Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Sonderpädagogik gewusst hätte

Angehende Sonderpädagogen lernen, Kinder und Jugendliche individuell zu betreuen. Eine Studentin erzählt, wie das Studium aufgebaut ist – und wieso man die wichtigsten Erfahrungen abseits der Uni macht.
Aufgezeichnet von Veronika Silberg
Sonderpädagog:innen arbeiten in Regel- und Förderschulen, in Wohnheimen oder Werkstätten (Symbolbild)

Sonderpädagog:innen arbeiten in Regel- und Förderschulen, in Wohnheimen oder Werkstätten (Symbolbild)

Foto: monkeybusinessimages / iStockphoto / Getty Images
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020.

Für die Fächer auf den ersten 30 Plätzen dieses Rankings gibt es jeweils ein Porträt – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Für die weiteren Porträts haben wir zusätzlich mit einbezogen, nach welchen Fächern besonders viele Menschen suchen. Weit oben stehen dann etwa Soziologie, Philosophie und Pharmazie. Grundlage ist hier eine Auswertung von Google für den Zeitraum 2021 bis September 2022.

Sonderpädagog:innen betreuen Kinder und Jugendliche, die im regulären Unterricht nicht hinreichend gefördert werden können. Sie arbeiten an Regel- und sogenannten Förderschulen, aber auch in außerschulischen sozialen Einrichtungen, Wohnheimen oder Werkstätten.

Katrin Bock, 27, hat gerade ihr Masterstudium in Sonderpädagogik an der Universität Hamburg abgeschlossen. Hier erzählt sie, wie das Fach ihren Alltag verändert hat, wo sie an Grenzen gestoßen ist und warum sie sich keine Sorgen macht, einen Job zu finden.

Die Entscheidung fürs Sonderpädagogik-Studium

»Um Sonderpädagogik zu studieren, sollte man reflektiert sein und vor allem Menschen mögen, sich für sie interessieren. Die meisten Sonderpädagogik-Studierenden kommen mit Vorerfahrung an die Uni. Viele meiner Kommiliton:innen hatten bereits ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Praktika in dem Bereich absolviert. Ich selbst war nach dem Abitur für ein FSJ an einer Förderschule  in meiner Heimat. Für mich war das ein Schlüsselerlebnis: zu sehen, was die Kinder und Jugendlichen können, wie sie sich in diesem geschützten Raum entwickelten. Leider haben viele im Alltag ja nur selten Berührungspunkte mit Menschen mit Behinderung.

»Ich habe mich durch das Studium in gewisser Hinsicht selbst gefunden.«

Im Studium hat mir gefallen, dass man viel über die Entwicklung des Menschen lernt. Das Fach ist sehr weit gefasst. Allein die verschiedenen Arten von Behinderungen sind sehr individuell. Zudem lernt man einiges über sich selbst. Das klingt jetzt so groß, aber ich habe mich durch das Studium in gewisser Hinsicht selbst gefunden. Außerdem habe ich einen anderen Blick auf das Thema Inklusion bekommen, ich frage mich im Alltag jetzt häufig: Wie gehen wir damit um? Wie reden wir nicht nur über Menschen, sondern mit Menschen?«

Formale Voraussetzungen für ein Sonderpädagogik-Studium
  • Hochschulreife: Nicht für alle Studiengänge braucht man Abitur, manchmal genügt auch die Fachgebundene Hochschulreife oder Fachhochschulreife. In Ausnahmefällen kann eine fachspezifische Ausbildung oder Berufserfahrung die Hochschulreife ersetzen.

  • Numerus clausus: Die meisten Sonderpädagogik-Studiengänge sowie Lehramtsstudiengänge für Förderschulen haben einen Numerus clausus (NC). Der richtet sich auch nach den Bestandteilen des Studiums, etwa dem Unterrichtsfach oder dem gewählten Förderschwerpunkt.

  • Vorpraktika oder fachspezifische Berufspraktika werden von den meisten Hochschulen für ein Sonderpädagogik-Studium empfohlen. An einigen Universitäten, etwa in Hannover , sind sie verpflichtend.

