Mentale Gesundheit im Job Sollte ich bei der Bewerbung sagen, dass ich depressiv bin?

Psychisch Erkrankte werden immer noch mit Vorurteilen konfrontiert, auch am Arbeitsplatz. Trotzdem kann ein offener Umgang damit sinnvoll sein, sagt der Psychiater Nicolas Rüsch – unter bestimmten Bedingungen.
Ein Interview von Helene Flachsenberg
Psychische Erkrankungen sind weitverbreitet – im Job aber oft ein Tabuthema

Psychische Erkrankungen sind weitverbreitet – im Job aber oft ein Tabuthema

Foto: Aleli Dezmen / Getty Images/Image Source

SPIEGEL: Herr Rüsch, für eine Studie  haben Sie Menschen mit psychischen Erkrankungen bei der Jobsuche begleitet. Zu Beginn fragten Sie, ob die Personen vorhatten, ihre Erkrankung offenzulegen. Später stellten Sie fest, dass diejenigen, die das nicht tun wollten, eher einen Job gefunden hatten. Sollte man eine Depression oder Angststörung im Bewerbungsprozess also lieber verschweigen?

Rüsch: Für die Studie haben wir rund 300 überwiegend an Depression erkrankte Arbeitslose vor und nach einer sechsmonatigen Bewerbungsphase befragt. Und ja, die Schweigsamen waren erfolgreicher bei der Arbeitssuche. Wenn es nur darum geht, irgendeine Anstellung zu finden, mag daher das Verschweigen die bessere Option sein. Wenn es aber darum geht, einen Job zu finden, der wirklich zu einem passt, sieht das anders aus. Für die eigene Gesundheit und die Zufriedenheit im Job kann es durchaus förderlich sein, wenn der Arbeitgeber von vornherein über eine psychische Erkrankung Bescheid weiß und die Arbeitsbedingungen gegebenenfalls daran anpassen kann.

SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel dafür?

Rüsch: Denken wir an jemanden, der Autismus hat und von Geräuschen schnell abgelenkt ist. Diese Person kann nicht gut in einem Großraumbüro arbeiten. Deshalb wäre es sinnvoll, bei der Bewerbung direkt zu sagen: »Ich brauche zum Arbeiten ein ruhiges Einzelbüro.« Ein anderes Beispiel: Jemand mit einer bipolaren Störung, auch manisch-depressiv genannt, könnte erwirken, keine Nachtschichten machen zu müssen, damit der Schlaf-Wach-Rhythmus nicht durcheinanderkommt.

SPIEGEL: Aber ist eine solche Offenheit nicht auch gefährlich? Schließlich legen Sie in Ihrem aktuellen Buch dar, wie groß das Stigma von psychischen Erkrankungen nach wie vor ist – auch in der Arbeitswelt.

»Nicht alle Arbeitnehmer:innen können gut mit Geheimhaltung oder Lüge leben, das kann auf Dauer sehr belasten.«

Rüsch: Leider ist das so, ja. Entgegen landläufiger Annahmen haben sich die Einstellungen gegenüber Menschen mit psychischen Krankheiten in den vergangenen Jahrzehnten nicht verbessert. Die soziale Akzeptanz von Menschen etwa mit Depression ist auch im Arbeitsumfeld nicht gestiegen; für Menschen mit Schizophrenie ist sie sogar deutlich zurückgegangen.

SPIEGEL: Manche Ihrer Kolleg:innen raten deshalb kategorisch davon ab, psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz zu thematisieren. Warum sind Sie anderer Meinung?

Rüsch: Mir sind solche Ratschläge aus mehreren Gründen zu absolut. Erstens geben Psychiater:innen und Psycholog:innen besser keine pauschalen Empfehlungen ab, denn Menschen sind verschieden. Manche Arbeitgeber:innen wollen Bescheid wissen und ihre Mitarbeiter:innen unterstützen. Und nicht alle Arbeitnehmer:innen können gut mit Geheimhaltung oder Lüge leben, das kann auf Dauer sehr belasten. Zweitens kann es das Selbstbewusstsein stärken, die eigene Krankheit offen zu thematisieren. Und drittens verstärkt es Vorurteile, wenn sich niemand zu psychischen Krankheiten bekennt – und die vielen Leute schweigen, die gut mit einer solchen Erkrankung leben und arbeiten können.

