Psychotherapeuten-Ausbildung Wie die Reform des Psychologiestudiums Studierende unter Druck setzt

Eine Reform sollte die Ausbildungsbedingungen für Psychotherapeuten verbessern. Doch Diskussionen in Hamburg zeigen: Die Neuerungen machen allen Studierenden Sorgen – ganz gleich, ob sie im neuen oder im alten System studieren.
Psychotherapie (Symbolbild): Die Reform des Psychologiestudiums macht vielen Studierenden Sorgen

Psychotherapie (Symbolbild): Die Reform des Psychologiestudiums macht vielen Studierenden Sorgen

Foto: lorenzoantonucci / iStockphoto / Getty Images

Kurz vor dem Abitur, sagt Sarah Below, habe sie gewusst, was sie einmal werden möchte: Psychotherapeutin. »Menschen helfen«, das sei ihr zentraler Wunsch gewesen. Heute ist Below 24 Jahre alt und studiert im neunten Semester Psychologie an der Universität Hamburg, in diesem Jahr möchte sie ihren Bachelor beenden. Der Master sollte folgen, dann die Ausbildung zur Therapeutin, begleitend dazu die Promotion. Below war auf dem besten Weg, Menschen helfen zu können und sich ihren Berufswunsch zu erfüllen. Nun, sagt sie, habe sie schlaflose Nächte, weil sie nicht mehr wisse, wie sie ihre Ausbildung noch schaffen solle. »Ich finde das gruselig, ich finde das unmöglich – ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll.«

Grund für Belows Sorge ist paradoxerweise eine Reform , die die Situation von angehenden Psychotherapeutinnen und -therapeuten eigentlich verbessern sollte: die Neuordnung des Psychologiestudiums.

Erst Approbation, dann Weiterbildung

Wer Psychotherapeutin oder Psychotherapeut werden wollte, musste bislang – wie Sarah Below – drei Stufen durchlaufen : ein dreijähriges Bachelorstudium in Psychologie, ein zweijähriges Masterstudium und eine mindestens dreijährige Ausbildung. Erst danach erfolgte die Approbation, also die staatliche Zulassung als Psychotherapeut. Das reformierte Studium soll künftig bereits unmittelbar nach dem Master zur Approbation führen; dafür müssen die Universitäten ihre Studiengänge umstellen, um der Approbationsordnung zu entsprechen.

Absolventinnen und Absolventen sind dann bereits nach fünf statt bisher frühestens acht Jahren staatlich als Therapeutin oder Therapeut zugelassen – müssen allerdings noch eine fünfjährige Weiterbildung anhängen, um eigenständig therapieren zu dürfen. Weil sie schon approbiert sind, steht ihnen während dieser Weiterbildung eine Vergütung von monatlich etwa 4000 Euro nach Tarifvertrag  zu – deutlich mehr als ihren Kolleginnen und Kollegen im alten Ausbildungsmodell. Deren Bezahlung war vor der Reform keiner gesetzlichen Regelung unterworfen und wurde erst mit ihr für Teile der Ausbildung auf mindestens 1000 Euro brutto monatlich festgesetzt .

Allein die Regelungen zur Entlohnung zeigen, dass die Reform der Psychotherapeutenausbildung notwendig war. Dennoch sorgt sie bei Studierenden für Unsicherheit und Unruhe – und zwar unabhängig davon, ob sie im alten oder im neuen System studieren.

Zwingend fertig bis 2035: »Ich habe noch einen Kinderwunsch«

Für Sarah Below gibt es vor allem ein Problem: Zeit. Wer wie sie vor dem 1. September 2020 mit dem Psychologiestudium im alten Bachelor begonnen hat, hat zwölf oder – im Härtefall – 15 Jahre Zeit, um die Ausbildung zu beenden . Das klingt nach viel, aber: Below hat zwei Söhne, sechs und zwei Jahre alt. Sie sagt: »Als Mutter von zwei Kindern kann ich ein Studium in Regelstudienzeit gar nicht leisten.«

Bis spätestens 2035 muss Below nun Bachelor, Master und Therapeutinnenausbildung beenden. Hält sie die Frist nicht, ist ihr Berufsziel vertan. »Ich habe noch einen Kinderwunsch«, sagt die 24-Jährige, »und finde es unmöglich, dass mir durch eine Reform diktiert werden soll, ob das möglich ist oder nicht.«

Ähnlich sieht das auch die Psychologie-Fachschaften-Konferenz, die Interessenvertretung der Psychologiestudierenden im deutschsprachigen Raum. »Die Frist von zwölf Jahren halten wir für absolut nicht ausreichend«, sagt Katharina Janzen, Mitglied des Konferenzrats. »In dem Moment, in dem man nur ein Semester länger braucht, im Ausland studiert, eine Familie gründet oder krank wird, haben viele Studierende bereits verloren. Die Reform sollte Verbesserung bringen, gebracht hat sie aktuell vor allem Probleme.«

Warum aber wechseln Below und andere Studierende nicht einfach ins neue Ausbildungssystem?

