»Pink Pasta«: Ein vollkommen unpolitischer Augen- und Gaumenschmaus

»Pink Pasta«: Ein vollkommen unpolitischer Augen- und Gaumenschmaus

Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGEL

Kochen ohne Kohle Ganz private »Pink Pasta« – für 1,20 Euro pro Portion

Angesichts der aktuellen Weltlage möchte ich mich am liebsten verkriechen. Da aber selbst Essen politisch ist, gibt es heute Nudeln in rot-grün-gelber Soße – die ist wenigstens hübsch anzusehen.
Eine Kolumne von Sebastian Maas

Ein leckeres und hübsches Essen kochen, ein paar Fotos davon knipsen und ins Internet posten: Das Leben kann so schön sein. Wenn man den drohenden Klimakollaps und all die anderen Krisen dieser Zeit verdrängt.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts, im Biedermeier, versuchten die Menschen, die Probleme der Welt auszublenden und sich stattdessen ins Private zurückzuziehen. Anlass war damals ein indonesischer Vulkan namens Tambora . Nachdem der 1815 ausgebrochen war, gab es durch die Asche in der Atmosphäre in Europa und Nordamerika ein »Jahr ohne Sommer«. In der folgenden Hungersnot blieb man gezwungenermaßen zu Hause. Noch Jahrzehnte nach der Krise bevorzugten die Menschen die gefühlte Sicherheit der eigenen vier Wände.

Heute kann man den Effekt wieder beobachten: Hier ein bisschen Schrebergärtnern , dort eine neue Designercouch  – der neuer Biedermeier nennt sich »Cocooning«, Bau- und Möbelmärkte freuen sich.

»Kochen ohne Kohle«

Bafög oder Azubi-Gehalt sind schon wieder fast aufgebraucht? Der Obstkorb beim unbezahlten Agenturpraktikum war geräubert? Und bitte nicht schon wieder Pizzatoast? Alles kein Problem: In dieser Kolumne zeigt SPIEGEL-Redakteur und Hobbykoch Sebastian Maas, wie man trotz Flaute auf dem Konto leckere und besondere Gerichte zaubern kann. Dabei gibt es nur zwei Regeln:

  • Eine Portion darf maximal so viel kosten wie ein Essen in der Mensa, also drei Euro.

  • Teure Spezialgeräte sind tabu.

Alle Rezepte

Anders als in der Biedermeierzeit schlägt mir aber keine singuläre Naturkatastrophe aufs Gemüt. Sondern das Gefühl der Unfähigkeit von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, irgendein Problem unserer kapitalistisch-globalisierten Welt zu lösen. Pandemie, Krieg, Klimakatastrophe: Am liebsten würde man davonrennen. Oder eben im Kokon überwintern, bis das alles vorbei ist.

Wieso die Resignation, mögen Sie sich jetzt fragen, alle können doch etwas tun. Sogar auf SPIEGEL.de war erst vor Kurzem ein Text mit folgender Zeile überschrieben: »Der Kampf fürs Klima wird nicht nur in Lützerath entschieden, sondern auch auf unseren Tellern.« Darin geht es um ein Altenheim, das einen fleischfreien Tag einführt. Eine tolle Geste, aber dazu mal ein kleines Beispiel: Dadurch, dass ich zwischen 2010 und 2020 kein Fleisch gegessen habe, konnte ich insgesamt etwa 4,5 Tonnen CO₂ einsparen (wie ich auf die Zahlen komme.) Allein mit der Kohle aus Lützerath sollen jedoch 280 Millionen Tonnen CO₂ erzeugt werden. Um das »einzusparen«, müsste ganz Deutschland 7,5 Jahre auf Fleisch verzichten – jeden Tag, nicht einmal die Woche.

Man kann so viel Verantwortung auf die Privatperson schieben, wie man möchte – am Ende liegt es nicht am Einzelnen, das Klima zu retten. Im Jahr 2017 errechneten Wissenschaftler:innen, dass 71 Prozent aller seit 1988 ausgestoßenen Klimagase von 100 Konzernen  stammen. So viel Mühe ich mir auch gebe: Dagegen kann ich allein nicht ankochen.

