Soziale Angststörung »Jede Begegnung fühlte sich wie eine Prüfung an«

Fabian fürchtete sich als Teenager vor jedem Schultag. Hannah traute sich aus Angst vor Ablehnung nicht, Bewerbungen zu schreiben. Wenn aus Unsicherheit eine Krankheit wird – und was Betroffenen hilft.
Betroffene einer sozialen Angststörung fürchten sich davor, kritisiert zu werden (Symbolbild)

Betroffene einer sozialen Angststörung fürchten sich davor, kritisiert zu werden (Symbolbild)

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Heidi Mayer / plainpicture

Das Herz schlägt bis zum Hals, die Hände werden feucht, die Stimme zittert. Eine Professorin etwas fragen oder vor Arbeitskollegen eine Idee präsentieren – allein der Gedanke daran kann Menschen mit sozialer Angststörung in Panik versetzen. Betroffene vermeiden solche Situationen oder ertragen sie unter großer Furcht. Und das kann ein Problem sein, gerade in der Ausbildung, im Studium oder beim Berufseinstieg – Lebensabschnitte, in denen man sich ständig beweisen muss.

In Europa und den USA erfüllen etwa sieben bis 13 Prozent der Menschen  mindestens einmal in ihrem Leben die Kriterien einer sozialen Angststörung , damit ist sie eine der häufigsten psychischen Erkrankungen. Betroffene hätten Angst, im Mittelpunkt zu stehen und von anderen negativ beurteilt zu werden, erklärt Falk Leichsenring, Psychologe und Professor an der Universität Gießen. Diese Angst könne auf bestimmte Kontexte wie mündliche Prüfungen beschränkt sein, oder in allen sozialen Situationen auftreten.

Oft werde die soziale Angststörung als Schüchternheit missverstanden und unterschätzt, sagt Leichsenring. Der Unterschied zur Schüchternheit sei jedoch, dass eine soziale Angststörung großes Leid und erhebliche Einschränkungen im Leben der Betroffenen verursache.

Angst vor der Schule, den Noten, der Klasse

Fabian kämpft seit seinem 14. Lebensjahr mit sozialer Angst. Die Angst sei ausgebrochen, als er schlechte Noten und deshalb viel Druck in der Schule hatte, erzählt der heute 26-Jährige. In seiner Klasse sei viel gemobbt worden, das habe ihn beunruhigt: »Ich hatte Angst, wegen meiner schlechten Leistungen negativ aufzufallen und abgelehnt zu werden.« Zwischenzeitlich habe er sich gar nicht mehr in die Schule getraut und zwei Wochen krankschreiben lassen.

Er habe er nachts oft nicht schlafen können und unter Panikattacken gelitten. Im Unterricht sei es ihm aufgrund der ständigen Angst schwergefallen, sich zu konzentrieren. »Die Angst hat mir viel Energie abverlangt«, sagt Fabian. In der elften Klasse habe seine damalige Freundin ihn zu einem Hypnosetherapeuten gebracht, aus Sorge. Geholfen habe ihm diese Methode zwar nicht. Doch noch im selben Jahr habe er die erste von insgesamt drei Psychotherapien begonnen – und es schließlich durch die Schulzeit geschafft.

Und nach der Schule? Eigentlich habe er studieren wollen, sagt Fabian, doch die Angst habe ihm wieder im Weg gestanden: Was würden seine Kommilitonen von ihm denken? War er den Ansprüchen der Uni überhaupt gewachsen?

Soziale Angst trete meist bereits im Kindes- oder frühen Jugendalter auf, sagt Psychologe Leichsenring. Meist entstehe sie im Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen: Kinder, die in der Schule gemobbt oder von ihren Eltern ständig abgewertet würden, erkrankten mit einem höheren Risiko. Ihr Selbstwertgefühl sinke, denn sie verinnerlichten die negativen Bewertungen ihrer Mitmenschen und beurteilten sich schließlich selbst so.

Jede soziale Situation eine Prüfung

Hannah galt bei ihrer Familie als zurückgezogenes und schüchternes Kind, so erinnert sich die 33-Jährige heute. Sie habe sich ständig gesorgt, was andere über sie denken, und sich selbst schlecht gemacht. Als Jugendliche hätten Ärzte eine Depression diagnostiziert, doch sie habe schon damals vermutet, dass es noch etwas anderes sein musste.

