Vom Ingenieur zum Mathelehrer »Ich bekam Angst, all die Jahre verschwendet zu haben«

Weil er später viel Geld verdienen wollte, schrieb Lorenz sich für Wirtschaftsingenieurwesen ein. Nach fünf Jahren Uni war er ausgebrannt. Heute ist er Lehrer – und profitiert von seiner schlimmsten Phase.
Aufgezeichnet von Sebastian Maas
Am Scheideweg: Lorenz* musste erst eine schwere Krise durchleben, um seinen Traumberuf zu finden

Am Scheideweg: Lorenz* musste erst eine schwere Krise durchleben, um seinen Traumberuf zu finden

Foto: Privat

Lebensläufe müssen nicht geradlinig sein, Biografien haben Brüche – das macht sie so spannend. In der Serie »Und jetzt?« erzählen Menschen von Wendepunkten in ihrem Leben, von Momenten, in denen sie Entscheidungen getroffen und etwas Neues gemacht haben. Diesmal: Lorenz*, 27, entschied sich nach der Schule für ein Studium in Wirtschaftsingenieurwesen, stürzte währenddessen aber in eine schwere Krise. Heute arbeitet er als Lehrer – und ist glücklich.

»Meine Familie ist eine richtige Lehrerdynastie, fast alle sind Lehrer oder Hochschullehrer. Auch ich liebte es schon als Kind, vor Menschen zu stehen und ihnen etwas zu erklären – egal, ob das meine Klassenkameraden oder Großeltern waren. Trotzdem entschied ich mich gegen ein Lehramtsstudium. Direkt nach der Schule schon wieder an die Schule gehen? Ich wollte etwas anderes machen.

Und jetzt?

Alle bisherigen Folgen von »Und jetzt?« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie standen selbst schon mal an einem Wendepunkt und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Aus irgendeinem Grund war es mir in der Zeit rund ums Abitur sehr wichtig, später einmal viel Geld zu verdienen und einen sicheren Job zu haben. Ich besuchte Ausbildungsmessen und Probevorlesungen. Über den Beruf des Wirtschaftsingenieurs hörte ich viel Gutes, also schrieb ich mich ein. Ich war mir sicher, eine sehr vernünftige Entscheidung zu treffen.

»Ich fühlte mich fehl am Platz, Kleinigkeiten regten mich auf.«

Schon nach einem Semester merkte ich, dass irgendetwas nicht passte. Ich fühlte mich fehl am Platz, Kleinigkeiten regten mich auf. Einmal verrechnete sich die Dozentin mehrfach an der Tafel. Eigentlich kein riesiges Problem, doch ich war so angespannt, dass ich den Hörsaal verlassen musste. So etwas kannte ich nicht von mir.

Meine Mutter wollte helfen und organisierte mir eine Stelle als Mathe-Nachhilfe. Eine nette Geste, in dem Moment aber das Falsche für mich: Ich war 19 und für bis zu ein Dutzend Jugendlicher zuständig, die überhaupt kein Interesse hatten, etwas von mir zu lernen. Nach diesem Erlebnis war ich erst recht überzeugt, dass Lehramt nichts für mich ist.

Also blieb ich dicht an meinem ursprünglichen Kurs und studierte in einem ähnlichen, technischen Studiengang weiter – um keine Zeit zu verlieren. In Mathe und Physik hatte ich sogar Spaß. Nur die Jobaussichten begeisterten mich weniger. Durch Nebenjobs und Praktika versuchte ich herauszufinden, ob es überhaupt einen Beruf gab, der mich interessierte. Ich arbeitete in der Medizintechnik, als Tutor, in der zivilen Drohnenentwicklung, zuletzt als Werksstudent bei einem Automobil- und einem Triebwerkshersteller.

Das Gefühl, in der Sackgasse zu stecken

Über die Monate verschlechterte sich dort meine Stimmung. Ich hatte nette Kolleginnen und Kollegen, auch das Gehalt war für einen Studi-Job sehr gut. Aber ich fühlte mich fehl am Platz. Ich sah keinen Sinn in dem, was ich tat. Statt mit Menschen beschäftigte ich mich mit Motoren. Ich saß dort in meinem kleinen Büro vor dem Bildschirm – und konnte nicht mehr. Ich bekam Angst, all die Jahre verschwendet zu haben.

Das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken, ging nicht wieder weg. Der Weg zur Uni wurde zum unüberwindbaren Hindernis, ich kam nicht mal mehr aus dem Bett. Dazu kamen Panikattacken, Tinnitus und Schlafstörungen, schließlich sogar selbstverletzende Gedanken. Ich stand kurz vor der Masterarbeit. Und gleichzeitig vor dem Nichts.

Brauchen Sie Hilfe?

Befinden Sie sich in einer scheinbar ausweglosen Situation? Hier finden Sie Hilfe.

