Park-, Phantom- oder Geisterstudium Mache ich mich strafbar, wenn ich nur zum Schein studiere?

Keine Kurse belegen, aber trotzdem von Semesterticket, Familienversicherung und Kindergeld profitieren – ist das Betrug? Fragen und Antworten zum Phänomen Scheinstudium an deutschen Universitäten.
Ob man sie nun Geister- oder Scheinstudierende nennt: Menschen, die immatrikuliert sind, aber nicht wirklich studieren, gibt es an jeder Hochschule (Symbolbild)

Ob man sie nun Geister- oder Scheinstudierende nennt: Menschen, die immatrikuliert sind, aber nicht wirklich studieren, gibt es an jeder Hochschule (Symbolbild)

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Alba von Vietinghoff

Um Studierenden finanziell unter die Arme zu greifen, kommt die Immatrikulation an einer Hochschule mit Vergünstigungen: Bis zum 25. Geburtstag  gibt es weiter Kindergeld und die Möglichkeit,  in der Familienversicherung zu bleiben, dazu kommen subventionierte Wohnheimplätze , Steuererleichterungen, häufig ein Semesterticket und ermäßigte Eintritte in Kino, Fitnessstudio und Co. Das hat seinen Grund: Studierende haben neben Vorlesungen und Prüfungen kaum Zeit, Vollzeit zu arbeiten.

Allerdings: Nicht alle eingeschriebenen Studierenden sind auch im Vorlesungssaal oder bei Lehrveranstaltungen anzutreffen. Einige nutzen ihren Studierendenstatus lediglich für günstige Wohn- oder Arbeitsbedingungen. Solche Scheinstudierenden, auch Park-, Phantom- oder Geisterstudierende genannt, gibt es an vielen deutschen Universitäten. Alles Betrug oder kein Problem? Ein Überblick.

Wie verbreitet ist das Scheinstudium?

Offizielle Zahlen zu Scheinstudierenden in Deutschland gibt es nicht. Es lässt sich nämlich nur schwer nachweisen, ob jemand ein Studium nur vortäuscht oder tatsächlich absolviert. Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK ) sagt außerdem: »Ganz ausschließen wird man kurzzeitigen Missbrauch nie können, wenn man sich keine Überwachungsmentalität an den Hochschulen wünscht.«

Allerdings sei es schwieriger geworden, über längere Zeit zum Schein zu studieren, sagt Alt. Die Studienstruktur, insbesondere im Bachelor- und Mastersystem, erfordere heute regelmäßige Leistungsnachweise, mehr als noch vor ein paar Jahren. In vielen Fächern gebe es Prüfungen, die ab einer gewissen Semesterzahl bestanden werden müssten. Wer sie nicht belege, werde irgendwann exmatrikuliert.

In der Regel sind deshalb insbesondere solche Studiengänge bei Scheinstudierenden beliebt, die kaum Strukturvorgaben haben – und keine Zulassungsbeschränkung. Dazu gehört etwa Physik. Im Jahr 2013 führte die Konferenz der Fachbereiche Physik (KFP) eine Umfrage durch, bei der eine »erhebliche Anzahl von ›Parkstudierenden‹ aufgedeckt« wurde, so die Autor:innen . Der KFP zufolge stieg mit dem Erlass der Studiengebühren im Jahr 2012 die Zahl der Physikstudierenden stark an. Allerdings besuchten nur etwa 65 Prozent der 4824 Erstsemester aus dem Wintersemester 2012/13 tatsächlich Lehrveranstaltungen.

Auch Johanna* »parkte« einige Semester lang als eingeschriebene Physikstudentin.

Johanna*, 27, sechs Semester Scheinstudium

»Ich habe mich im Wintersemester 2019 für Statistik und theoretische Physik eingeschrieben. Eigentlich wollte ich den Studierendenstatus nutzen, bis ich meinen Vollzeitjob starte. Doch als ich anfing zu arbeiten, blieb ich weiter eingeschrieben. Hauptgrund war das Semesterticket. Ich hätte auch ein Jobticket haben können, aber das wäre mehr als doppelt so teuer gewesen – und ich hätte damit wesentlich weniger weit fahren können. Manchmal habe ich mir schon gedacht, dass mein Verhalten wahrscheinlich nicht sehr solidarisch ist. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen. Ich hätte schon längst aufgehört, wenn sie mich mal rausgeschmissen hätten. Wenn ich ohne viel Arbeit weiterhin diese günstigen Konditionen nutzen kann, warum dann nicht so lange, wie es geht?«

Richten Scheinstudierende Schaden an?

»Mit dem Begriff ›Schaden‹ tue ich mich etwas schwer«, sagt Arne-Patrik Heinze, Fachanwalt für Verwaltungsrecht in Hamburg. Schließlich sei die Anzahl der Studienplätze in einem Fach von vornherein festgelegt. »Für eine Person, die ein Studium vortäuscht, wird keine neue Kapazität geschaffen. Daher entstehen schlimmstenfalls geringfügige Zusatzkosten.« Allenfalls ein paar Euro mehr Verwaltungsaufwand könnten juristisch als Schaden gewertet werden.

Ähnlich sehe es bei den Semestertickets aus, sagt Heinze: Zwar könne hier von einem Schaden für die Verkehrsbetriebe ausgegangen werden – doch ebenso wie die Kapazitäten der Studienplätze würden auch die Semestertickets von der Masse der Studierenden getragen.

Mache ich mich mit einem Scheinstudium strafbar?

