Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Soziale Arbeit gewusst hätte

Steffi Vogt hat nach ihrer Ausbildung Soziale Arbeit studiert. Hier erklärt sie, warum sie auch Juravorlesungen besuchen musste. Und was sie im Studium über das Leben gelernt hat.
Aufgezeichnet von Lisa Srikiow
Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter unterstützen Menschen in herausfordernden Lebenslagen (Symbolbild)

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter unterstützen Menschen in herausfordernden Lebenslagen (Symbolbild)

Foto: Klaus Vedfelt / Digital Vision / Getty Images
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Nach dem Ende ihres Studiums begleiten staatlich anerkannte Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter Menschen in herausfordernden Lebenslagen. Sie unterstützen unter anderem Kinder, Jugendliche, Senioren, Menschen mit Behinderungen oder Menschen mit Migrationsgeschichte in ihrem Alltag. Sozialarbeiter arbeiten in Kitas, Schulen, Behörden oder Kommunen, in Stiftungen oder Verbänden.

Steffi Vogt*, 25, hat an der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel Soziale Arbeit studiert. Hier erklärt sie, warum sie nach ihrer Ausbildung zur Gestalterin noch etwas ganz anderes studieren wollte. Und warum auch Vorlesungen über Jura und VWL für Sozialarbeiterinnen wichtig sind.

Die Entscheidung für Soziale Arbeit

»Ich bin über Umwege zu meinem Studium gekommen. Mit 16 habe ich eine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing begonnen und anschließend ein Freiwilliges Soziales Jahr an einer Grundschule absolviert. Die Begleitseminare zum FSJ wurden von Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen organisiert. Ihre Arbeit hat mich sehr beeindruckt, sie wurden Vorbilder für mich. Andere Menschen ein Stück weit begleiten und sie bei ihren Herausforderungen unterstützen – das wollte ich auch.

Also machte ich über den zweiten Bildungsweg meine Fachhochschulreife und schrieb mich für Soziale Arbeit an einer Fachhochschule ein.«

Formale Voraussetzungen für ein Studium der Sozialen Arbeit:

Was man sonst noch mitbringen sollte: Als Sozialarbeiter arbeitet man oft mit Menschen zusammen, die marginalisiert oder benachteiligt werden. Empathie, Offenheit und Toleranz sind Grundbedingungen für diese Arbeit.

Inhalte und Aufbau des Studiums

»Am Anfang war vieles herausfordernd. Ich wusste nicht, was es bedeutet, wissenschaftlich zu arbeiten. In der Schule war das nie ein großes Thema gewesen und in meiner Ausbildung hatte ich vorwiegend handwerklich gearbeitet. Ohne Abitur hatte ich auch ganz andere Voraussetzungen: Ich musste erst verstehen, wie man in der Bibliothek recherchiert, wie man eine Literaturliste anlegt und mir den wissenschaftlichen Schreibstil aneignen. Zum Glück gab es genügend Einführungsangebote für uns Erstsemester, in denen diese Methoden erklärt wurden.

Ich erfüllte zwar alle Erwartungen, meine Noten waren sehr gut. Rückblickend würde ich aber sagen, dass ich im Studium mehr Eigeninitiative hätte zeigen können. Was ich damit meine: Ich war mit Anfang 20 noch recht jung. Ich habe einfach noch nicht erkannt, welchen Mehrwert es gehabt hätte, wenn ich beispielsweise auch Autoren gelesen hätte, die nicht auf dem Lehrplan standen.«

Typische Pflichtfächer: Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit, Handlungsfelder der Sozialen Arbeit, Rechtliche Grundlagen Sozialer Arbeit, Bezugsdisziplinen der Sozialen Arbeit (Grundlagen der Erziehungswissenschaft, Psychologie, Sozialmedizin, Sozialpolitik, Soziologie)

Mögliche Wahlbereiche: Migration und Interkulturalität, Sozial-/Raum- und Gemeinwesenarbeit, Mediatisierung und Soziale Arbeit, Schutz (Ombudschaft), Gesundheit und Krankheit

Weiter Informationen gibt es zum Beispiel im Modulhandbuch der TH Köln. 

