Sieben Lernmythen im Check Nein, Sie sind kein visueller Lerntyp

Gibt es Menschen, die Informationen besser über das Auge aufnehmen? Und ist der Gehirnspeicher wirklich irgendwann voll? Lehr-Lernforscherin Ines Langemeyer klärt auf.
Aufgezeichnet von Helene Flachsenberg
Stimmt es, dass die Fähigkeit zu lernen mit dem Alter abnimmt? (Symbolbild)

Stimmt es, dass die Fähigkeit zu lernen mit dem Alter abnimmt? (Symbolbild)

Foto: Tom Werner / Digital Vision / Getty Images

Mythos 1: Wenn ich etwas nur oft genug durchlese, bleibt es irgendwann hängen.

Ines Langemeyer: »Wenn man im Urlaub eine Fremdsprache hört, die man nicht beherrscht, so bleibt diese Sprache auch nach 14 Tagen noch fremd, obwohl man sie täglich hört. Genauso ist es mit Texten.

Wenn man ein gewisses thematisches Grundverständnis mitbringt, kann man durch wiederholtes Lesen den Inhalt besser verstehen. Dann weiß man beim zweiten Mal schon, worauf eine Argumentation oder eine Erzählung hinausläuft. Ein solches Lesen kann sogar Spaß machen, so wie man zu Silvester zum fünfzigsten Mal ›Dinner for One‹ sehen kann. Dazu muss der Lernstoff jedoch eine sinnhafte, uns ansatzweise vertraute Form haben. Was vollkommen zusammenhangslos war, bleibt es auch – wir können es noch so oft lesen, wir werden es uns langfristig nicht merken.«

Mythos 2: Es gibt unterschiedliche Lerntypen, manche Menschen lernen besser visuell, andere auditiv.

Langemeyer: »Obwohl sich diese Annahme hartnäckig hält: Bisher hat keine Studie beweisen können, dass es solche unterschiedlichen Lerntypen gibt. Offen gestanden finde ich allein die Grundannahme absurd. Sie suggeriert ja, dass Menschen ihre Umgebung wie durch einen voreingestellten Filter nur mit Augen oder Ohren wahrnehmen. Dabei haben wir aus gutem Grund verschiedene Sinnesorgane, die für alle Menschen gleichermaßen wichtig sind.

Tatsächlich kommt es eher auf den Lerngegenstand an als auf die Person. Lernen ist das Erschließen von Sinn. Dazu gehören alle unsere Sinne, auch wenn man manchmal mehr das Auge, manchmal mehr das Ohr und manchmal mehr das körperliche Spüren braucht. Es kann also hilfreich sein, beim Lernen verschiedene Sinne miteinander zu verbinden – ein Musikstück mit einem Bild zu verknüpfen oder einen Text in schriftlicher und gesprochener Form zu rezipieren.«

Am Schreibtisch

Mythos 3: Wenn man nicht weiterkommt, sollte man aufstehen und etwas anderes tun.

Langemeyer: »Da würde ich von Fall zu Fall unterscheiden. Manchmal hat man tatsächlich eine Blockade und verbeißt sich in einem Problem. In dem Fall kann es helfen, eine Pause zu machen und sich der Aufgabe später noch einmal neu zu nähern.

Es gibt allerdings auch den umgekehrten Effekt. Wenn man beispielsweise an einer Hausarbeit sitzt, ist es nicht förderlich, ständig wieder aufzuspringen, sobald man an einen komplizierten Punkt kommt. Stattdessen sollte man Momente des Nachdenkens aushalten können. Ein bisschen Sitzfleisch braucht es schon.«

Mythos 4: Farben helfen beim Lernen, deshalb sollte man immer alles mit Textmarker anmalen.

Langemeyer: »Im Studium habe ich das selbst gemacht. Ich habe alles Mögliche unterstrichen – am Ende sah der Text aus wie ein bunter Flickenteppich. Wenn man alles hervorhebt, hebt sich am Ende aber gar nichts mehr hervor. Das sollte man also vermeiden.