Quereinstieg ins Lehramt

In dieser Zeit erinnerte ich mich immer wieder daran, wie ich als kleines Kind den Lehrer gespielt hatte – und glücklich war. Ich wusste, dass man auch als Quereinsteiger Lehrer werden kann, das hatte ich früher mal gehört. Für diese lebensverändernde Entscheidung war ich allein zu diesem Zeitpunkt aber nicht stabil genug. Ich besuchte zuerst probatorische Sitzungen bei Therapeutinnen und fand schließlich eine Coachin. Sie half mir, zuerst mein Leben wieder zu stabilisieren, und dann einen Plan für die Zukunft aufzustellen.

Die Hoffnung, doch noch Lehrer werden zu können, half mir aus dem Tief – obwohl ich nicht mal sicher sein konnte, dass ich überhaupt genommen werde. Anfang 2020 schloss ich meinen Master ab und schickte die Zeugnisse sofort mit den Bewerbungsunterlagen an das zuständige Ministerium. Um meine Chancen zu erhöhen, begann ich, als Aushilfe an einem Gymnasium zu arbeiten.

»Die nächsten 15 Minuten liefen mir Tränen über das Gesicht.«

Nach drei Monaten kam die Antwort des Ministeriums. Ich weiß noch genau, wie es war: Ich öffnete die E-Mail und sah, dass meine Bewerbung erfolgreich war – die nächsten 15 Minuten liefen mir Tränen über das Gesicht. Ich würde Lehrer werden!

Noch einmal drei Monate später begann ich mit dem berufsbegleitenden Referendariat, an der Schule, an der ich zuvor als Aushilfe gearbeitet hatte. Als Quereinsteiger habe ich in meinem Bundesland mehr Lehrstunden als die normalen Referendare – trotz der Inhalte, die ich nachholen muss. Weil ich das zeitlich nicht schaffe, habe ich auf Teilzeit reduziert. Die Aufgabe ist herausfordernd, aber ich weiß, dass ich hier hingehöre.

Rückblick auf die Krise

Ich würde anderen wünschen, dass sie sich nicht so viele Sorgen um verschwendete Zeit oder um Geld machen. Und bei der Wahl ihres Karrierewegs nicht nur auf die Vernunft, sondern auf das Herz zu hören. Ich hatte lange Zeit Angst, nicht geradlinig genug zu sein. Dabei machen uns unsere Krisen und Fehler erst zu dem Menschen, der wir sind. Ohne sie hätte ich Erfahrungen nie gemacht, die mir heute helfen: Meine Erlebnisse machen es mir leichter, Schülerinnen und Schülern in Krisensituationen empathisch zur Seite zu stehen.

Natürlich gibt es wie in jedem Beruf Dinge, die nicht ideal sind: die fehlende Digitalisierung, Diskussionen mit einigen Eltern und die hohe Arbeitsbelastung durch die digitale Lehre während der Coronapandemie. Aber wenn ich vor den Kindern stehe, fühle ich mich erfüllt. Dann spüre ich, dass meine Entscheidung die richtige war.«

So kommt man ohne Lehramtsstudium an die Schule

Im Schuljahr 2019/2020 hatten bundesweit etwa 13 Prozent  der neu eingestellten Lehrkräfte zuvor kein Lehramtsstudium abgeschlossen. Gemeinhin wird zwischen zwei Modellen unterschieden:

  • Quereinstieg meint meist den Berufseinstieg mit regulärem Vorbereitungsdienst oder Referendariat. Davor muss man ein Hochschulstudium absolviert haben, aus dem sich zwei Unterrichtsfächer ableiten lassen.

  • Seiteneinstieg meint meist den Berufseinstieg ohne Vorbereitungsdienst. Auch hier ist in der Regel ein Hochschulstudium Voraussetzung.

Beim Quereinstieg überspringt man das erste Staatsexamen, arbeitet pädagogisch-didaktische Inhalte im Referendariat berufsbegleitend nach und legt dann das zweite Staatsexamen ab, um als reguläre Lehrkraft zu arbeiten. Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger unterrichten sofort voll an der Schule; pädagogische Inhalte holen sie ebenfalls berufsbegleitend nach. In manchen Fällen ist auch ein berufsbegleitendes Studium erforderlich. (DGB  / KMK , beides PDF-Dokumente)

Quer- und Seiteneinstiege sind an fast allen Schulformen möglich, in einigen Ländern  mit Ausnahme von Förderschulen. Grundsätzlich werden meist Menschen gesucht, die vergleichbare Master-, Diplom- oder Magister-Studiengänge abgeschlossen haben. Besonders an Berufsschulen befähigt gelegentlich auch eine erfolgreiche Meisterprüfung zum Seiteneinstieg, etwa in Nordrhein-Westfalen .

Je nach Bundesland sind die Bewerbungsverfahren, Anforderungen und berufsbegleitenden Ausbildungen sehr unterschiedlich geregelt . Eine Übersicht und Links zu den Info-Seiten der einzelnen Länder findet man auf dem Bildungsserver des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation .

In einer früheren Version dieses Textes stand, dass der Seiteneinstieg an Förderschulen grundsätzlich ausgeschlossen sei. Dies ist jedoch nur in einigen Bundesländern der Fall.

*Der Protagonist möchte anonym bleiben, sein Name ist der Redaktion bekannt.

Mehr lesen über