Nach dem Abschluss in die Selbstständigkeit Gründe fürs Gründen – direkt nach der Uni

Nur ein Bruchteil der Uni-Absolventen macht sich selbstständig. Warum eigentlich? Wir erklären, was dafür spricht, nach dem Studium zu gründen – und wieso es trotzdem oft nicht dazu kommt.
Texterin Luisa Häußer: »Man bekommt nicht alles auf dem Silbertablett serviert«

Texterin Luisa Häußer: »Man bekommt nicht alles auf dem Silbertablett serviert«

Foto: Alex Fritsch

Wenn man den Worten von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) glaubt, gehört den Selbstständigen die Zukunft: Deutschland brauche »mehr Menschen, die mit Mut, Kreativität und Verantwortung eigene Ideen umsetzen«, schreibt Altmaier auf der Website der »Gründungsoffensive« , einer Kampagne des Bundesministeriums für Wirtschaft, die Menschen zu Selbstständigkeit motivieren soll.

Für viele Uni-Absolvent:innen scheint die allerdings erst einmal keine Option zu sein. Einer Erhebung der Universität St. Gallen  zufolge machen sich nur drei Prozent der Studierenden in Deutschland direkt nach dem Abschluss selbstständig.

Selbstständig nach dem Studium

Luisa Häußer, Texterin und Konzeptionerin, hat es gewagt. Seit ihrem Abschluss in Kommunikationswissenschaften entwickelt die 28-Jährige freiberuflich Kommunikationsstrategien für Unternehmen und schreibt Werbetexte. Dass es dazu kam, sei eher Zufall gewesen, sagt sie heute. An der Uni sei selbstständiges Arbeiten nie Thema gewesen. Es habe zwar Veranstaltungen zur Berufsorientierung gegeben, in Seminaren oder an Karriere-Tagen des Fachbereichs. »Aber eigentlich gab es nur drei Optionen: Du gehst in ein Unternehmen, du gehst in eine Agentur, oder du machst ein Volontariat«, erinnert sich Häußer.

Sie selbst habe schon während des Studiums nebenbei selbstständig gearbeitet. Erst kleinere Aufträge, dann zwei größere Projekte, nach dem Abschluss machte sie einfach weiter.

Was man für erfolgreiches selbstständiges Arbeiten braucht, habe sie erst nach und nach gelernt: Steuern, Versicherungen, Akquise, Abrechnung – alles »learning by doing«. Geholfen hätten ihr Angebote wie die von der Kreativgesellschaft in Hamburg , einer städtischen Einrichtung zur Förderung der Kreativwirtschaft, die Beratungen und Workshops anbietet.

Beratungsstellen der Hochschulen

Studierenden solche Informationen früher an die Hand zu geben, das ist der Job von Anke Rasmus und Claudia Haßfurther. Die beiden arbeiten hauptberuflich in Gründungs-Beratungsstellen für Studierende, Rasmus an der Uni Kiel, Haßfurther an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. »Eigentlich gibt es inzwischen an jeder Hochschule eine Einrichtung, die zu den Themen Selbstständigkeit und Gründen berät«, sagt Rasmus. »Wir wünschen uns, dass viel, viel mehr Studierende die kennen und nutzen.«

Wer ist eigentlich Gründer:in?

Auch wenn die Bezeichnung erst einmal sehr nach Start-up klingt: Im Grunde ist jede Person, die eine selbstständige Tätigkeit aufnimmt, ein Gründer oder eine Gründerin, auch eine freie Journalistin oder ein Yogalehrer. Wie der »Gründungsmonitor«  der KfW zeigt, ist sogar die Mehrzahl der Gründungen auf Einzelpersonen zurückzuführen: 60 Prozent haben keine Mitgründer:innen und sonstige Mitarbeiter:innen.

Historisch bedingt sei dieser Service eher eine neue Entwicklung, erklärt ihre Kollegin Haßfurther. Traditionell spiele das Thema Selbstständigkeit in der Uni tatsächlich kaum eine Rolle. »Das Hochschulstudium nimmt grundsätzlich die Verwertung des Erlernten nicht in den Fokus«, sagt sie. Stattdessen gehe es um Forschen, Entwickeln und darum, Grenzen des Denkens zu überwinden.

Erst in den Nullerjahren hätten Hochschulen eigene Beratungsstellen gegründet, oft ausgehend von BWL-Lehrstühlen. Die Services sind kostenfrei und richten sich in der Regel an Angehörige der Hochschule – also Studierende, Mitarbeitende und Lehrende. Wie lang nach dem Abschluss man die Dienste der Beratungsstellen noch in Anspruch nehmen kann, ist unterschiedlich – in Schleswig-Holstein sind es zehn Jahre. »Dass sich so spät noch jemand meldet, ist allerdings die Ausnahme«, sagt Claudia Haßfurther von der Muthesius Kunsthochschule. In der Regel kämen die Studierenden kurz vor oder nach ihrem Abschluss.

Bei Anke Rasmus beginne meist alles mit einer E-Mail, sagt sie: »Ich habe da eine Idee.« Bei Claudia Haßfurther gehe es eher um individuelle Biografien. An einer Kunsthochschule gebe es klassischerweise viele Soloselbstständige: Grafikerinnen, Illustratoren, freie Künstler. In der Beratung analysiere man gemeinsam die Grundvoraussetzungen der Beteiligten, Mittel, Bedürfnisse, Möglichkeiten. Im Mittelpunkt stehe dabei immer die Frage: Welches Problem eines zahlenden Kunden soll gelöst werden? »Und dann besprechen wir im Grunde alle Punkte, die ein Businessplan enthält«, sagt Rasmus.

Wie läuft eine Gründung ab?

