Berufseinstieg als Softwareentwicklerin »Ob man gut programmiert, hat doch nichts mit dem Geschlecht zu tun«

In der Schule entdeckte Silke Meinschien ihre Leidenschaft fürs Programmieren, jetzt arbeitet sie in der Gamingbranche. Für sie der perfekte Job – auch wenn sie anderswo viel mehr verdienen könnte.
Aufgezeichnet von Florian Gontek
Softwareentwicklerin Silke Meinschien: »Für mich war es spannend zu sehen, was mit Code möglich ist«

Softwareentwicklerin Silke Meinschien: »Für mich war es spannend zu sehen, was mit Code möglich ist«

Foto: InnoGames GmbH

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Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Silke Meinschien, 25, arbeitet als Softwareentwicklerin – und ist ihrem Informatiklehrer noch heute dankbar, dass er ihr die Freude am Programmieren vermittelt hat.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Zur Serie

»Manchmal gibt es im Leben Menschen, die Türen öffnen, die man vorher vielleicht noch gar nicht gesehen hat. Wäre damals in der Oberstufe nicht die Begeisterung meines Informatiklehrers gewesen – ich bin mir nicht sicher, ob ich heute Softwareentwicklerin wäre. Vorher hatte ich zwar gern mal Computer gespielt, ›Anno‹ zum Beispiel. Dass man mit IT auch selbst etwas kreieren kann, habe ich aber erst durch den Informatikunterricht so richtig verstanden. Dort programmierten wir mit Java zwar nur ganz simple Dinge, ›Hello World ‹ etwa oder eine einfache Treppe. Für mich war es aber total spannend zu sehen, was mit Code möglich ist.

»Ich verdiene 45.000 Euro brutto im Jahr, damit bin ich gerade voll zufrieden.«

Heute programmiere ich als Junior-Softwareentwicklerin Online-Games bei einem Spielentwicklerstudio in Hamburg. Manche dieser Games spielt man ausschließlich über den Browser, andere auf Handy und Computer, wieder andere nur auf dem Smartphone. Ich persönlich bin für Browser-Games zuständig.

Meine Aufgabe ist, dass Aktionen im Spiel so angezeigt und die Daten so weiterverarbeitet werden, dass für die Nutzerin oder den Nutzer alles korrekt dargestellt wird. Ich kümmere mich also um die komplette Anzeige der Grafiken und sorge zum Beispiel dafür, dass man eine Stadt im Spiel auch als solche erkennen und sich darin bewegen kann. Der Fachbegriff dafür ist ›Frontend ‹.

Ein Master, der Energie raubte

Nach meinem Bachelor in Medieninformatik in Lübeck habe ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber angefangen und nebenbei einen berufsbegleitenden Master begonnen, ebenfalls in Lübeck. Arbeit und Studium gleichzeitig – gegen Ende hat das viel Kraft gekostet. Auch wenn mir nur noch eine Hausarbeit und die Abschlussarbeit fehlen, habe ich mich deshalb im Frühjahr dieses Jahres entschlossen, den Master erst mal auf Eis zu legen. Für meine Gesundheit war das die bessere Entscheidung.

Mein Arbeitgeber hat mich im April trotz fehlendem Masterabschluss als Junior-Softwareentwicklerin übernommen, dafür bin ich sehr dankbar. Ich mache jetzt den Job, den ich auch mit einem Master machen würde – und die Aufgaben, die ich schon während des Studiums übernommen habe, nur eben in Vollzeit. Momentan verdiene ich 45.000 Euro brutto im Jahr, damit bin ich gerade voll zufrieden. Ich kann einen Job machen, der mir Freude bereitet und in dem ich mich weiterentwickeln kann. Aufs Geld habe ich nicht geschaut, als ich die Stelle angenommen habe.

Gehälter in der Gaming-Branche

Hohe Einstiegsgehälter, attraktive Prämien, flexible Arbeitszeiten: Nachwuchskräfte in der IT werden geradezu hofiert  – nur in der Gaming-Branche ist das nicht immer so. Zwar ist der Markt in den vergangenen Jahren enorm gewachsen , auch während der Pandemie – die Gehälter allerdings nicht. »Gaming lebt von den Leuten, die eine Leidenschaft dafür haben. Das ist eine Branche von Enthusiast:innen«, sagte Malte Behrmann , Professor an der bbw-Hochschule in Berlin. Bei Großunternehmen lasse sich ein Vielfaches verdienen, dennoch würden sich Menschen bewusst für die Gaming-Branche entscheiden, ihrer Leidenschaft wegen. Eine Förderung des Bundes könnte allerdings bald etwas an den Gehältern ändern: Seit 2019 wird die Branche bezuschusst, das sei ein kleiner Hoffnungsschimmer, sagt Behrmann.

Ich habe hier im Unternehmen flexible Arbeitszeiten, kann vor Ort und mobil arbeiten, und bekomme weitere Benefits wie einen monatlichen Zuschlag zum ÖPNV-Ticket oder einen Nichtraucher:innen-Bonus von 30 Euro pro Monat – und ich kann mich weiterbilden. Gerade Letzteres ist mir extrem wichtig. Ich habe in diesem Monat zum Beispiel noch ein Seminar, in dem es um persönliches Auftreten geht. Auch in solchen Dingen will und muss ich mich noch verbessern, wenn ich gut im Team arbeiten und mich im Unternehmen weiterentwickeln möchte.

Im Studium habe ich vor allem gelernt, logisch und analytisch zu denken und meine Zeit klug einzuteilen. Klar habe ich daraus auch Grundlagen der Programmierung mitgenommen, aber das ist für meinen Job jetzt nicht das Entscheidende. In jedem Bereich, in dem ich bislang gearbeitet habe, musste ich sowieso eine neue Programmiersprache lernen.

Einmal ein Spiel von Anfang an mitprogrammieren

Dass ich in einer angeblichen Männerdomäne arbeite, hat mich bei meiner Berufswahl nicht interessiert. Es stimmt, ich arbeite häufiger mit Männern zusammen als mit Frauen. Ich finde es aber eher schade, dass sich anscheinend viele Frauen davon abschrecken lassen. Ob man gut programmiert, hat doch rein gar nichts mit dem Geschlecht zu tun.

In zehn, 15 Jahren bin ich hoffentlich noch immer in der Gaming-Branche unterwegs. Ich hätte Lust, mal ein Spiel von Beginn an mitzuprogrammieren. Bislang bin ich immer nur in ein bestehendes Set eingestiegen, so etwas mal von Anfang an zu begleiten, das wäre schon richtig cool.«

Wie wird man Softwareentwickler:in?

Der klassische Weg in die Softwareentwicklung führt über ein Studium an einer Hochschule oder Universität. Auch eine Ausbildung, etwa im Bereich Fachinformatik, ist eine Alternative. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, eine berufliche Weiterbildung  zu machen, immer häufiger auch im Rahmen von kurzen, intensiven Bootcamps .

Fertig ausgebildeten Softwareentwickler:innen können etwa bei EDV-Dienstleistern arbeiten, in der IT-Abteilung großer Unternehmen, in der Gaming-Branche oder in einem Ingenieurbüro. Die IT gilt als Zukunftsbranche; dem Dekra-Arbeitsmarktreport  zufolge richtet sich schon jetzt jede zehnte Stellenanzeige an IT-Fachkräfte.

Je nachdem, in welchem Bereich man arbeitet, kann das Einstiegsgehalt unterschiedlich ausfallen (siehe anderer Infokasten). Laut StepStone-Gehaltsreport  verdienen Absolvent:innen im Schnitt 48.920 Euro brutto pro Jahr.

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