Gendermedizin Warum Ärztinnen und Ärzte dieses Fach brauchen

In Bielefeld entsteht ein neuer geschlechtersensibler Medizinstudiengang. Sabine Oertelt-Prigione übernimmt die zugehörige Professur. Hier sagt sie, warum das Studium neu gedacht werden muss.
Sabine Oertelt-Prigione wird künftig in Nijmegen und Bielefeld lehren und forschen

Sabine Oertelt-Prigione wird künftig in Nijmegen und Bielefeld lehren und forschen

Foto: Universität Bielefeld

SPIEGEL: Frau Oertelt-Prigione, ab dem kommenden Wintersemester wird es an der Universität Bielefeld die bundesweit erste Professur mit der Bezeichnung »Geschlechtersensible Medizin« geben. Sie werden die Stelle übernehmen. Bisher ist das Medizinstudium in Deutschland ohne solche Professuren ausgekommen. Warum braucht es das jetzt?

Oertelt-Prigione: Wir hätten es auch vorher schon gebraucht. Aber in den vergangenen Jahren ist sicherlich das Bewusstsein für die Bedeutsamkeit von Geschlecht – sei es Sex oder Gender – als Variable für Gesundheitsverhalten gewachsen. Nicht zuletzt jetzt, während der Coronapandemie: Gerade am Anfang wurde viel darüber diskutiert, dass Männer häufiger schwer an Covid-19 erkranken als Frauen. Zum ersten Mal musste ich Menschen also nicht davon überzeugen, dass Geschlechterunterschiede bei der Entstehung und dem Verlauf von Krankheiten eine Rolle spielen können.

SPIEGEL: Und diese geschlechterspezifischen Unterschiede werden im Medizinstudium bisher noch nicht ausreichend gelehrt?

Oertelt-Prigione: Geschlechtersensible Medizin ist an den allermeisten Unis in Deutschland keine Pflichtlehre und wird deshalb nicht systematisch eingebunden. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten gesehen, dass es an einzelnen Kolleginnen und Kollegen hing, ob sie das Thema wichtig fanden und in ihre Vorlesungen integrierten. Oft ist das auch eine Zeitfrage: Im Medizinstudium muss viel Wissen in einem kurzen Zeitraum vermittelt werden. Es gibt nur vereinzelte Beispiele, bei denen der Unterschied zwischen Mann und Frau standardmäßig mit gelehrt wird, etwa beim Herzinfarkt.

SPIEGEL: Was sind weitere Beispiele für geschlechterspezifische Unterschiede? Was ist relevant, wird aber nicht gelehrt?

Oertelt-Prigione: Wir können in fast jeder Disziplin Unterschiede besprechen – sei es bei der Schmerzforschung, Morbus Parkinson oder Morbus Alzheimer, beim Reizdarmsyndrom, bei Tumoren, Asthma oder der Infektiologie. Die Frage ist auch, ob wir nur die biologischen Unterschiede beschreiben oder sogar auf Gender-Aspekte eingehen wollen. Psychosoziale Belastungen etwa können einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben.

Geschlechtersensible Medizin

Geschlechtersensible Medizin, auch Gendermedizin genannt, beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern Frauen und Männer unterschiedlich krank werden und entsprechend unterschiedlich behandelt werden müssen. Dabei geht es sowohl um biologische Unterschiede (Englisch: sex) als auch um Unterschiede, die sich aus dem sozialen Geschlecht, aus Rollen und gelernten Verhaltensweisen, ergeben (Englisch: gender).

An der Berliner Charité ist geschlechtersensible Medizin bereits fester Bestandteil des Medizinstudiums , an anderen Unis oft nur Wahlfach. An der Universität Bielefeld entsteht jetzt die erste Professur mit der Denomination – also der Bezeichnung und dem Arbeitsbereich – »geschlechtersensible Medizin«.

SPIEGEL: Warum ist es wichtig, dass Mediziner:innen Geschlechterunterschiede schon in ihrer Ausbildung lernen?

Oertelt-Prigione: Weil es sonst zu spät ist. Im Studium geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln. Es geht auch darum, eine gewisse Haltung anderen Menschen gegenüber und eine Sensibilität bestimmten Themen gegenüber zu befördern. Die Studierenden sollten eben nicht nur lernen, dass es beim Herzinfarkt unterschiedliche Symptome geben kann. Sie sollten aus dem Studium gehen und jeden Menschen als Individuum sehen. Das Geschlecht ist da ein ganz wichtiger Aspekt, wir müssen aber auch noch viele andere Diversitätskategorien mit bedenken. Wir gehen zum Beispiel bei Covid-19 immer davon aus, dass mehr Männer sterben als Frauen – neue Daten aus den USA zeigen aber, dass das Mortalitätsrisiko bei schwarzen Frauen fast dreimal so hoch ist wie bei weißen Männern.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das in Bielefeld umsetzen?