Mit all dem möchte ich gar nicht sagen, dass die Offenlegung der Königsweg ist. Sie birgt Risiken. Aber es ist eben eine individuelle Entscheidung, bei der man unterschiedliche Faktoren einbeziehen muss.

SPIEGEL: Die da wären?

Rüsch: Erst einmal sollte man sich fragen, wie man sich selbst sieht. Manche Menschen bezeichnen sich gar nicht als psychisch krank, sondern sagen eher: »Ich hatte mal eine Krise.« Dann gibt es kaum einen Grund, das offenzulegen. Außerdem sollte man sich klarmachen, welches Ziel man überhaupt verfolgt. Geht es mir darum, authentisch zu sein, mich nicht verstellen zu müssen? Oder will ich etwas Bestimmtes erreichen, etwa, keine Nachtschichten machen zu müssen? In letzterem Fall muss nur meine Chefin Bescheid wissen, nicht der ganze Betrieb.

»Man sollte sich fragen: Stört es mich, wenn Leute über mich tratschen?«

Ein großer Faktor ist außerdem die eigene Verwundbarkeit. Da sollte man sich fragen: Stört es mich, wenn Leute über mich tratschen? Wie sehr würde es mich treffen, wenn ich nicht zum Mittagessen eingeladen werde? Den meisten Betroffenen hilft es außerdem, wenn sie begreifen, dass Offenlegen und Verschweigen nicht die einzigen Optionen sind, mit ihrer Erkrankung umzugehen.

SPIEGEL: Welche Optionen gibt es noch?

Rüsch: Es gibt eben die Möglichkeit, alles zu verschweigen, mich von den Kolleg:innen zurückzuziehen, damit die nichts herausfinden. Ich kann aber auch manchen manches erzählen oder vielen vieles. Das andere Extrem ist, allen alles zu erzählen und in der Firma aktiv Aufklärungsarbeit über psychische Erkrankungen zu machen. Betroffene können je nach Situation die für sie richtige Stufe wählen. Es gibt auch ein gut wirksames  Gruppenprogramm für Betroffene, »In Würde zu sich stehen« , um diese Entscheidungen zu lernen und zu üben.

SPIEGEL: Spielt es eine Rolle, mit wem ich es bei der Arbeit zu tun habe? Sind etwa jüngere Menschen offener für das Thema? Und Menschen bei einem Start-up verständnisvoller als bei einem konservativen Großunternehmen?

Rüsch: Wirklich belastbare Daten kenne ich dazu nicht. Es gibt eine geringe Korrelation, dass ältere Menschen etwas ausgeprägtere Vorurteile haben. Aber darauf würde ich mich nicht verlassen, sondern auch hier auf das Individuum schauen. So kann ich etwa bei einzelnen Kolleg:innen vorfühlen, indem ich psychische Erkrankungen losgelöst von meiner eigenen Person thematisiere. Wenn ich beispielsweise erzähle, dass ich einen Film über Schizophrenie gesehen habe, und mein Gegenüber direkt abwehrt – »Geh mir weg mit den Verrückten« – dann weiß ich, dass ich mich dieser Person eher nicht öffnen sollte.

SPIEGEL: Dieses Vorgehen hilft vielleicht, wenn ich bereits einen Job habe. In einem Vorstellungsgespräch dürfte es allerdings schwieriger umzusetzen sein. Haben Sie einen Tipp, wie ich das Thema im Bewerbungsprozess platziere?

Rüsch: Auch in diesem Punkt möchte ich keine Ratschläge erteilen. Ich persönlich würde eine psychische Erkrankung nicht direkt ins Anschreiben packen. Stattdessen würde ich das Thema im Vorstellungsgespräch anbringen, wenn ich das Gefühl habe, es besteht gegenseitiges Interesse.

SPIEGEL: Und wenn ich es doch nicht übers Herz bringe?

Rüsch: Dann heißt das noch lange nicht, dass Sie für immer schweigen müssen. Es gibt keine gesetzliche Verpflichtung für Bewerber:innen, ihre Erkrankungen offenzulegen. Betroffene, die sich noch scheuen, können auch erst einmal in Ruhe in ihrem Job ankommen, Beziehungen mit den Kolleg:innen aufbauen und vielleicht das Ende der Probezeit abwarten. Und sich dann in Ruhe überlegen, mit wem sie welche Informationen teilen möchten.