Berufseinstieg als Schauspieler "Ich bin sehr dankbar, wenn ich mal Arbeit habe"

Ole ist Schauspieler, doch leben kann er davon nicht – erst recht nicht seit Corona. Um genug Geld zu haben, arbeitet er nebenbei als Model, steht an der Bar, liefert Essen aus. Trotzdem will er weiterspielen.
Aufgezeichnet von Wiebke Bolle
Der Arbeitsalltag als Schauspieler ist oft nicht so glamourös, wie es sich viele vorstellen (Symbolbild)

Der Arbeitsalltag als Schauspieler ist oft nicht so glamourös, wie es sich viele vorstellen (Symbolbild)

Foto: Jerome Paressant / plainpicture

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Schauspieler Ole*, 22, ist seine Passion wichtiger als ein geregeltes Einkommen.

"Als ich auf der Schauspielschule war, sagte mein Opa mal zu mir, ich hätte mir einen einzigartigen Beruf ausgesucht, aber auch einen sehr schwierigen. In meinem ersten Jahr im Job habe ich verstanden, was er damit meint. Mit dem Theaterspielen verdiene ich nur einen Bruchteil meines Lebensunterhalts, nebenbei modele ich, kellnere, liefere Essen aus. Solche Nebenjobs bringen mich durch das Jahr – auf der Bühne zu stehen, erfüllt mich.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Seit Oktober 2019 arbeite ich selbstständig als Schauspieler. Das ist, was ich immer machen wollte. Schon in meiner Schulzeit war ich in der Theatergruppe, führte Sketche oder Musicals auf. Direkt nach dem Abitur absolvierte ich dann eine dreijährige Ausbildung an einer privaten Schauspielschule, auch da jobbte ich nebenher, um das zu finanzieren.

Während der Ausbildung lernte ich, Atmung und Stimme richtig einzusetzen, meinen Körper wie ein Instrument zu benutzen. Wir trainierten, wie man bis in die letzte Reihe hörbar wird, wie man schreit, ohne heiser zu werden. Wir übten, Wut oder Freude über Bewegungen auszudrücken, das kann je nach Rolle und Schauspieler ganz unterschiedlich aussehen. Bei der Schauspielerei geht es gar nicht so sehr um Talent, viel ist Handwerk.

Leerlauf und Niederlagen ertragen

Die Schauspielschule spiegelt aber nicht ganz die Realität wider, dort hat man immer zu tun, kann kreativ sein und viele Rollen verkörpern. Im Arbeitsalltag habe ich dagegen oft Leerlauf. Wenn ich gerade nicht gebucht bin, nehme ich an Online-Castings teil, pflege Kontakte in die Branche und bange um neue Engagements.

Durch die Coronakrise ist es noch schwieriger geworden, an Aufträge zu kommen, die Branche stand ja eine Zeit lang komplett still. In den vergangenen zwölf Monaten wurde ich für zwei Theaterstücke gebucht. Das erste haben wir als Tourneetheater in ganz Deutschland aufgeführt, ich hatte aber nur eine kleine Rolle und die Bezahlung war mies: Pro Vorstellung bekam ich 135 Euro brutto. Ich habe es trotzdem gemacht, um Arbeitserfahrung zu sammeln. Beim zweiten Stück lief es besser für mich, ich spielte eine der beiden Hauptrollen und verdiente 2100 Euro brutto im Monat.

Ich bin sehr dankbar, wenn ich mal Arbeit habe, genieße die Premiere und bin froh, auftreten zu können. Solche Momente gibt es in meinem Job gar nicht so oft, das habe ich mir anders vorgestellt.

"Wer Schauspieler wird, um berühmt zu werden, der hat den Job verfehlt"

Schauspieler Ole

Ich musste lernen, mit Absagen und Niederlagen umzugehen. Eine Tischlerin verkauft einen Tisch, wenn jemand ihr Produkt nicht möchte, nimmt sie sich das vielleicht zu Herzen, aber ihre Persönlichkeit ist nicht unmittelbar betroffen. Als Schauspieler bin ich das Produkt, ich verkaufe mich selbst, mit meinen Emotionen und Interpretationen. Wenn mich jemand nicht für ein Stück besetzt, fällt es manchmal schwer, nicht an mir zu zweifeln. Mit dieser ständigen Ablehnung klarzukommen, ist eine der größten Herausforderungen in meinem Beruf. Immer wieder frage ich mich, ob ich gut genug bin. Dagegen muss ich ankämpfen, mich daran erinnern, dass es vielleicht gar nicht an mir liegt. Womöglich wird für die Rolle einfach ein anderer Typ gesucht. 

Wer Schauspieler wird, um berühmt zu werden, der hat den Job verfehlt. Nur wer die Kunst liebt, in verschiedene Charaktere schlüpfen, sich dabei selbst besser kennenlernen und über die eigenen Grenzen gehen will, kann Niederlagen wegstecken und Durststrecken bewältigen.