  • Fremdsprachen: Bis zum Referendariat müssen Sonderpädagogik-Studierende an vielen Hochschulen zwei Fremdsprachen nachweisen. Das ist mit der Allgemeinen Hochschulreife meist bereits erfüllt.

Was man noch mitbringen sollte: Geduld, Empathie, Begeisterung für Kommunikation und Organisation sowie eine gewisse Stressresistenz. Zusätzlich rät die Universität Halle-Wittenberg  zu einer belastbaren Stimme: Sie empfiehlt »die Erstellung eines phoniatrischen Gutachtens«. Eine Voraussetzung ist die Stimmuntersuchung allerdings nicht.

Inhalte und Aufbau des Studiums

»Sonderpädagogik-Studiengänge sind meist in drei Teile unterteilt: in ein oder zwei gewählte Unterrichtsfächer, einen erziehungswissenschaftlichen Teil und einen sonderpädagogischen Teil. Eigentlich studiert man also drei unterschiedliche Fächer – das zu managen ist manchmal eine kleine Herausforderung.

Insgesamt ist das Studium sehr hausarbeitenlastig. Ich habe als mein Unterrichtsfach allerdings Arbeitslehre und Technik gewählt, das umfasst unter anderem Kochen sowie Arbeiten in der Holzwerkstatt und mit Textilien. Dementsprechend hatte ich mehr praktische Prüfungen als andere. Man kann auch klassisch Deutsch, Mathe oder Biologie wählen. Die Kurse dazu besucht man dann teilweise mit Leuten, die das jeweilige Fach grundständig belegen, also Germanistik- oder Mathematikstudierenden. Ein spannender Austausch, um aus der Pädagogikblase herauszukommen.

Mögliche Fächer und Module
  • Mögliche Unterrichtsfächer: Je nach Hochschule wählt man ein oder zwei Fächer aus, die man später unterrichten möchte. Unter anderem werden Deutsch, Biologie, Chemie, Englisch, Geschichte, Französisch, Kunst, Theater, Mathematik, Musik, Physik, Religion/Ethik und Sport angeboten. Je nachdem, ob man sich auf Grundschulen oder weiterführende Schulen spezialisiert, ist die Zahl der möglichen Unterrichtsfächer möglicherweise begrenzt.

  • Mögliche Fächer aus den Erziehungs- oder Bildungswissenschaften: Erziehung, Bildung und Gesellschaft; Theorien des pädagogischen Handelns; Sozialisationstheorien und Sozialisationsinstanzen

  • Mögliche Fächer aus der Sonderpädagogik: Psychologische Grundlagen der Förder- und Inklusionspädagogik; Emotionale und soziale Entwicklung; Gesellschaftliche, familiale und personale Perspektiven der Inklusion

In den meisten Fällen setzt sich das Sonderpädagogik-Studium aus einem Bachelor und einem Master zusammen. Im Anschluss folgt der Berufseinstieg als Sonderpädagog:in – oder ein Referendariat, um anschließend als Lehrkraft zu arbeiten. Manche Studiengänge sind nur auf Lehramt ausgerichtet. Zusätzlich gibt es duale Angebote und Aufbaustudiengänge, die einen Quereinstieg ermöglichen.

Am meisten mitgenommen habe ich aus den praktischen Teilen des Studiums. Im Nachhinein hätte ich das noch mehr nutzen sollen. Man tendiert dazu, sich Vorerfahrungen oder Nebenjobs anrechnen zu lassen. Aber gerade in der Sonderpädagogik lernen wir, dass jeder Mensch individuell und alles kontextbezogen ist. Was letztlich zählt, sind die Erfahrungen und die Menschen, die man kennenlernt.

»In der Sonderpädagogik ist es Alltag, dass die Dinge nicht so funktionieren, wie man sie sich vorgenommen hat.«

Manchmal stößt man dabei auch an seine Grenzen. Sonderpädagogik kann herausfordernd und belastend sein. Es ist Alltag, dass die Dinge nicht so funktionieren, wie man sie sich vorgenommen hat. Mir hat es geholfen, mich früh zu vernetzen und Erfahrungen mit anderen Studierenden zu teilen.

