Silicon-Valley-Methoden im Studium Verabschiede dich von »perfekt«, freunde dich an mit »erledigt«

Nur sechs Wochen bis Abgabe und noch ein Berg Arbeit: Meine Doktorarbeit bekomme ich niemals fertig, dachte ich. Bis mir die Idee kam, die Arbeitsweisen des Silicon Valley zu übernehmen.
Agiles Arbeiten bei der Abschlussarbeit: Prototyping, Backlog, Sprints

Agiles Arbeiten bei der Abschlussarbeit: Prototyping, Backlog, Sprints

Foto: Mosuno / Stocksy United

Sechs Wochen hatte ich noch bis zur Abgabe meiner Doktorarbeit – und mir fehlte ein komplettes Kapitel mit der Länge und dem Rechercheaufwand einer Masterarbeit. Langsam wurde es eng. Also machte ich mir einen Plan, einen agilen Plan.

Kurz zuvor hatte ich zufällig ein Buch über agiles Arbeiten gelesen, mit dessen Hilfe man angeblich »in der Hälfte der Zeit die doppelte Arbeit« schafft. Die Idee des agilen Arbeitens kommt aus der Produktentwicklung , Start-ups lieben sie. Grob funktioniert sie so: Man entwirft zunächst sehr schnell ein noch unperfektes Produkt (Minimum Viable Product, kurz: MVP), testet es, verbessert es und wiederholt diesen Prozess so oft wie nötig – anstatt erst einmal ewig an einem theoretischen Plan für das perfekte Produkt zu tüfteln, ohne wirklich etwas zu bauen.

Das sollte doch auch bei meiner Doktorarbeit funktionieren, dachte ich mir: mit einem groben Konzept schnell viel Text produzieren, zwischendurch immer wieder evaluieren und den Plan anpassen.

Mindset: Von Gründerinnen und Wissenschaftlern

Tatsächlich lassen sich die Tricks der Start-ups auch auf wissenschaftliche Arbeit anwenden. »Zwischen Gründerinnen und Wissenschaftlern gibt es viele Gemeinsamkeiten«, sagt Anna Maria Beck, die Promovierende berät und in der Gründungsförderung der Uni Göttingen arbeitet. »Beide entwickeln innovative Produkte – und müssen deshalb lernen, mit Unsicherheit umzugehen.«

Die folgenden vier Methoden agilen Arbeitens empfiehlt Beck ihren Coachees immer wieder in ähnlicher Form. Ich habe es damit geschafft, meine Doktorarbeit doch noch über die Ziellinie zu bringen. Und sie eignen sich genauso für Bachelor-, Master- oder Hausarbeiten.

Methode 1: Erledigt > perfekt

Als Erstes gab ich mir eine neue Maxime: Verabschiede dich von »perfekt«, freunde dich mit »erledigt« an. Mein Ziel war, das fehlende Kapitel möglichst schnell zu schreiben – egal wie unvollkommen es sein mochte.

Also tippte ich alles in ein Dokument, was mir einfiel, und fügte ungeordnetes Material hinzu, das ich schon gesammelt hatte. Dieser Entwurf hatte natürlich noch sehr viele Lücken. An den entsprechenden Stellen fügte ich Notizen wie »Hier fehlt noch Sekundärliteratur« ins Dokument ein.

Auch Expertin Beck rät: »Anstatt sich am Anfang unter Druck zu setzen, den perfekten Plan aufzustellen, sollte man lieber erst einmal alles aus dem Kopf aufs Papier oder in den Laptop bringen.«

Methode 2: Backlog

Aus meinen Notizen erstellte ich eine To-do-Liste, in agilen Umfeldern oft »Backlog« oder »Aufgabenspeicher« genannt. Ich benutzte dafür Zettel und Stift – eine Excel-Tabelle eignet sich ebenfalls. Wichtig ist, dass man alle Aufgaben an einem Ort sammelt – so spart man gedankliche Kapazitäten.

Innerhalb der Liste priorisierte ich die Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit. Punkte wie »Hier wäre ein weiteres Beispiel gut« wanderten in meinem Backlog nach hinten – erst mal ein Luxusproblem. Jede meiner Aufgaben bekam eine Punktzahl: 1 für sehr kleine (»Zitat checken«), 4 für etwas größere (»Aufsatz lesen«) und 8 für noch größere (»Unterkapitel schreiben«). Die Punkte notierte ich mit Bleistift neben der jeweiligen Aufgabe.

