Social Entrepreneurship Wie sozial sind Sozialunternehmen?

Geld verdienen, aber für die gute Sache: Unternehmen mit gemeinnützigem Zweck passen zum Zeitgeist. Eine feste Definition fehlt allerdings – was auch Gründer vor Herausforderungen stellt.
Mit unternehmerischen Mitteln gesellschaftliche Herausforderungen angehen – das ist das Ziel beim Social Entrepreneurship (Symbolbild)

Mit unternehmerischen Mitteln gesellschaftliche Herausforderungen angehen – das ist das Ziel beim Social Entrepreneurship (Symbolbild)

Foto: 10'000 Hours / Getty Images

Was ist ein Sozialunternehmen?

Social Entrepreneurship, Social Business oder Sozialunternehmen – all diese Begriffe sind im Deutschen gebräuchlich und meinen im Kern: ein Unternehmen, dessen Ziel nicht Profit ist, sondern die Lösung eines gesellschaftlichen Problems.

Eine gesetzliche Definition gebe es hierzulande zwar im Gegensatz zu anderen Ländern noch nicht, sagt Sabrina Konzok, Vorstandsvorsitzende des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (kurz SEND). Der Verein hat aber eine Arbeitsdefinition entwickelt, mithilfe derer er auch über die Aufnahme neuer Mitglieder entscheidet.

Laut dieser Definition  macht Social Entrepreneurship aus, dass…

  • das primäre Unternehmensziel die Lösung gesellschaftlicher (explizit auch sozialer oder ökologischer) Herausforderungen ist;

  • dieses Ziel durch unternehmerische Mittel erreicht wird;

  • neue und innovative Lösungen dafür gefunden werden;

  • steuernde und kontrollierende Mechanismen sicherstellen, dass die gesellschaftlichen Ziele intern und extern gelebt werden.

Ob ein Unternehmen zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems beiträgt, entscheidet der Verein anhand der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen . Dazu gehören etwa bezahlbare und saubere Energie oder die Beseitigung von gesellschaftlichen Ungleichheiten. Ein Unternehmen muss auf mindestens eines dieser Ziele einzahlen, um aufgenommen zu werden. Die gemeinnützige Suchmaschine Ecosia etwa pflanzt mit den Gewinnen aus Werbeanzeigen Bäume; die Organisation Arbeiterkind unterstützt junge Menschen, die als Erste in ihrer Familie studieren.

Wozu braucht es Sozialunternehmen? Gibt es für solche Aufgaben nicht staatliche Institutionen und die Wohlfahrt?

Tatsächlich hat Deutschland einen starken Sozialstaat und eine lange Tradition in der Wohlfahrt, auch durch nicht-staatliche Träger wie Kirchen oder das Rote Kreuz. Sabrina Konzok sieht Sozialunternehmen jedoch nicht als Konkurrenz zu diesen Institutionen, sondern als Erweiterung – und auch als Innovationsmotor: »Bestehende Systeme tun sich schwer damit, sich selbst zu erneuern«, sagt sie. »Antworten aus der Vergangenheit funktionieren nur bedingt für Herausforderungen der Gegenwart oder Zukunft.« Sozialunternehmen könnten da neue Lösungen anbieten – insbesondere bei drängenden Themen wie Klimawandel oder Digitalisierung.

Wie finanzieren sich Sozialunternehmen?

Um sich zu finanzieren, verkaufen Sozialunternehmen Produkte oder Dienstleistungen, werben um Spenden oder Crowdfunding-Unterstützung oder beziehen Fördergelder von Bund, Ländern und EU.

