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Roman / Hass auf Einstein Relativ verrückt

Von Merlind Theile
aus UNI SPIEGEL 1/2006

Solange er vor Einstein Ruhe hat, wirkt Patrick halbwegs normal. Er studiert Jura, lebt in einem Wohnheim, kocht gern - und seine Angewohnheit, im Alter von 24 Jahren Schlafanzüge mit Tieraufdrucken zu tragen und sexuelle Kontakte noch immer völlig zu vermeiden, mutet allenfalls etwas sonderbar an. Relativ verhaltensauffällig reagiert Patrick aber, wenn er mit Albert Einstein konfrontiert wird: Als er im Zimmer seiner Nachbarin ein Poster des Physikers an der Wand erblickt, reißt er es ab, zerknüllt es - und verlässt kommentarlos den Raum.

Patrick hasst ihn, und dieser Hass hat einen Grund: Als Patrick zehn Jahre alt war, griff seine Mutter dem Vater auf einer Landstraße energisch ins Lenkrad, weil sie glaubte, ihr Idol Einstein habe mitten auf der Straße gestanden. Der Wagen prallte gegen einen Baum, der Vater starb, die Mutter landete in der Psychiatrie. 14 Jahre lang scheute Patrick jeden Kontakt zu ihr, und jede Erinnerung an den Schöpfer der Relativitätstheorie war ihm ein Gräuel - bis er zufällig Barbara kennenlernt, die seine Mutter betreut. Nun muss Patrick entscheiden, ob er sich mit den Geistern seiner Vergangenheit versöhnen will.

Die Germanistikstudentin Que Du Luu, die mit ihren Eltern als Kleinkind aus Vietnam nach Deutschland kam, erzählt in ihrem Debütroman von Außenseitern, vom Anderssein, von der Einsamkeit und ihrer Überwindung. Lakonisch und doch einfühlsam beschreibt sie sowohl die widersprüchlichen Gefühle ihres Helden als auch den Alltag in der Psychiatrie, in der sie selbst ein Jahr lang als Nachtwache gearbeitet hat. »Totalschaden« ist eine lesenswerte Geschichte über die Relativität des Verrücktseins - skurril, tragikomisch und packend bis zum Schluss.

Que Du Luu: Totalschaden. Reclam Verlag Leipzig; 238 Seiten, 14,90 Euro.

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