»In den ersten beiden Semestern spielt Recht eine große Rolle – also Sozial-, Verwaltungs- oder Fürsorgerecht. Viele tun sich schwer damit, aber Sozialarbeiterinnen sollten sich mit gesetzlichen Vorgaben vertraut machen. Wer mit Menschen mit Behinderung arbeitet, muss das Teilhabegesetz kennen. Wer finanziell schwache Klienten unterstützt, sollte sich mit Kündigungsschutz im Wohnraummietrecht, Verbraucherinsolvenz oder Pfändungsschutz auskennen. Weitere Schwerpunkte des Studiums sind Grundlagen der Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie.

Dazu gab es verschiedene Vertiefungsmöglichkeiten. Ich habe Inhalte aus dem Sozial- und Projektmanagement und der Volkswirtschaftslehre gewählt. Das ist hilfreich, wenn man später im Management einer sozialen Einrichtung arbeiten möchte.«

»Fallmanagement ist eine zentrale Methode der Sozialarbeit. Wir haben uns zum Beispiel mit traumasensibler Sozialarbeit beschäftigt: Zuerst lernten wir mögliche Auslöser und Folgen eines Traumas kennen. Dann übten wir, wie man die Klientinnen beraten und konkrete Hilfsangebote machen würde, diese organisiert, kontrolliert und evaluiert. Allerdings war das nicht so leicht, weil wir die Fälle im Seminar nur simuliert haben, es fehlten eigene Praxiserfahrungen.

Die sammelt man im Studium an anderer Stelle: Ich war während meines Praxisprojekts in einer Kirchengemeinde und habe dort die Freiwilligenarbeit begleitet und weiterentwickelt.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»In meinem Studiengang kamen viele Altersklassen zusammen. Ich war eine der Jüngeren. Viele Kommilitonen hatten bereits Berufserfahrung. Manche Erzieherinnen beispielsweise studieren Soziale Arbeit, um sich weiterzubilden. Andere orientieren sich mit diesem Studiengang noch einmal ganz um. Außerdem gibt es viele Arbeiterkinder, zu denen auch ich zähle. Diese Diversität ist sehr schön.

Faszinierend fand ich auch, dass mich das Studium in meiner eigenen Entwicklung vorangebracht hat. Irgendwann fängt man an, Dinge aus seinem Alltag pädagogisch zu interpretieren. Im Studium lernt man zum Beispiel, wie man Gespräche führt und lösungsorientiert vorgeht – das ist nicht nur für den Beruf wertvoll, sondern auch für den eigenen Alltag. Man reflektiert sehr viel über seine eigene Erfahrung und Entwicklung: Wie bin ich aufgewachsen? Wie habe ich gelernt? Was hat mich geprägt? Meine Persönlichkeit fließt in meinen Beruf mit ein.

Mittlerweile studiere ich im Master Theologie und Soziale Arbeit in Kassel. In welchem Bereich genau ich später arbeiten möchte, weiß ich noch nicht. Jugend- und Kinderhilfe schließe ich für mich aus, aber Gemeinwesenarbeit beziehungsweise Quartiersmanagement zum Beispiel interessiert mich. Es gefällt mir, verschiedene Akteure in Kontakt zu bringen und ein Netzwerk aufzubauen.«

Branchen und Gehälter:

Um die staatliche Anerkennung als Sozialarbeiterin oder Sozialarbeiter zu bekommen, muss ein längeres Praktikum während oder nach dem Studium absolviert werden. Die Berufschancen für Sozialarbeiter sind sehr gut, nicht erst seit der Coronakrise werden Fachkräfte händeringend gesucht.

Ihre Einsatzfelder  sind vielfältig: Sozialarbeiterinnen arbeiten in Jugendämtern, Sozialdiensten, Kitas, Alten- oder Pflegeheimen, in der Wohnungslosenhilfe, der Suchtberatung oder in Bildungsstätten. Je nach Spezialisierung sind sie in der Beratung, im Sozialmanagement, in der Supervision oder auch Mediation tätig. Laut Bundesagentur für Arbeit  verdienen Berufseinsteiger unter 25 Jahren durchschnittlich 3075 Euro brutto im Monat.

*Hinweis: Die Protagonistin möchte anonym bleiben, deshalb ist ihr Nachname geändert. Ihr echter Name ist der Redaktion bekannt.

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