Weil ich es doch versuchen muss, wenn ich meinen Job als Rezepteschreiber behalten möchte, gibt es heute eine frustrierte Pasta mit roten, grünen und gelben Komponenten – am Ende landet alles in derselben Soße (man mag das als politischen Kommentar verstehen). Heraus kommt immerhin eine leckere, pinke Augenweide, die man für den anstehenden Rückzug ins Private herrlich in Szene setzen kann. Die Zitrone in der Soße frischt die erdige Note der Roten Bete auf – damit es nicht schmeckt, als habe man den Kopf in den Sand gesteckt.

Das benötigt man für vier Portionen »Pink Pasta«

Man kann selbstverständlich auch rohe Bete benutzen, mit der vorgekochten spart man allerdings viel Zeit. Rohe Bete am besten reiben, um die Kochzeit zu verringern.

Man kann selbstverständlich auch rohe Bete benutzen, mit der vorgekochten spart man allerdings viel Zeit. Rohe Bete am besten reiben, um die Kochzeit zu verringern.

Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGEL
  • 500 g Pasta, bevorzugt Rigatoni

  • 200 g Weichkäse, z.B. Feta, oder als vegane Alternative 150 g eingeweichte Cashewkerne

  • 350 g vorgekochte Rote Bete

  • 1 Bio-Zitrone, Saft und Zeste

  • 30 g gehackte Walnusskerne

  • 1 kleine Zwiebel

  • 2 Zehen Knoblauch

  • Etwas Petersilie oder Dill – wenn man darauf steht

  • Öl, Salz

Was kostet das? Etwa 1,25 Euro pro Portion für die verbrauchten Zutaten.
Wie lange dauert das? Etwa 25 bis 30 Minuten.

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Sebastian Maas

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Preisabfragezeitpunkt

04.02.2023 15.39 Uhr

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So einfach macht man »Pink Pasta«

Die Zwiebel und den Knoblauch schälen und grob hacken – nachher wird alles püriert, also ist keine Feinarbeit nötig. Beides in etwas Öl in einem Topf anschwitzen, aber nicht bräunen. Die Rote Bete aus der Packung nehmen, dabei das rote Wasser auffangen. Die Bete ebenfalls grob hacken und nach ein paar Minuten mit der Flüssigkeit in den Topf geben. Alles zusammen für etwa zehn Minuten köcheln lassen. Gegebenenfalls etwas Wasser zugeben, damit nichts anbrennt.

Nach zehn Minuten etwa 80 Prozent des Weichkäses mit der Hand in den Topf bröseln. Die Zeste, also die fein abgeriebene Schale, der halben Zitrone dazugeben. Alles zusammen mit einem Pürierstab zu einer cremigen Soße verrühren. Diese auf niedriger Flamme abgedeckt etwas weiter köcheln lassen. Optional: Die Nusskerne für drei bis vier Minuten in einer Pfanne ohne Fett anrösten, dabei gut schwenken. Wer dafür keine Zeit hat, isst sie ungeröstet.

Die Nudeln nach Packungsanleitung in Salzwasser fast fertig kochen. Beim Abgießen etwas Nudelwasser auffangen. Die pinke Soße mit dem Saft der Zitrone abschmecken und für eine geschmeidigere Konsistenz etwas Nudelwasser zugeben. Dann die Nudeln in die Soße geben, kräftig durchrühren und noch eine Minute ziehen lassen.

Einfach zu hübsch, um damit nicht im Internet anzugeben

Einfach zu hübsch, um damit nicht im Internet anzugeben

Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGEL

Mit dem restlichen Käse, ein paar Kräutern und den Nusskernen (geröstet oder ungeröstet) garnieren und reinhauen. Ach ja, und natürlich ein Foto machen und posten!

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