Als sie von zu Hause auszog, hätten sich die Symptome verschlimmert, sie habe das Haus kaum noch verlassen, erzählt Hannah. »Schon den Müll rauszubringen, war schlimm für mich, weil ich immer Angst hatte, dass mir ein Nachbar über den Weg läuft und ich mit ihm reden muss. Jede Begegnung fühlte sich wie eine Prüfung an.« Einen Ausbildungsplatz zu finden, sei ihr damals schier unmöglich erschienen, schon am Schreiben einer Bewerbung sei sie gescheitert. Denn ihr Kopf habe unablässig gesagt: Ich bin nicht gut genug, ich werde abgelehnt.

Gefahr der Isolation

Eine soziale Angststörung kann die Karriere stark beeinflussen, weiß Psychologe Leichsenring. Sie führe häufig dazu, dass Betroffene in ihrer Ausbildung nicht vorankommen oder ihren Job nicht richtig ausführen könnten, weil sie zum Beispiel Präsentationen fürchteten und sich in Meetings nicht trauten, etwas zu sagen.

Ein großes Problem sei, dass sich Betroffene häufig keine oder erst sehr spät Hilfe suchten, sagt Leichsenring. Denn für viele sei schon der Anruf beim Therapeuten eine große Hürde. Dabei ließe sich die soziale Angststörung gut behandeln: Leichsenring und Kolleginnen fanden in einer Studie  heraus, dass Psychotherapie in rund 70 Prozent der Fälle zu einer langfristigen Besserung führt.

Dennoch gibt es Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Angst nie eine Ausbildung oder ein Studium beginnen oder dieses nicht abschließen. Auch solche haben sich bei der Recherche zu diesem Artikel gemeldet. Öffentlich darüber sprechen wollten sie nicht.

Herausforderung Universität

Fabian machte nach dem Abitur zunächst eine stationäre Therapie. Seitdem wisse er, dass die Angst – egal wie stark sie ist – nach einer Weile immer wieder abflaue, sagt er. Und dass man sich ihr stellen müsse, um sie zu besiegen.

Danach begann er eine Ausbildung zum Kinderpfleger in dem Kindergarten, den er als Kind besucht hatte. Die leitende Erzieherin habe er noch gekannt, und die Urteile von Kindern weniger gefürchtet als die Gleichaltriger. Während der Ausbildung habe er das Selbstvertrauen gesammelt, sich doch noch an der Uni einzuschreiben.

Einführungstage, Referate und Gruppenarbeiten – all das sei für ihn dennoch eine große Herausforderung gewesen, erzählt Fabian. Am Uni-Leben habe er kaum teilgenommen, sei nie ausgegangen, meist allein geblieben. »Ich habe mich oft geärgert, dass ich an dem, was am Studieren Spaß macht, nicht so richtig teilnehmen konnte.« Trotzdem sei es ihm an der Uni besser gegangen als in der Schule. Heute arbeitet Fabian an einer App, die es Menschen mit sozialer Angst erleichtern soll, sich Hilfe zu suchen.

Mit der Angst leben

Auch Hannah erhielt vor vier Jahren die richtige Diagnose, begann eine Therapie – und fand eine Ausbildungsstelle, wie Fabian in einem Kindergarten. In den ersten Tagen im neuen Job sei die Unsicherheit aber wieder da gewesen, erinnert sie sich: »Ich hatte ständig Angst, etwas falsch zu machen. Und dann ist man natürlich erst recht langsamer und vergisst Dinge.« Schließlich habe sie ihrer Chefin von ihrer Angst erzählt, seitdem falle ihr die Arbeit leichter.

Was tun, wenn soziale Situationen Angst machen?
  • Betroffenen mit leichter sozialer Angst empfiehlt Psychologe Falk Leichsenring, eine Liste mit gefürchteten Situationen anzufertigen und sich diesen schrittweise zu stellen. Man könne zum Beispiel damit einsteigen, eine fremde Person auf der Straße nach dem Weg zu fragen – und sich hocharbeiten bis zu einer kleinen Rede auf einem Familienfest.

  • Bei starker Angst rät Leichsenring jedoch zu einer Therapie.

  • Das gilt besonders dann, wenn die Angst über einen langen Zeitraum hinweg anhält und den Alltag erheblich einschränkt.

  • Die Kassenärztliche Bundesvereinigung  bietet online eine Arzt- und Therapeutensuche an. Außerdem vermitteln regionale Terminservicestellen über eine Hotline  Erstgespräche mit Psychotherapeuten.

Hannah rät anderen Betroffenen, sich ihren Mitmenschen anzuvertrauen und gefürchtete Situationen nicht zu vermeiden. »Es ist nicht schlimm, wenn man eine soziale Phobie hat. Sondern nur, wenn man in dieser untergeht und nichts dagegen tut.«

Hannah und Fabian sagen, ihr Leben sei heute nicht mehr von Angst bestimmt. Beide glauben aber, dass die Angst sie in leichterer Form immer begleiten wird.

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