Nun, wer im neuen System studiert, studiert nach dem (reformierten) Psychologie-Bachelor den (neuen) Master Klinische Psychologie und Psychotherapie. Den können zwar theoretisch auch Studierende des alten Bachelors absolvieren, nur führt das dann nicht zur Approbation. Das Problem: Der alte Bachelor deckt nicht alle geforderten Inhalte der Approbationsordnung ab, Studierende müssten also in einigen Punkten nachqualifiziert werden. Ob und wann es diese Nachqualifizierung geben soll, ist noch unklar. An der Uni Hamburg heißt es, die inhaltliche Planung, wie genau für den neuen Master nachqualifiziert werden solle, stehe noch nicht fest, ebenso wenig wie die Finanzierung einer solchen Nachqualifizierung.

»Ein bisschen wie die Versuchskaninchen«

Sorgen um ihre Zukunft machen sich aber auch diejenigen, die gerade mit dem Studium begonnen haben. In diesem Wintersemester ist der reformierte Psychologie-Bachelor an 42 Universitäten in Deutschland gestartet, das zeigen Zahlen des Fakultätentags Psychologie, die im Dezember erhoben wurden. Die Universität Hamburg ist eine davon – und Maja Grzanka, 19, gehört zu den ersten Studierenden dort.

Doch Grzanka ist nicht ganz sicher, ob sie die richtige Wahl getroffen hat. »Meine Zweifel wuchsen schon während der Bewerbung, weil lange unklar war, welche Unis den Studiengang überhaupt anbieten würden«, sagt sie. Gerade fühlten ihre Kommilitonen und sie sich »ein bisschen wie die Versuchskaninchen, weil man nicht so richtig weiß, wie der Stand eigentlich ist«.

Nicht nur, dass Grzankas Studiengang gerade neu aufgesetzt wurde – auch wie er finanziert werden soll, ist offenbar noch nicht vollständig geklärt. Dazu kommt, dass der neue Master noch komplett konzipiert werden muss. Lars Schwabe, Dekan der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft, sagt, er könne für beide Studiengänge »noch kein grünes Licht geben«. Und das, obwohl die zuständige Hamburger Senatorin Katharina Fegebank (Grüne) ihre Zusage für die Finanzierung  bereits gegeben habe, wie Schwabe sagt: »Hinter der Finanzierung der zugesagten Mittel steht mittlerweile ein kleines Fragezeichen.«

Was Schwabe jedoch mit Sicherheit sagen kann: »Für diejenigen Studierenden, die im neuen Bachelor gestartet sind, gibt es bezogen auf den Bachelor kein Risiko, auch kein Restrisiko. Sie werden den Bachelor in jedem Fall gemäß dem Reformgesetz abschließen können.« Unsicherheit gibt es also vor allem für Studierende, die den Bachelor im kommenden Wintersemester beginnen wollen. Und für diejenigen, die – wie Grzanka – auf den Master warten.

Die Verhandlungen zwischen dem Präsidium der Uni Hamburg und der Senatsbehörde liefen noch, und er sei optimistisch, dass die Reform in Hamburg vollumfänglich umgesetzt werden könne, sagt Schwabe. Dennoch: »Wenn die Mittel nicht zur Verfügung gestellt werden, dann können wir den Master nicht einführen und müssten notfalls auch beim reformierten Bachelorstudiengang eine Rolle rückwärts machen.«

Diese Woche sprechen Hamburger Studierende mit der Senatorin

Aus dem Hamburger Senat heißt es, konfrontiert mit den Sorgen der Studierenden und Verantwortlichen: »Die Behörde ist derzeit in Gesprächen mit der Universität, dem Universitätsklinikum Eppendorf und den Studierenden. Gemeinsam mit der Universität soll zunächst erhoben werden, wo die Bedarfe sind und inwiefern eine Nachqualifizierung für betroffene Studierende organisiert werden kann. Wir sind aber weiter optimistisch, gemeinsam eine Lösung im Sinne der Studierenden zu finden.«

Am Mittwoch ist ein Gespräch zwischen Senatorin Fegebank und dem Fachschaftsrat Psychologie der Universität Hamburg geplant. Was sich die Studierenden von Fegebank erhoffen? »Ich würde mir vor allem wünschen, dass die Finanzierung der neuen Studiengänge und der Nachqualifizierung schnellstmöglich vom Tisch ist«, sagt Sarah Below, »damit wir uns wieder auf unser Ziel konzentrieren können: gute Therapeutinnen und Therapeuten zu werden.«