Corona-Weihnachten »Wir haben inzwischen gelernt, dass Liebe das Virus nicht bekämpfen kann«

Wenn man die Familie noch von einer »Schutzwoche« vor Weihnachten überzeugen will, dann jetzt. Doch wie bringt man Eltern und Großeltern dazu, ihr Verhalten zu ändern? Familientherapeutin Sandra Konrad weiß Rat.
Ein Interview von Sebastian Maas
Abstand und Maske, das gilt, wann immer möglich – auch an Weihnachten

Abstand und Maske, das gilt, wann immer möglich – auch an Weihnachten

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Thordis Rüggeberg / plainpicture

Wer an Weihnachten die Familie besuchen möchte, sollte in den fünf bis sieben Tagen davor Kontakte »auf ein absolutes Minimum« reduzieren, heißt es im Beschlusspapier von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder. Doch was, wenn die Familie diese »Schutzwoche« nicht einhalten will? Oder wenn die elterliche Planung für das gemeinsame Fest ausartet, weil die von der Politik vorgegebenen Regeln als dehnbar verstanden werden?

Familientherapeutin Sandra Konrad erklärt, wie man Eltern oder Großeltern dazu bringt, ihr Verhalten zu überdenken – ohne den Haussegen zu riskieren.

SPIEGEL: Frau Konrad, viele meiner Freunde haben sich schon vor Tagen in eine Art selbst auferlegte Quarantäne begeben, um Weihnachten mit ihrer Familie feiern zu können. Wenn sie allerdings Eltern und Großeltern bitten, dasselbe zu tun, stoßen sie auf Unverständnis und Ärger. Ebenso sieht es bei der Forderung aus, die Runde der Feiernden kleiner zu halten als sonst. Was passiert da?

Sandra Konrad: Eigentlich kann man die Eltern nur beglückwünschen. Sie haben anscheinend alles richtig gemacht und Kinder großgezogen, die total verantwortungsbewusst sind. Dass Eltern grundsätzlich unvorsichtiger sind als ihre Kinder, kommt mir aber nicht unbedingt repräsentativ vor.

SPIEGEL: Inwiefern?

Konrad: Die Neigung zu Angst oder dazu, Risiken einzugehen, sind eher persönlichkeitsbedingt und nicht unbedingt vom Alter abhängig. Es gibt auch ängstliche Alte und draufgängerische Junge. Ich kenne aus meiner Praxis Familien, in denen die Kinder enttäuscht sind, weil die Eltern das Weihnachtsfest ausfallen lassen. Die Jungen fühlen sich verstoßen und fragen: »Warum habt ihr mich nicht mehr lieb?« Aber natürlich gibt es ebenso zahlreiche Alte, die sich den Corona-Maßnahmen nicht beugen wollen.

Besonders am Anfang der Krise, im März und April, konnte man das beobachten – als die Bedrohung noch ganz neu und nicht einschätzbar war. Nun wissen wir, wie gefährlich Covid-19 ist und viele haben ihr Verhalten dementsprechend angepasst. Doch Weihnachten wollen viele sich nicht verderben oder gar nehmen lassen.

SPIEGEL: Was sehr gefährlich werden kann.

Konrad: Wenn Menschen sich nach außen hin unvernünftig verhalten, hilft es, die emotionalen Bedürfnisse zu erkennen, die hinter ihrem Verhalten oder Widerstand stecken. In diesem Fall sind es die Bedürfnisse nach Nähe – und nach Autonomie.

SPIEGEL: Wenn meine Freunde ihre Familien bitten, die »Schutzwoche« einzuhalten oder weniger Gäste einzuladen, schränken sie also ihre Autonomie ein?

Konrad: Genau. Was das auslösen kann, sieht man bei Corona-Leugnern, die gegen die Politik aufbegehren. Und eben bei Verwandten, die ein abgespecktes Weihnachtsfest nicht hinnehmen wollen. Obwohl die Maßnahmen nicht gegen sie, sondern gegen das Virus gerichtet sind, wird so etwas als persönliche Kränkung empfunden – weil man weniger selbstbestimmt leben kann.

Und da wir ein Virus nicht beschimpfen oder verantwortlich machen können, richten wir unsere Wut und Empörung halt auf die Menschen, die unsere Autonomie vermeintlich einschränken.

Kinder übernehmen Verantwortung für ihre Eltern

SPIEGEL: Wie geht man als Kind damit um, wenn die Eltern oder Großeltern auf ihrer Selbstbestimmung beharren? Damit geht ja ein ungewohnter Rollentausch einher.

Konrad: Der früher oder später ohnehin in den meisten Familien stattfindet. Zum Beispiel, wenn die Eltern im Alter Unfälle bauen, aber weiter Auto fahren wollen. Oder bei der Frage, ob Eltern im eigenen Haushalt weiterleben können oder vielleicht pflegebedürftiger sind, als sie es sich eingestehen. In solchen Fällen liegt es an den Kindern, sie darauf anzusprechen.

Das geschieht idealerweise aus Liebe und Loyalität – die Eltern haben einst gut für die Kinder gesorgt und nun kehrt sich die Sorge innerfamiliär um. Das ist für alle Beteiligten allerdings oft sehr schwierig und führt nicht selten zu Konflikten. Besonders, wenn Eltern nach wie vor starken Respekt von ihren Kindern einfordern und ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen.