Oertelt-Prigione: Wir brauchen zwei Zugänge. Es wird fachspezifische Veranstaltungen geben, in denen ich über geschlechtersensible Medizin spreche. Aber wir brauchen auch viel Zusammenarbeit mit den Fachvertreter:innen. Wenn eine Kollegin beispielsweise eine Vorlesung zum Nierenkarzinom hält, sollte sie die geschlechtersensiblen Aspekte mit einbauen. Dazu wünsche ich mir eine innovative Komponente: In den Niederlanden habe ich sehr gute Erfahrungen damit gemacht, Studierenden ein Problem zu geben und sie in Kleingruppen an Lösungen arbeiten zu lassen. Ich möchte das Studium interaktiv gestalten und nicht nur Vorlesungen halten, bei denen die Hälfte der Studierenden einschläft.

SPIEGEL: Werden nur Cisfrauen und -männer eine Rolle spielen, oder auch Transgender oder nicht binäre Menschen?

Oertelt-Prigione: Ich denke, für viele Kolleg:innen ist es erst einmal eine Herausforderung, die Lehre so aufzubauen, dass Cismenschen miteinander verglichen werden. In meinen Vorlesungen kann ich trans* Menschen mit beschreiben oder aufzeigen, dass es eine Bandbreite gibt – aber das kann ich nicht von allen verlangen. Die Frage ist ja auch: Welche der Dimensionen von Gender sind für Mediziner:innen überhaupt wichtig? Immerhin nehmen wir hier ein Konzept, das eigentlich sozialwissenschaftlich geprägt ist, und versuchen, es in der Medizin umzusetzen.

Eine ganz neue Medizinfakultät

SPIEGEL: Die Medizinische Fakultät OWL an der Uni Bielefeld wird gerade erst aufgebaut , im Wintersemester startet ein Modellstudiengang mit etwa 60 Studienplätzen. Ist es nur deshalb überhaupt möglich, geschlechtersensible Medizin fest im Curriculum zu verankern?

Oertelt-Prigione: Es gibt sicherlich mehr Möglichkeiten als in den etablierten Studiengängen. Die Momente, in denen geschlechtersensible Medizin bislang in Curricula verankert wurde, waren entweder solche Neuentwicklungsmomente oder Review-Prozesse wie etwa 2010 an der Charité. Dass man in eine neue medizinische Fakultät von vornherein und als eine der ersten berufenen Professuren die geschlechtersensible Medizin aufnimmt, ist ein Signal – nach innen und nach außen. Davon auszugehen, dass wir in Bielefeld einen zu 100 Prozent geschlechtersensiblen Studiengang hinbekommen, wäre aber naiv. Es werden bestimmt auch Kolleg:innen berufen, die denken, dass das unnötig ist.

SPIEGEL: Damit Sie Ihre Aufgabe erfüllen können, brauchen Sie aber eine kritische Masse von Kolleg:innen, die Ihre Botschaft mittragen. Wie wollen Sie die bekommen?

Oertelt-Prigione: Ich kann sehr überzeugend sein (lacht). Außerdem versuche ich, es den Kolleg:innen leicht zu machen. Bei der Entwicklung des Curriculums an der Charité haben wir zum Beispiel eine Datenbank mit geschlechtersensibler Literatur aufgebaut. So etwas Ähnliches schwebt mir jetzt auch vor. So gebe ich den Kolleg:innen gleich Material für ihre Vorlesungen mit an die Hand.

SPIEGEL: Ist ein neuer Modellstudiengang in Bielefeld überhaupt der richtige Ausgangspunkt, um das Medizinstudium zu revolutionieren?

Oertelt-Prigione: Ich glaube immer an »the power of the underdog«. Außerdem hat die Universität eine lange Tradition, wenn es um geschlechterspezifische Forschung geht, etwa in der Soziologie oder in den Gesundheitswissenschaften.

SPIEGEL: Sie selbst forschen am Einfluss des Geschlechts auf das Immunsystem. Gerade jetzt ist das besonders von Bedeutung. Wären wir in der Coronabekämpfung schon weiter, wenn Gendermediziner:innen von Anfang an mitgeredet hätten?

Oertelt-Prigione: Wir wüssten sicherlich mehr über die Nebenwirkungen von Impfstoffen. Und damit meine ich gar nicht die sehr raren Nebenwirkungen wie Thrombosen. Zurzeit gibt es vermehrt Meldungen, dass sich nach einer Impfung die Menstruation nach hinten verschiebt, ausbleibt oder früher auftritt. Das ist erst einmal nichts Besorgniserregendes. Aber hätte man es frühzeitig gewusst, hätte man vor den Impfungen darauf hinweisen können. Das kommt jetzt erst langsam zum Vorschein, weil niemand daran gedacht hat, es zu untersuchen.