Umfrage unter Studierenden und Mitarbeitenden Ein Drittel erfährt an der Uni sexuelle Belästigung

Hochschulen gelten als fortschrittlich. Doch Diskriminierung und Übergriffe gibt es auch dort, wie eine neue Studie aus mehreren EU-Ländern zeigt. Eine Gruppe ist besonders gefährdet.
62 Prozent der befragten Studierenden und Mitarbeitenden von Hochschulen sind betroffen (Symbolbild)

62 Prozent der befragten Studierenden und Mitarbeitenden von Hochschulen sind betroffen (Symbolbild)

Foto: Halfpoint Images / Getty Images

Sexuelle Belästigung trifft einer Umfrage zufolge häufig auch Studierende oder Mitarbeitende von Hochschulen. Fast ein Drittel der Befragten hat demnach im Studium oder bei der Arbeit sexuelle Belästigung erlebt, wie aus einer am Montag veröffentlichten Umfrage des Kölner Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften hervorgeht. Sechs Prozent berichteten von körperlicher Gewalt, drei Prozent von sexueller Gewalt.

Das Institut hatte die Befragung gemeinsam mit europäischen Partnern im Rahmen des EU-Projekts Unisafe an europäischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen durchgeführt. Im Zentrum der Untersuchung standen geschlechtsbezogene Gewalt – also Übergriffe, die mit der Geschlechtsidentität der Person in Zusammenhang stehen – und deren Konsequenzen.

Insgesamt gaben 62 Prozent der befragten Personen an, an ihren Einrichtungen mindestens eine Form von geschlechtsbezogener Gewalt erlebt zu haben. In der Studie wird eine umfassende Definition des Begriffs verwendet. Erfasst wurden körperliche, sexuelle, psychologische, wirtschaftliche und Onlineformen geschlechtsbezogener Gewalterfahrungen.

»Ein systemisches Problem«

57 Prozent der Befragten berichteten von psychologischer Gewalt. Dazu zählen laut den Fragebögen etwa Drohungen, Wutausbrüche, respektlose Anrede, Unterbrechen oder ungerechtfertigte negative Bewertungen. 31 Prozent berichteten von sexueller Belästigung.

»Geschlechtsbezogene Gewalt ist ein systemisches Problem, das wissenschaftliche Einrichtungen nicht weniger betrifft als andere Teile der Gesellschaft«, sagte Anke Lipinsky vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.

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Frauen waren laut der Studie in fast allen Kategorien häufiger betroffen als Männer – außer bei körperlicher Gewalt, die häufiger von Männern angegeben wurde. Am meisten gefährdet sind der Untersuchung zufolge aber nicht-binäre Menschen. Nicht-binäre Menschen haben weder eine männliche noch eine weibliche Geschlechtsidentität.

Wo finden Betroffene direkt nach Übergriffen Informationen?

Das bundesweite Telefon für Opfer von Gewalt bietet eine gute Anlaufstelle. Unter der kostenlosen Nummer 08000 116 016 wird Opfern auf 18 Sprachen geholfen. Die Beraterinnen können Betroffene auch an regionale Hilfsangebote weitervermitteln.    

Betroffene können zudem hier eine Beratungsstelle in ihrer Nähe finden: Frauen-gegen-gewalt.de 

Für die Studie wurden von Januar bis Mai 2022 Mitarbeitende und Studierende von 46 Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland und 14 weiteren europäischen Ländern befragt.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es in der Überschrift, ein Drittel sei von sexueller Gewalt betroffen. In der Studie werden unterschiedliche Arten von Übergriffen und Diskriminierung als Gewalt (»violence«) gewertet. Da jedoch »sexuelle Gewalt« ein feststehender Begriff ist, haben wir die Überschrift auf den zutreffenderen Begriff »Belästigung« geändert.

fla/dpa
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