Die Sorge um die Eltern während der Coronakrise forciert ähnliche Konflikte. Außerdem geht es hier um die Frage, wie sehr das Wissen um die eigene Endlichkeit bei den Eltern und Großeltern emotional integriert ist.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Konrad: Die Frage ist, wie bewusst mit dem Tod umgegangen wird und welche Entscheidungen basierend auf diesem Wissen getroffen werden. Einerseits könnten ältere Menschen denken, dass sie nicht mehr viel Zeit haben und sich darum nichts verbieten lassen möchten – auch kein gemeinsames Weihnachtsfest oder Treffen mit Bekannten. Ebenso gut könnten sie sich ihrer Endlichkeit sehr bewusst sein und sich dazu entscheiden, dieses Fest lieber ausfallen zu lassen, um in den kommenden Jahren noch die Chance auf gemeinsame Weihnachtsabende zu haben.

Beide Antworten sind legitim – sofern sie andere nicht gefährden. Oder andere sich letztlich schuldig fühlen würden am verfrühten Tod der Betroffenen.

SPIEGEL: Wenn ältere Verwandte nun eher dem unvorsichtigen Typ angehören – kann ich sie dazu bringen, vorsichtiger zu sein?

Konrad: Erst einmal müssen Sie sich klarmachen, dass es bei der Wahrnehmung der Gefahr eine psychologische Verzerrung gibt. Viele denken, dass geliebte Menschen schon keine Gefahr sein werden. Dabei haben wir inzwischen gelernt, dass Liebe dieses Virus nicht bekämpfen kann, sondern im Gegenteil nur körperlicher Abstand. Das anzuerkennen ist schwer, denn es widerstrebt unserer biologischen Programmierung. Es liegt in unserer Natur, die Gemeinschaft zu suchen.

Und nun sind diese wichtigen Kontakte gefährlich und sogar verboten. Für ältere Menschen, die vielleicht nicht mehr im Berufsleben stehen, die virtuellen Begegnungen wenig abgewinnen können und deren Freundes-, Kollegen- und Bekanntenkreis kleiner ist als bei jüngeren Menschen, bedeutet die familiäre Nähe außerdem oft deutlich mehr. Ihre Welt ist oft kleiner. Diese unterschiedliche Lebensrealität zu sehen hilft uns, Ältere besser zu verstehen und mit ihnen mitzufühlen.

Weihnachten gemeinsam kreativ gestalten

SPIEGEL: Aber wie hilft mir meine Empathie dabei, mein Problem zu lösen? Ich möchte doch nur verhindern, dass Mama oder Oma sich an Weihnachten mit dem Coronavirus infizieren!

Konrad: Doch, sie hilft unbedingt, denn echter Kontakt entsteht genau dann, wenn wir alle unsere Bedürfnisse, aber auch unsere Grenzen wahrnehmen und äußern. Benennen Sie also die eigene Angst, die eigene Betroffenheit und das Bedauern, das Weihnachten dieses Jahr nicht wie gewohnt stattfinden kann. Und dass Sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Sollte sich keine gemeinsame Lösung finden, woraufhin Sie Weihnachten absagen, benennen Sie den liebevollen Grund, der dahintersteckt: Dass Sie lieber einmal aus Vorsicht verzichten, um die kommenden Jahre gemeinsam feiern zu können. Es ist ein deutliches Zeichen des Erwachsenseins, einen solchen Konflikt auszuhalten und die eigene Haltung zu vermitteln – dabei die Empathie aber nicht zu verlieren.

Aber vielleicht gibt es auch Lösungen, über die Ihre Familie bisher noch gar nicht nachgedacht hat. Sie könnten Ideen in der Familie sammeln oder selbst kreative Vorschläge machen, wie man die Sicherheitsbedürfnisse aller Parteien unter einen Hut bringen kann. In meiner Praxis und meinem Umfeld sind mir da viele Modelle begegnet.

»Das wird nicht alle zufriedenstellen, aber wann hat Weihnachten das je getan?«

Psychologin Sandra Konrad

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Konrad: Einige haben, mit entsprechendem Abstand, zu Glühwein am Lagerfeuer eingeladen, andere zu Begegnungen am Fensterbrett. Gemeinsame Spaziergänge, Telefonkonferenzen oder virtuelles Abendessen, Singen und Musizieren gehen auch. Das wird nicht alle zufriedenstellen, aber wann hat Weihnachten das je getan? Es ist sowieso ein mit Erwartungen überladenes Fest.

SPIEGEL: Liegt in der Krise also auch eine Chance, uns von ein paar dieser Erwartungen zu verabschieden?

Konrad: Zumindest können wir Traditionen und Routinen mal hinterfragen. Die Feiertage sind für viele Menschen mit sehr viel Stress verbunden. Jedes Jahr fahren Menschen an Weihnachten tagelang durch die ganze Republik, um alle Eltern und Schwiegereltern zu besuchen, um es allen recht zu machen. Und keiner hat etwas davon. Dabei hat man die Familie doch nicht nur an diesen drei Tagen, sondern das ganze Leben lang.

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