Es kann also stark variieren, wie viel Business im Social Business steckt. Ein nachhaltiges Modelabel kann ebenso darunterfallen wie eine kostenfreie Beratungsstelle für Jugendliche. »In unserem Netzwerk gibt es Akteure, die marktorientiert sind, aber auch solche, die weniger marktorientiert sind«, sagt Konzok, »und natürlich alles dazwischen.«

Wie sich Sozialunternehmen zwischen diesen unterschiedlichen Finanzierungsmöglichkeiten bewegen und sie zum Teil auch kombinieren, zeigt das Beispiel von GoBanyo. 2019 taten sich die Kommunikationsmanagerin Gülay Ulaş und drei Kolleg:innen zusammen, um eine Idee zu verwirklichen: einen Bus, der in Hamburg umherfährt und Menschen ohne Wohnsitz die Möglichkeit gibt, kostenlos zu duschen. Den Betrieb des ersten Busses realisierte das Unternehmen über Crowdfunding. Seitdem finanziert sich GoBanyo über Spenden, Förderungen und Kollaborationen. »Mittelfristig ist es unser Traum, den Duschservice zu 100 Prozent über ein eigenes Produkt zu finanzieren«, sagt Ulaş. Denkbar wäre etwa ein eigenes Duschgel.

Welche Rechtsform hat ein Sozialunternehmen?

Im deutschen Recht ist Social Entrepreneurship bislang noch nicht als eigene Organisationsform verankert. Stattdessen kommen theoretisch beinahe alle gängigen Formen infrage – also GmbHs, Unternehmergesellschaften, eingetragene Vereine, Genossenschaften, Stiftungen oder Einzelunternehmen. Gründer:innen müssen abwägen: »Die Herausforderung ist, sowohl gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen als auch finanzielle Stabilität«, sagt Konzok. Beides kann je nach Rechtsform unterschiedlich gut möglich sein.

Eine zentrale Frage ist die, ob das Unternehmen den rechtlichen Status der Gemeinnützigkeit tragen soll. Ein gemeinnütziges Unternehmen genießt steuerrechtliche Vergünstigungen, außerdem darf es Spenden entgegennehmen. Andererseits unterliegt es strengen Vorschriften, wie es seine Einnahmen einsetzen darf. Gerade marktorientierte Unternehmen kann das ausbremsen, weil sie nur begrenzt in neue Projekte oder Geschäftsfelder investieren können.

Laut einer aktuellen Untersuchung  des SEND und der Bertelsmann Stiftung ist die klassische GmbH die häufigste Rechtsform bei Sozialunternehmen – dicht gefolgt von deren gemeinnütziger Version, der gGmbH, und dem gemeinnützigen eingetragenen Verein.

Für eine gGmbH entschieden sich nach fast einem halben Jahr Überlegen schließlich auch Gülay Ulaş und ihre Mitgründer:innen. Ihre zweite Wahl für GoBanyo wäre ein eingetragener Verein gewesen, sagt Ulaş. »In einem Verein muss man aber viel mehr Schleifen drehen, jeden großen Schritt mit der Mitgliederversammlung abstimmen. Das wäre uns als Gründungsteam zu langsam gegangen.« Außerdem könne man als Verein nur begrenzt Produkte vertreiben.

Wie lässt sich sicherstellen, dass ein Sozialunternehmen wirklich etwas Gutes bewirkt?

Soziales Engagement und Umweltschutz gehören auch in der Wirtschaft inzwischen zum guten Ton. Doch der Weg etwa zum Greenwashing ist oft nicht weit.

Im Social Enterpreneurship ist es deshalb wichtig, die Wirksamkeit des eigenen Tuns belegen zu können. Um ins SEND-Netzwerk aufgenommen zu werden, stehe die sogenannte Wirkungsmessung »an allererster Stelle«, sagt Vorstandsvorsitzende Konzok.