Beck empfiehlt, sich beim Anlegen eines solchen Backlogs Zeit zu lassen, auch wenn es sich zunächst merkwürdig anfühlen mag: »Die gedankliche Strukturierung des Projekts ist Teil der Arbeit, die im Prozess viel Zeit spart.«

Methode 3: Sprints

Für den allerersten Entwurf des fehlenden Kapitels brauchte ich zwei Wochen – mein erster »Sprint«. Im agilen Arbeiten meint dieser Begriff einen Arbeitsabschnitt, der ein sehr konkretes Ziel hat. Sprints können ein bis drei Wochen dauern, während deren man alle Aufgaben abarbeitet, die für das Erreichen des Ziels wichtig sind.

Mein erster Sprint ergab 60 Seiten Text, im Backlog standen noch jede Menge unerledigte kleinere Aufgaben. Aber: Ich hatte ein Minimum Viable Product.

Vor allem für den Schreibprozess rät Beck zu dieser Form des Prototyping: »Lieber schnell einen unperfekten ersten Entwurf erstellen, der dann überarbeitet werden kann, anstatt ewig an einem vermeintlich perfekten Text zu schreiben.«

Methode 4: Feedback und Retrospektive

Als Nächstes überarbeitete ich den Text mit den weniger wichtigen Aufgaben aus dem Backlog – zum Beispiel suchte ich weitere Beispiele, die für den Text zwar nicht überlebenswichtig waren, ihn aber besser machten. Das war mein zweiter Sprint, er dauerte eine Woche. Danach gab ich das Kapitel meinen Betreuerinnen, die ihr Feedback anfügten – auch das ein typisch agiles Element.

In den verbleibenden drei Wochen unterzog ich meine komplette Arbeit mehreren Überarbeitungsschleifen. Dabei wusste ich immer: Die Arbeit ist schon komplett. Sie ist nicht perfekt und wird es vielleicht nie. Aber sie hat einen Anfang, einen Hauptteil, einen Schluss, ich könnte alles so abgeben. Das beruhigte meine Nerven ungemein.

Nach jedem Sprint blickte ich zudem zurück: Was war gut gelaufen, was weniger gut? Ich merkte, dass ich mich manchmal verrannt hatte, zum Beispiel bei der Suche nach einem bestimmten Zitat. Mit dieser bewussten Retrospektive ist es wie mit der Planung: Sie nimmt Zeit in Anspruch – aber die spart man vielfach an anderer Stelle. Wenn ich das nächste Mal ein Zitat suchen musste, fragte ich mich: Wird meine Doktorarbeit scheitern, wenn ich die Textstelle streiche? Nein? Dann weg damit.

Motivation: Erfolge vor Augen führen

Nach jedem Sprint rechnete ich außerdem alle Punkte der erledigten Aufgaben zusammen und bemerkte: Ich sammelte in jedem Sprint im Tagesdurchschnitt mehr Punkte als im vorherigen. Es war, als würde ich immer ein Level aufsteigen. Meine Post-its mit den erledigten Aufgaben wanderten nicht in den Müll, sondern auf eine Done-Liste. Mit jedem Tag wurde der To-do-Bereich kleiner und der Done-Bereich größer.

»Sich Erfolge vor Augen zu halten und diese auch zu würdigen, ist sehr wichtig für die Motivation und den Selbstwert«, sagt Beck. Leider komme das im Stress während einer Abschlussarbeit oft zu kurz. Ihren Coachees schlägt sie vor, an einer »Erfolgswand« zu vermerken, was gut geklappt hat, oder für jede produktive Arbeitsstunde ein zusammengeknülltes Zettelchen in ein Glas zu werfen.

Außerdem solle man sich zwischendrin immer wieder fragen, warum man das alles macht, »am besten jeden Tag«, sagt Beck. Denn die Motivation könne sich im Laufe des Prozesses verändern.

Meine Motivation war am Ende einfach nur noch: fertig werden. Also hielt ich mir den Moment vor Augen, in dem ich meine Doktorarbeit abgebe. Hat auf dem Weg dorthin alles genau so geklappt, wie ich es mir überlegt hatte? Nein. Aber ich hatte ja einen agilen, anpassbaren Plan – und das war mein großes Glück.