Berufseinstieg als Schauspielerin »Manchmal fühle ich mich noch wie eine Hochstaplerin«

Der Star in einem Kinofilm sein: Davon träumen viele Menschen, Marlene Burow hat es geschafft. Hier erzählt sie, wie glamourös die Arbeit am Set wirklich ist – und warum sie noch immer Selbstzweifel plagen.
Aufgezeichnet von Helene Flachsenberg
Marlene Burow im Film »In einem Land, das es nicht mehr gibt«

Marlene Burow im Film »In einem Land, das es nicht mehr gibt«

Foto: Peter Hartwig / Ziegler Film / Tobis

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Marlene Burow, 22, ist Schauspielerin. Sie ist derzeit als DDR-Model in »In einem Land, das es nicht mehr gibt« im Kino zu sehen.

»Ich habe immer gerne geschauspielert. Als Kind habe ich mit Freundinnen und Freunden kleine Theaterstücke inszeniert, Kurzfilme gedreht. Damals wusste ich aber gar nicht, dass das geht – vom Spielen leben. Mit 15 habe ich dann bei einem öffentlichen Casting teilgenommen. Obwohl aus der Rolle nichts wurde, lernte ich dabei, wie die Dinge funktionieren: dass man zu Castings geht, dass man einen Agenten oder eine Agentin braucht.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Nach dieser Erfahrung dachte ich mir: Ich möchte zumindest einmal vor der Kamera stehen. Und wenn es dann nichts wird, ist es auch okay. Also fing ich an, mich bei Schauspielagenturen zu bewerben. Ich schickte schriftliche Bewerbungen mit Fotos, Filme zum Vorzeigen hatte ich ja nicht. Schließlich lud mich eine Agentur zu einem lockeren Vorsprechen ein. Ich hatte Glück, ich wurde aufgenommen.

Ich bin in Berlin aufgewachsen, wo viele Agenturen und Filmproduktionsfirmen sitzen, das war sicher ein Vorteil. Während ich noch zur Schule ging, konnte ich so parallel meine Schauspielkarriere starten. Trotzdem war es zu Beginn nicht einfach. Ich hatte nicht als Kind vor der Kamera gestanden, nicht Schauspiel studiert. Also habe ich mich ein Jahr lang von Casting zu Casting gekämpft. Irgendwann habe ich meine Agentin angerufen und gesagt: Ich weiß gar nicht, warum ich das mache, es ist so mühsam. Sie hat mir Mut zugesprochen und gesagt, dass man eben einen langen Atem braucht – bis dann das eine Ding funktioniert.

Einstieg als Schauspielerin

Genau so kam es dann. Kurz darauf wurde ich für einen ARD-Dreiteiler gecastet, als Teenie-Mutter, die auf der Suche nach ihrem Baby ist. Ich hatte über meine Agentur einen Schauspielkurs besucht und dort Grundlagen gelernt, auch meine Coachin half mir. Dennoch fühlten sich meine ersten Drehtage wie ein Sprung ins kalte Wasser an. Wenn ich mir diesen Film heute angucke, sehe ich mir selbst an, wie aufgeregt ich war.

»Kurz nach meinem Abitur kam die Anfrage für meinen ersten großen Kinofilm.«

Trotzdem war für mich anschließend klar: Ich will das weitermachen. Eigentlich habe ich nur noch gewartet, bis die Schule vorbei ist. Kurz nach meinem Abitur 2019 kam dann auch die Anfrage für meinen ersten großen Kinofilm. Ich bekam die Hauptrolle in ›In einem Land, das es nicht mehr gibt‹ angeboten, einem Film über die Modewelt in der DDR. 2020 sollte gedreht werden. Doch dann kam die Pandemie – und der Dreh lag auf Eis.

Mich hat das sehr getroffen. Das erste Mal hatte ich ein richtiges Herzensprojekt. Ich hatte nichts geplant für den Sommer, wollte mich ganz auf den Film konzentrieren. Letztlich war es aber vielleicht sogar ganz gut: Ich habe stattdessen kleinere Sachen gedreht, für Serien zum Beispiel, konnte mich ausprobieren und ein besseres Gefühl vor der Kamera bekommen.

Wie wird man Schauspieler?

Wer Schauspieler:in werden will, kann sich an einer Schauspielschule bewerben, davon gibt es in Deutschland staatliche und private. An staatlichen Schulen müssen die Schüler:innen kein Schulgeld zahlen, die Ausbildung an privaten Schulen dagegen kostet. Der Deutsche Bühnenverein  listet verschiedene Schulen auf, darunter:

  • Die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch  in Berlin, hier kann man neben Schauspiel auch Regie, Dramaturgie, Puppenspielkunst, Spiel und Objekt, Choreografie oder Bühnentanz studieren.

  • Die Folkwang-Hochschule  hat mehrere Campusse im Ruhrgebiet und bietet im Bereich Theater die Studiengänge Schauspiel, Gesang, Musical, Physical Theatre und Regie an.

  • An der Hochschule für Musik und Theater  in Hamburg gibt es unter anderem Schauspiel-, Regie- und Dramaturgiekurse.

  • Und auch die Theaterakademie August Everding  in München bietet Studiengänge in Schauspiel, Musiktheater/Operngesang, Musical, Regie, Dramaturgie, Bühnenbild und -kostüm, Maskenbild sowie Kulturkritik an.