Wie sehr ein Unternehmen wirklich auf einen guten Zweck einzahlt, lässt sich auf unterschiedliche Weise messen. Ökologische Faktoren, etwa eingespartes CO₂, sind inzwischen relativ gut zu beziffern. Schwieriger wird es bei sozialen Zielen. Auch hier ließen sich zwar Kennzahlen ermitteln, so Konzok: »Bei einer Lernplattform kann man beispielsweise angeben, wie viele Lernende man erreicht hat.« Das sei jedoch nur der Anfang, denn mehr als um Zahlen ginge es darum, die positiven Folgen auf einer größeren Ebene darzustellen. »In diesem Fall zum Beispiel: Wie erhöhen sich die Chancen auf ein besseres Leben, wenn mehr Leute Zugang zu Bildungsangeboten haben?«

In den Grundsätzen des Vereins  wird außerdem wiederholt auf die Bedeutung von Kontrollmechanismen in der unternehmerischen Struktur hingewiesen. Dadurch, dass Gewinne reinvestiert statt ausgeschüttet werden, soll ein »Mission-Drift« verhindert werden. Das bedeutet, dass die gesellschaftlichen Ziele gegenüber den wirtschaftlichen nicht in den Hintergrund geraten sollen.

Gibt es staatliche Vorgaben für Sozialunternehmen?

Wählt ein Sozialunternehmen eine gemeinnützige Rechtsform, gelten besondere Regeln – schließlich geht dieser Status mit Steuervergünstigungen einher. Die Organisationen müssen in einer Satzung genau festlegen, was ihre gemeinnützigen Zwecke sind und mit welchen Mitteln sie diese erreichen wollen. Das Finanzamt überprüft, ob die Satzung auch wirklich eingehalten wird und sich niemand unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit bereichert.

So dürfen Mitarbeitenden nur marktübliche Gehälter ausgezahlt werden, Ausschüttungen und Schenkungen sind ausgeschlossen. Stattdessen müssen alle überschüssigen Einnahmen zu 100 Prozent in den in der Satzung genannten Zweck fließen. Auch die Verhältnisse müssen stimmen: So können beispielsweise nicht 80 Prozent des Budgets für Gehälter ausgegeben werden.

Wie streng die Auflagen an eine gGmbH sind, erlebt Gülay Ulaş immer wieder. Als Unternehmenszwecke stehen in der Satzung von GoBanyo: Wohlfahrt, freiwilliges Engagement, Unterstützung von Menschen ohne festen Wohnsitz und Bildungsarbeit. »Trotzdem dürfen wir nicht einfach anfangen, Suppe an unsere Duschgäste auszugeben«, sagt Ulaş. Nur die in der Satzung beschriebenen Zwecke sind erlaubt. Um Probleme zu vermeiden, arbeite das Unternehmen eng mit einer auf Gemeinnützigkeit spezialisierten Steuerberaterin zusammen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sozialunternehmer:innen noch?

Auf der gesellschaftlichen Ebene mangelt es Sabrina Konzok von SEND zufolge vor allem noch an Sichtbarkeit und klaren Rahmenbedingungen für Sozialunternehmen. »Die Politik beginnt gerade erst aufzuwachen und den gesellschaftlichen Mehrwert von Social Entrepreneurship zu erkennen«, sagt sie. Auch im allgemeinen Verständnis von Wirtschaft komme soziales Unternehmertum bisher kaum vor. »Eine Gesellschaft, die weiß, dass es neue unternehmerische Lösungswege gibt, investiert vielleicht auch anders«, so ihre Hoffnung.

GoBanyo-Mitgründerin Gülay Ulaş sorgt sich derweil insbesondere um ihre Mitarbeitenden. Gerade, wenn man mit Ehrenamtlichen arbeite, laufe man Gefahr, eine Utopie abzubilden. »Man denkt, das Unternehmen funktioniert, obwohl es großteils nicht bezahlte Arbeit ist«, sagt Ulaş. Langfristig wolle GoBanyo deshalb mindestens 50 Prozent der Mitarbeitenden ins Hauptamt bringen. Doch auch um die Festangestellten mache sie sich bisweilen Sorgen: »Wenn man für eine soziale Vision arbeitet, ist es manchmal schwer, Feierabend zu machen.« Sie und ihr Team haben sich vorgenommen, auch in dieser Hinsicht nachhaltig zu sein und auf ihre persönlichen Grenzen zu achten.

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