Aus juristischer Sicht ist es schwer, Scheinstudierenden einen Betrug nachzuweisen. »Moralisch ist die Annahme eines Studienplatzes zum Schein möglicherweise bedenklich«, sagt Anwalt Heinze. Aber: »Rechtlich sind etwaige strafrechtliche und schadensersatzrechtliche Konsequenzen kaum zu befürchten.« Der Schaden sei allenfalls gering und ein vorsätzlicher Betrug schwer nachzuweisen. Hinter nicht bestandenen Kursen und Prüfungen können schließlich auch andere Gründe stecken .

Mark*, 26, hält sein Scheinstudium auf den ersten Blick für unproblematisch.

Mark*, 26, drei Semester Scheinstudium in Germanistik und Skandinavistik

»Ich wollte nach dem Bachelor kein Masterstudium machen, für den Berufseinstieg brauchte ich aber noch praktische Erfahrung. Und Praktika gibt es oft nur mit Studentenstatus. Am Anfang hatte ich überlegt, ob ich mich für Fächer einschreibe, die ich aus Interesse besuchen könnte. Am Ende wurden es einfach zulassungsfreie Studiengänge. Mit Kindergeld und Steuern hat es sich finanziell schon rentiert. Auch das Semesterticket konnte ich weiter nutzen. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es vielleicht doch auch eine Art Betrug. Aber wenn ich so besser in den Beruf komme, hat der Staat am Ende ja auch etwas davon.«

Das heißt aber nicht, dass es erlaubt ist, nur zum Schein zu studieren. Denn aus verwaltungsrechtlicher Sicht kommen Scheinstudierende nicht ihren Pflichten nach. Universitäten und Hochschulen seien zwar unterschiedlich organisiert, meistens aber Körperschaften des öffentlichen Rechts oder Stiftungen, sagt Heinze. Das bedeute, dass Studierende ein öffentlich-rechtliches Treueverhältnis eingehen. In diesem öffentlich-rechtlichen Treueverhältnis müssten beide Seiten bestimmte Pflichten erfüllen. Wer nicht aktiv studiere, erfülle diese Treuepflichten unter Umständen nicht – und könne exmatrikuliert werden. Um einen Schadensersatzanspruch zu stellen, sei ein Schaden aber nicht ausreichend nachweisbar – und in der Regel zu gering (siehe vorherige Frage).

Profitieren Unis von Scheinstudierenden?

Masterabsolventin Lena*, 29, erzählt, dass sie sogar ermutigt wurde, sich zum Schein einzuschreiben.

Lena*, 29, drei Semester Scheinstudium in Orthodoxer Theologie

»Nach meinem Master war ich noch ein Semester lang in meinem alten Studiengang Germanistik eingeschrieben. Für ein Praktikum wollte ich den Studierendenstatus auch darüber hinaus behalten und mich deshalb auf Lehramt umschreiben lassen. Bevor ich zur Studentenkanzlei ging, zerbrach ich mir den Kopf: ›Oh Gott, was erzähle ich denen da für eine Lügengeschichte?‹ Ich war wirklich gut vorbereitet, doch als ich das Wort ›Praktikum‹ fallen ließ, sagte die Person mir gegenüber direkt: ›Ach so, wenn Sie nur für ein Praktikum überbrücken wollen, dann würde ich Ihnen die Orthodoxe Theologie empfehlen. Da haben wir sowieso viel zu wenige Studierende.‹«

Ist das Scheinstudium am Ende ein Geben und Nehmen, eine Symbiose aus orientierungslosen Studierenden und aussterbenden Orchideenfächern? Bestätigen möchte das der Leiter der Hochschulrektorenkonferenz Peter-André Alt nicht. Zwar hänge es von der Anzahl der Studierenden ab, wie viele Mittel eine Hochschule zugewiesen bekomme. »Aber durch den neuen Zukunftsvertrag Studium und Lehre  sind andere Kriterien wie Abschlussquoten oder Einhaltung der Regelstudienzeit deutlich wichtiger für die Mittelzuweisung geworden.«

Was also ist vom Scheinstudium zu halten?

Egal, ob vor oder nach dem Studium, in Physik oder Amerikanistik: Scheinstudierende scheinen eine Begleiterscheinung unseres Studien- und Sozialsystems zu sein. Nach einigen Semestern dürften die meisten entweder im Beruf oder doch noch im Studium landen – denn auch Versicherungen und Kindergeld haben gewisse Alters- und Semestergrenzen.

Für Lone Grotheer, Vorstandsmitglied des freiwilligen Zusammenschlusses von Student*innenschaften (fzs ), zeugt das Phänomen Scheinstudium von strukturellen Problemen. »Studierende erhalten aufgrund ihrer finanziell meist prekären Situation finanzielle Erleichterungen. Menschen, die finanziell in ähnlichen Situationen sind, aber keinen Studierendenstatus haben, erhalten diese Erleichterungen nicht«, sagt sie.

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung  waren 2019 rund 25,8 Prozent der 18- bis 25-Jährigen armutsgefährdet, hatten also weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland zur Verfügung. Ein Scheinstudium ist Grotheers Ansicht nach ein Mittel, um in einer Findungsphase nicht in die Arbeitslosigkeit zu fallen und den Kindergeldanspruch zu verlieren. »Für uns ist das Scheinstudium eher ein Symptom eines Problems, als dass es selbst ein Problem darstellt.« Sie fordert auch abseits des Studierendenstatus Systeme, die junge Menschen absichern.

*Name geändert. Die echten Namen der Scheinstudierenden sind der Redaktion bekannt.