Ich empfehle bei der Textarbeit, lieber mit Exzerpten zu arbeiten. Man schreibt sich Gedanken heraus, kommentiert sie und stellt dabei Fragen an den Text, ganz so, als würde man mit dem Autor oder der Autorin ins Gespräch kommen. Warum vertritt er oder sie eine Position? Was ist mit diesem Gegenargument? Dann merkt man erst, dass unsere Art zu denken von Standpunkten abhängig ist. Standpunktwechsel und Perspektivenverschränkung sind gute Formen, um das eigene Denken in Bewegung zu bringen.«

Lernen bis ins hohe Alter

Mythos 5: Heutzutage ist Lernen gar nicht mehr so wichtig, weil man alles googeln kann.

Langemeyer: »Das klingt wie das Märchen vom Schlaraffenland: Seit es das Internet gibt, fliegen einem die gebratenen Tauben – also die Wissensbrocken – einfach in den Mund, also in den Kopf. Aber Überfluss stellt uns nicht nur beim Essen vor Herausforderungen. Wenn ich nicht weiß, was warum für mich relevant ist, weiß ich auch nicht, wie ich mit den Suchergebnissen umgehen soll. Wissen muss – wie Essen – gut verdaut werden. Und es wird besser aufgenommen, wenn es schon Wissensstrukturen im Kopf gibt.

Ein dichtes Netz an Wissensstrukturen entsteht, wenn man sich ausgiebig mit Themen, Fachgebieten und Problemlösungen beschäftigt. Je mehr ich darüber weiß, umso besser bin ich darin, nach den relevanten Informationen zu suchen. Erst dann kann Google wirklich nützlich sein.«

Mythos 6: Der Gehirnspeicher ist begrenzt. Irgendwann verdrängt neues Wissen das alte.

Langemeyer: »Das ist einer der größten und schwerwiegendsten Irrtümer übers Lernen. Unser Gedächtnis ist nur dann begrenzt, wenn es schlecht vorstrukturiert ist, ich also kein sinnvolles System habe, in dem ich Informationen ablegen kann. Ein unstrukturiertes Gedächtnis ist wie ein schlechtes Sieb – vieles rutscht durch, nur weniges bleibt hängen.

Es stimmt aber, dass die Kapazität, sich in einem Moment an bestimmte Dinge zu erinnern, begrenzt ist. Selbst wenn ich sehr viel zu einem Thema weiß, kann ich nicht alles auf Anhieb abrufen. Deshalb fühlt man sich von zu vielen Informationen gleichzeitig überfordert. Wer gelernt hat, Informationen in bekannte Strukturen einzuordnen, bekommt dieses Überforderungsgefühl aber nicht so schnell. Heißt wiederum: nicht punktuell lernen, sondern sich umfassend mit Themen auseinandersetzen und anwendungsbezogen denken.«

Mythos 7: Die Fähigkeit zu lernen nimmt mit dem Alter ab.

Langemeyer: »Entscheidender als das Alter ist, wie geübt man im Lernen ist – und auch die ständige Bereitschaft dazu. Auch hier gilt wieder: Gut aufgebaute Wissensstrukturen und Emotionen wie Neugier oder Freude erleichtern es, neues Wissen aufzunehmen. Zum Beispiel wird derjenige es leichter haben, eine neue Sprache zu lernen, der schon eine andere Fremdsprache kann. Dann weiß man schon, was prinzipiell dafür notwendig ist: Grammatik, Vokabeln, Aussprache...

Zudem ist es wichtig, ein Leben lang offen zu bleiben und neue Perspektiven auf die Welt entstehen zu lassen. Ein breites Wissen und Perspektivenwechsel bewahren uns vor einem geschlossenen Weltbild. Ein Maurer, der sein ganzes Leben mit einer Kelle, Mörtel und Steinen gearbeitet hat, wird wahrscheinlich nicht auf die Idee kommen, dass man Wände aus Holz zimmern oder aus recycelten Produkten herstellen kann. Wenn er hingegen schon mal mit Hammer und Säge und mit verschiedenen Materialien gearbeitet hat, wird er bei neuen Bauvorhaben kreativer denken. Eine Vielfalt von Erfahrungen sorgt dafür, dass wir auch im Alter noch empfänglich für Neues bleiben.«

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