Die zehn Gründungsschritte (zitiert nach der »Existenzgründer«-Website des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie )

  1. Selbstständigkeit: Ja oder nein? Entscheidung, ob man sich selbst als Unternehmer:in sieht

  2. Prüfen: Funktioniert die Geschäftsidee? Kund:innen identifizieren, Wettbewerber:innen analysieren

  3. Information und Beratung: beispielsweise bei der Industrie- und Handelskammer oder der Beratungsstelle der Hochschule

  4. Unternehmensgründung planen, Businessplan schreiben

  5. Startkapital berechnen: Wie viel Geld wird benötigt?

  6. Startkapital beschaffen: Möglichkeiten prüfen wie Geld leihen, Investoren beschaffen, Förderprogramme von Bund und Ländern

  7. Selbstständigkeit anmelden, ggfs. beim Gewerbeamt anzeigen

  8. Steuern einplanen, Pflichten gegenüber dem Finanzamt kennen

  9. Betrieb versichern, private Vorsorge betreiben

  10. Nach dem Start: beraten und begleiten lassen

Informationen zur Gründung gibt es auch bei der Bundesagentur für Arbeit  oder Vereinen wie dem Deutschen Gründer Netzwerk .

Unterstützung suchen

Wie wichtig es ist, Hilfe zu suchen, erlebte auch Luisa Häußer immer wieder. Gerade zu Beginn ihrer Selbstständigkeit seien ihr noch »echt blöde« Fehler unterlaufen, erzählt sie. »Einmal habe ich einem Kunden geschrieben, mein Tagessatz liege bei 200 bis 300 Euro. Natürlich sagt der Kunde da: Okay, dann nehme ich die 200 Euro.« Inzwischen wisse sie, was sie für welche Arbeiten veranschlagen muss. Geholfen hätten ihr dabei Richtwerte des deutschen Texter-Verbands – und Gespräche mit anderen Freiberufler:innen.

Häußer wünscht sich, sie hätte damals mehr von den Unterstützungsangeboten für junge Gründer:innen gewusst. »Man bekommt das nicht alles auf dem Silbertablett serviert, sondern muss ein bisschen suchen.« Sie empfiehlt, schon ein paar Monate vor dem Abschluss zu schauen: Welche Angebote und Beratungsstellen gibt es an meiner Hochschule und in meiner Stadt? Gibt es kostenlose Info-Veranstaltungen? Günstige Workshops?

Denn nur wer weiß, worauf er sich einlässt, kann auch eine fundierte Entscheidung treffen: Ist die Selbstständigkeit eine Option für mich? Zentrale Punkte sind dabei:

  • Selbstorganisation
    »Es ist schon wirklich sehr viel Orga«, sagt Häußer. Sie habe im Monat durchschnittlich fünf bis zehn Projekte – und für alles sei sie Ansprechpartnerin. »Wann sind die Deadlines? Wann machen wir ein Meeting? All diese Fragen laufen bei mir zusammen, und ich bin allein dafür verantwortlich, dass alles klappt.« Ihr mache das aber auch Spaß.

  • Bürokratie
    Wer selbstständig ist, muss sich um vieles kümmern, was Angestellten abgenommen wird. Für Häußer eine besondere Herausforderung: Steuern. »Es gibt Dinge, die sind für mich auch heute noch kompliziert, Mehrwertsteuersätze zum Beispiel.« Auch die nötigen Versicherungen sind ein Thema. Häußer beispielsweise hat eine Berufshaftpflichtversicherung: »Die würde mich beispielsweise absichern, wenn ich in einer Kampagne Mist schreibe und das Unternehmen dadurch Verluste erleidet.«

  • Der richtige Charakter
    Claudia Haßfurther von der Muthesius Kunsthochschule sagt: »Grundsätzlich ist jeder zum Gründen geeignet.« Schwierig sei es lediglich manchmal mit sehr introvertierten Menschen. »Man muss Wind machen können für die eigene Sache.« Im stillen Kämmerlein zu arbeiten bringe als Selbstständige nichts.

Gründe fürs Gründen

Keine Frage – wer sich nach dem Studium in einem Unternehmen anstellen lässt, kann sich Arbeit und Nerven sparen. Dennoch sind sowohl die Gründerin Häußer als auch die Beraterinnen Rasmus und Haßfurther überzeugt: Der Schritt in die Selbstständigkeit kann sich für Absolvent:innen lohnen.

Wer sich nach dem Abschluss fürs Gründen entscheide, könne unglaublich viel mitnehmen, sagt Haßfurther. Das sei vor allem für Leute attraktiv, die »einfach mal was machen, etwas bewegen« wollen. Wer in der klassischen wirtschaftlichen Landschaft von kleinen und mittelständischen Unternehmen etwas Eigenes umsetzen wolle, hänge schnell in starren Strukturen fest. Mit dem eigenen Business könne man ein ganz anderes Tempo einschlagen.

Für sie gibt es auch noch einen anderen Grund, den Schritt direkt nach dem Uni-Abschluss zu wagen: »Wer aus dem Studium kommt, ist oft noch einen entsprechenden Lebensstandard gewohnt.« Die meisten Studierenden müssten noch keine Familie ernähren und lebten ohnehin von eher bescheidenen Mitteln. »Das halten sie dann oft auch noch weitere Zeit durch, bis das Geschäft anläuft.«

Luisa Häußer sagt, sie sei glücklich mit ihrer Entscheidung. Sie bekomme immer wieder Anfragen für Festanstellungen über LinkedIn oder Xing, doch die sage sie immer ab. Inzwischen habe sie auch das Gefühl, alle notwendigen Dinge zu beherrschen. Nur die Steuererklärung gebe sie nach wie vor ab: »Die habe ich einmal selbst gemacht und danach gesagt: nie wieder.«

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