selbst gesetzten Fristen grenzen deinen Drang zum Aufschieben ein – und du kannst dich selbst belohnen, wenn du sie einhältst.

3. Einen mentalen Schutzschild schmieden

Gegen spontane Prokrastinationsattacken empfiehlt Autor Philipp Barth  den sogenannten »Eine-Sekunde-Schutzschild«: Wenn dich die Prokrastination heimsucht, musst du schnell reagieren und den Angriff abwehren. Dazu legst du dir einen motivierenden Gedanken zurecht, der dich in einem schwachen Moment schützt – zum Beispiel die Vorstellung einer bestandenen Prüfung oder die Abgabe deiner Arbeit. Je emotionaler du dir das vor deinem geistigen Auge vorstellst, desto stärker wirkt der Schutzschild.

Fazit

Prokrastination ist besser als ihr Ruf. Allerdings bringt nicht das Aufschieben an sich den Erfolg. Es sind vielmehr die Folgen, die deine Arbeitsweise verbessern können. Mit dem richtigen Selbstmanagement lassen sich diese Verhaltensweisen antrainieren.

Ich bin überzeugt: Wer häufig prokrastiniert, verbessert seinen Umgang mit Stress und lernt, unter Druck Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Das ist übrigens eine Schlüsselkompetenz in jeder Klausur – und im richtigen Leben.