Aufbau und Förderschwerpunkte des Studiengangs sind in jedem Bundesland und an jeder Uni anders. In Hamburg starten alle mit dem Förderschwerpunkt ›Lernen‹, also Schüler:innen mit Lernschwierigkeiten zu unterstützen. Danach wählt man einen zweiten Schwerpunkt. Diese Spezialisierung soll den Grundstein für die spätere Berufsrichtung legen. Meiner Erfahrung nach sind Sonderpädagog:innen aber so gefragt, dass man hinterher dennoch flexibel ist. Natürlich hat man in seinem Bereich mehr Know-how. Aber die Schwerpunktwahl schränkt weniger ein, als ich am Anfang gedacht habe.«

Förderschwerpunkte in der Sonderpädagogik

Je nach Hochschule werden unterschiedliche Schwerpunkte angeboten. Manchmal spezialisiert man sich auf einen, manchmal auf mehrere. Nicht in allen Bundesländern gibt es alle Schwerpunkte, zum Teil werden sie auch zusammengefasst. Die Kultusministerkonferenz  unterscheidet etwa zwischen:

Lernen

körperliche und motorische Entwicklung

geistige Entwicklung

Sehen

Hören

emotionale und soziale Entwicklung

Sprache

In Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein gibt es zudem einen eigenen Autismus-Schwerpunkt. Kinder, die lange Zeit im Krankenhaus verbracht haben, werden häufig unter dem Schwerpunkt »Kranke« zusammengefasst. Seit 2012 gibt es in einigen Bundesländern zudem den Förderschwerpunkt »Lernen, Sprache und emotional-soziale Entwicklung (LSE)«, der schwerpunktübergreifend angelegt ist.

Berufsaussichten nach dem Studium

»Sonderpädagog:innen können an allen Schulformen eingesetzt werden. Während des Studiums habe ich durch mein Unterrichtsfach vor allem an Stadtteilschulen und in regionalen Bildungszentren hospitiert. Immer häufiger gehen Sonderpädagog:innen auch an außerschulische Einrichtungen. Einige meiner Kommiliton:innen haben etwa Praktika im Gefängnis oder in Sozialeinrichtungen gemacht. Wer nach dem Masterabschluss als Lehrkraft in den Schuldienst möchte, muss meist ein Referendariat anschließen, mittlerweile heißt das Vorbereitungsdienst.

»Ich habe erst spät gecheckt, dass wir ganz gut bezahlt werden.«

Sonderpädagog:innen sind derzeit sehr gefragt. Ich habe auch erst spät gecheckt, dass wir ganz gut bezahlt werden, ähnlich wie Gymnasiallehrkräfte. Geld spielt in dem Beruf aber eine relativ untergeordnete Rolle – das ist genau wie eine mögliche Verbeamtung eher ›nice to have‹.

Allerdings sind Sonderpädagog:innen an Schulen teilweise für so viele Kinder gleichzeitig zuständig, dass sie gar nicht individuell auf die Menschen eingehen können. Das verleitet nach dem Abschluss viele dazu, in den außerschulischen Bereich zu gehen. Zumindest in meinem Umfeld ist das so. Ich bin jetzt an der Uni und unterrichte angehende Sonderpädagog:innen.«

Branchen und Gehälter

Wer im Schuldienst als sonderpädagogische Lehrkraft arbeiten möchte, muss an Bachelor und Master noch einen sogenannten staatlichen Vorbereitungsdienst anschließen, also ein Referendariat. Danach können Sonderpädagog:innen je nach Studiengang, Universität und Bundesland an Grundschulen, weiterführenden Schulen und Förderschulen arbeiten.

Außerschulisch werden Sonderpädagog:innen in den unterschiedlichsten sozialen Einrichtungen gebraucht. Mitunter ist der Einstieg dort schon nach dem Bachelorabschluss möglich.

Sonderpädagog:innen verdienen laut dem Gehaltsreport der Karriereplattform StepStone  im Durchschnitt 40.200 Euro brutto pro Jahr. Grundschullehrkräfte werden in der Regel schlechter bezahlt als Lehrkräfte an weiterführenden Schulen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels fehlte »Sprache« in der Liste der möglichen Förderschwerpunkte. Wir haben die Infobox entsprechend ergänzt.

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