In der Regel wird nur ein Bruchteil der Bewerber:innen aufgenommen, es gibt also strenge Auswahlkriterien. Meist müssen die Bewerber eine mehrtägige Aufnahmeprüfung bestehen, bei der sie zum Beispiel selbst gewählte Rollen, einen Prosatext oder ein Lied vortragen. Auf der jeweiligen Website der Schauspielschule kann man sich über die Prüfung informieren, manche geben auch Tipps zur Vorbereitung.

2021 holten wir den Dreh nach. Schon die Vorbereitungszeit war sehr intensiv. Ich habe viel mit der Regisseurin gesprochen, wie sie sich die Rolle vorstellt, und das Drehbuch immer wieder durchgearbeitet. Ich habe mich auch mit der Historie beschäftigt; Gespräche mit Zeitzeugen geführt, Bildbände oder Dokus angeschaut.

Zur Vorbereitung gehören auch Proben, im besten Fall kommt einmal das ganze Ensemble zu einer großen Drehbuchlesung zusammen. Wichtig sind auch Kostüm und Masken, die bei mehreren Anproben gestaltet werden.

Alltag am Set

Der Dreh an sich dauerte 35 Tage, von denen ich auch an allen im Einsatz war – von Abfahrt bis Feierabend meist zwölf Stunden täglich. Morgens geht es früh los, Maske, Haare, Kostüm. Ein kurzes Frühstück, dann ans Set, proben und schließlich drehen. Eine Stunde Pause und dann weiter drehen bis abends. Die Wochenenden hat man immerhin frei.

»Mich hat überrascht, wie intensiv das Drehen ist, vor allem mental. Schauspielern ist richtige emotionale Arbeit.«

Mich hat überrascht, wie intensiv das Drehen ist, vor allem mental. Man muss in die Rolle hineinfinden und sie nach dem Dreh zurücklassen, wieder zu sich finden. Schauspielern ist emotionale Arbeit. Man ist außerdem ständig mit Leuten zusammen. Das schweißt zusammen. Am Ende waren wir bei dem Film wie eine kleine Familie.

Während meiner ersten Jobs kam mir immer wieder der Gedanke, noch einmal Schauspiel zu studieren. Schauspielerei ist eben ein echtes Handwerk. Deshalb habe ich mich an Schauspielschulen beworben und in Leipzig an der Hochschule für Musik und Theater einen Platz bekommen. Seit Oktober studiere ich dort.

Auch an der Schule sind die Tage lang, im Schnitt bin ich immer von 9 bis 18 Uhr da. Wir haben Grundlagenseminare, außerdem etwa Sprech- oder Tanzunterricht. Ich freue mich darauf, Theater zu spielen, das habe ich bisher noch gar nicht gemacht. Ich kann mich ausprobieren, auch mal Fehler machen. Zum Drehen hätte ich dann in den Semesterferien Zeit. Mit der Kinohauptrolle im Rücken fühle ich mich sicherer, was neue Rollen angeht und hoffe, dass dadurch interessante Angebote kommen. Erst einmal kann ich mich aber auf mein Studium konzentrieren, auch deshalb, weil ich mit dem Film erst einmal ein bisschen Geld verdient habe.

Was verdienen Schauspieler:innen?

Aus Hollywood kennt man Erzählungen über Millionengagen für Schauspieler:innen. Mit den Gehältern, die die meisten Schauspieler:innen in Deutschland erhalten, haben die aber wenig zu tun.

  • Die Gagen für Schauspieler:innen bei Film und Fernsehen sind in einem Tarifvertrag  festgelegt. Demnach bekommen Schauspieler:innen für einen Drehtag mindestens 850 Euro. Der Vertrag legt auch fest, dass die Schauspieler:innen in dieser Zeit sozialversichert werden müssen. Ausgenommen von dem Tarifvertrag sind häufig produzierte Formate, insbesondere Daily Soaps.

  • Die 850 Euro sind allerdings nur die Untergrenze, heißt, manche Schauspieler:innen verdienen deutlich mehr. Tagesgagen jenseits der 10.000 Euro aber erhalten in Deutschland nur die allergrößten Stars – wenn überhaupt.

  • Die meisten Schauspieler:innen verdienen vor allem aufs Jahr betrachtet deutlich weniger. Einer Studie der Universität Münster  aus dem Jahr 2010 zufolge verdienten nur 4,7 Prozent der Schauspieler:innen zum Zeitpunkt der Studie jährlich mehr als 100.000 Euro brutto. Bei 55,5 Prozent hingegen lag das Jahreseinkommen unter 20.000 Euro. Auch wenn die Zahlen schon etwas älter sind, so sei diese Verteilung immer noch recht repräsentativ, schreibt der Bundesverband der Filmschauspieler .

  • Wenn nur die Drehtage bezahlt werden, bleiben schließlich auch etliche Tage übrig, an denen ein Schauspieler möglicherweise überhaupt nichts verdient.

  • Auch an Theatern gibt es einen Tarifvertrag . So erhalten auf Spielzeit verpflichtete Theaterschauspieler:innen ab Januar 2023 mindestens 2715 Euro monatlich.

Manchmal fühle ich mich trotzdem noch wie eine Hochstaplerin. Ich weiß, wie viele Leute Schauspielerin werden wollen, warum hat es ausgerechnet bei mir geklappt? Vieles hat mit Glück zu tun, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Gleichzeitig habe ich immer darauf vertraut, dass es funktionieren wird – das hat mir geholfen, mich durchzubeißen.«

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Artikels wurden Gender-Doppelpunkte verwendet, stattdessen wird nun die männliche und die weibliche Form genutzt.

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