Lange Probetage, wenig Planbarkeit

Fremde und Bekannte fragen mich oft, wie ich den ganzen Text behalte. Ehrlich gesagt ist der Text das kleinste Problem. Wenn die Proben losgehen, wird von mir erwartet, dass er sitzt. Fürs Textlernen gibt es auch kein Geld, die eigentliche Arbeit beginnt erst danach. Gemeinsam mit der Regisseurin und den anderen Schauspielerinnen und Schauspielern erarbeite ich Szene für Szene – das kann Wochen dauern. Probentage sind lang und hart, ich muss körperlich fit bleiben, meine Stimme muss durchhalten. Wegen eines flauen Magens oder wegen Kopfschmerzen zu Hause zu bleiben, ist nicht drin. Schließlich bin ich Teil eines ganzen Ensembles.

"Ich kann nicht planen, aber das kann man die Zukunft doch eh nicht"

Schauspieler Ole

Die Abwechslung in meinem Beruf ist Fluch und Segen zugleich: Ich langweile mich schnell, Routinen mögen einigen Sicherheit geben, bei mir lösen sie Beklemmung aus. Als Schauspieler arbeite ich oft an anderen Orten, reise viel, lerne neue Menschen kennen, kein Tag ist wie der andere. Ich kann nicht planen, aber das kann man die Zukunft doch eh nicht, denke ich mir.

So sehr ich dieses Leben mag, so schwer fällt es mir, die damit einhergehende Ungewissheit zu ertragen. Jetzt bin ich jung, ich kann morgen früh in den Zug steigen und ein paar Tage in einer anderen Stadt arbeiten, wenn ich spontan gebucht werde, ich habe keine Kinder, muss nur mein WG-Zimmer bezahlen. Doch wie sieht es in 20 Jahren aus?

Ich habe gehört, dass sich selbst bekannte Schauspielerinnen wie Jennifer Lawrence ein Zeitlimit für ihre Passion gesetzt haben. In Zeiten, in denen ich keine Arbeit habe, denke ich manchmal darüber nach, mir selbst auch ein solches Limit zu geben. Vielleicht sollte ich es mit der Schauspielerei drei Jahre lang probieren, denke ich dann, und hatte ich bis dahin wenige Engagements, studiere ich noch mal – zum Beispiel Medien- und Kommunikationsdesign. Schauspielen bedeutet mir viel, aber wenn ich nicht davon leben kann, muss ich wohl oder übel den Beruf wechseln.

Wie wird man Schauspieler?

Wer Schauspielerin oder Schauspieler werden will, kann sich an einer Schauspielschule bewerben, davon gibt es in Deutschland staatliche und private. An staatlichen Schulen müssen die Schülerinnen und Schüler kein Schulgeld zahlen, die Ausbildung an privaten Schulen dagegen kostet. Der Deutsche Bühnenverein  listet verschiedene Schulen auf, darunter:

  • Die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch  in Berlin, hier kann man neben Schauspiel auch Regie, Dramaturgie, Puppenspielkunst, Spiel und Objekt, Choreografie oder Bühnentanz studieren.

  • Die Folkwang-Hochschule  hat mehrere Campusse im Ruhrgebiet und bietet im Bereich Theater die Studiengänge Schauspiel, Gesang, Musical, Physical Theatre und Regie an.

  • An der Hochschule für Musik und Theater  in Hamburg gibt es unter anderem Schauspiel-, Regie- und Dramaturgiekurse.

  • Und auch die Theaterakademie August Everding  in München bietet Studiengänge in Schauspiel, Musiktheater/Operngesang, Musical, Regie, Dramaturgie, Bühnenbild und -kostüm, Maskenbild sowie Kulturkritik an.

In der Regel wird nur ein Bruchteil der Bewerberinnen und Bewerber aufgenommen, es gibt also strenge Auswahlkriterien. Meist müssen die Bewerber eine mehrtägige Aufnahmeprüfung bestehen, bei der sie zum Beispiel selbst gewählte Rollen, einen Prosatext oder ein Lied vortragen. Auf der jeweiligen Website der Schauspielschule kann man sich über die Prüfung informieren, manche geben auch Tipps zur Vorbereitung.

Trotz allem würde ich nie bereuen, eine Schauspielausbildung gemacht zu haben. Wir wurde an der Schule nicht nur in Schauspielmethoden sowie in Sprache, Tanz und Gesang ausgebildet, sondern haben auch gelernt, wie man sich selbst vermarktet und vor Publikum präsentiert. Das ist auch in anderen Lebensbereichen wichtig, nicht ohne Grund coachen Schauspielerinnen oft Führungspersonen oder Menschen, die öffentlich Vorträge halten. Die Schauspielerei ist eine Schule fürs Leben."

* Der Protagonist möchte anonym bleiben, sein Name ist der Redaktion bekannt.

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